Passagen

Spurensucher

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Reiseliteratur im Zeitalter der Globalisierung.

Der Prozess der Globalisierung hat das Fremde verschlungen und machte damit auch die beliebten Reisebeschreibungen obsolet, jene Literatur, die unsere Sehnsucht stillte und unser Fernweh nährte. Vorbei war´s mit der Fahrt in die Fremde, mit der Entdeckung „unbekannter“ Landschaften. Denn wo sich an einst verschwiegenen Orten längst der Massentourismus tummelt, die Traumpfade ausgetreten sind und wo es kaum eine Landschaft gibt, die nicht schon x-fach digitalisiert wurde, wird deren Beschreibung überflüssig. Von der Couch aus können wir uns in die entlegensten Gebiete der Erde zappen und uns von Terra-X-Journalisten die großen Mysterien der Welt erklären lassen. In diesem medialen Overkill gibt es kein Abenteuer mehr – nirgends. Entsprechend erklärte die deutschsprachige Literaturwissenschaft am Ende der 1980er Jahre den Reisebericht für tot.

Doch seit einigen Jahren stellen wir erstaunt die Rückkehr einer neuen Reiseliteratur fest: Ihre Autoren folgen den Spuren ihrer berühmten oder vergessenen Vorbilder und setzen sich mit deren Berichten und Erfahrungen auseinander, während sie alte Routen real nachvollziehen.

Literatur der Spurensucher

Vielleicht haben sie auch alle Bruce Chatwin gelesen, dessen erster veröffentlichter Langprosatext In Patagonien das Kultbuch der späten 1970er und 80er Jahre war. Seine Leitidee war das Konzept des Nomadischen, sein Sehnsuchtsmotiv das Stückchen Haut aus der Vitrine im Wohnzimmer seiner Großmutter, „dick und ledrig, mit Strähnen borstigen rötlichen Haars“. Chatwin hatte frühe Reiseberichte und wissenschaftliche Texte im kulturellen Gepäck; mit ihnen verband er seine Imagination Patagoniens. Als literarischer Reisender war er ein Spurensucher, der die Kunst der Verknüpfung eigener und fremder Texte so gut beherrschte, dass man ihm vorwarf, Patagonien selbst komme in seinem Buch gar nicht vor.

Chatwins Werke waren kaum in die bestehenden Kategorien einzuordnen: Waren es Reisebücher oder Romane? Auch für die hier beschriebene moderne Reiseliteratur ist eine Kategorisierung schwierig. Denn ihre Bandbreite sowie die Intentionen ihrer Autoren, die ich hier exemplarisch mit vier Werken vorstellen möchte, sind weit gefächert: Sie reichen von der journalistischen Detektivarbeit bis hin zur kunstvollen Verwebung von Fakten  und Fiktion.

Gemeinsam ist ihnen die Häufigkeit metatextueller und intertextueller Referenzen, welche durch die erfahrene Wirklichkeit ergänzt und aufgefrischt werden. Der besondere Reiz dieser Texte liegt im physischen Nachvollzug einer prominenten Reise, die sich auf das Geschriebene auswirkt.

Hatten sich die Autoren des herkömmlichen Reiseberichts eher darauf konzentriert, das Fremde zu beschreiben oder sich selbst als Entdecker zu inszenieren, so zielen die „Spurensucher“ eben nicht auf die Darstellung des noch nie Dagewesenen. Sie verweben die Storys ihrer prominenten oder rätselhaften Vorbilder mit den Erfahrungen der eigenen Reise. Ihre Literatur bleibt auf bekanntem Terrain, kein Vordringen ins „Herz der Finsternis“. Selten gaukeln sie uns Entdeckungen vor. Ihre Autoren sind programmatisch Nach-fahren, möglicherweise Epigonen, die Vergangenes verstehen und verständlich machen wollen.

Zeitreise

Jürgen Neffe zum Beispiel, promovierter Biologe und Wissenschaftsjournalist, begibt sich auf einem Containerschiff und auf der härtesten Matratze seines Lebens auf die Reiseroute von Charles Darwin, 175 Jahre nach dessen legendärer fünfjähriger Reise auf der „Beagle“. Seinen Reisebericht Darwin. Das Abenteuer des Lebens (2006) durchsetzt Neffe immer wieder mit Fragmenten und Reflexionen aus dessen Tagebüchern. Er nimmt seine Leser auf eine unterhaltsame Zeitreise mit, in der er uns die Person Darwins näherbringt und seine Theorien verständlich macht. Neffe wünscht sich, dass die Natur zu ihm sprechen möge – eine äußerst subjektive Erfahrung, die tatsächlich schwer in Worte zu fassen und dem Reisenden selbst vorbehalten ist. In seinem Bericht sprechen vor allem die vielen Vorgängertexte durch ihn. Denn als gebildeter Reisender verfolgt Neffe nicht nur Darwin, der seinerseits schon Alexander von Humboldts Spuren gefolgt war, sondern enthüllt unter anderem auch eine Spur, die ihn seit seiner Schulzeit geprägt hatte: das Foto der zehntausend Jahre alten Abbildungen von Händen, die er aus Chatwins Buch kannte und die sich in seinem Kopf eng mit dem Namen Patagonien verknüpft hatte. Das Auffinden dieser Spuren ist zugleich die Erfüllung eines persönlichen Traums. „Wie könnte ich die Gegend verlassen, ohne die Hände gesehen zu haben?“

Die Bewegung des Nach-fahrens durch den geografischen Raum ist auch als Versuch zu sehen, dem Vorbild nahe zu sein, in seine Fußstapfen zu treten oder gar in seiner Haut zu stecken. Die innere, persönliche Suche verbunden mit dem Motiv der Reise kann zu einer Art Pilgerfahrt werden.

Seelenverwandte

Empathie und persönliche Identifikation prägen auch Karin Ceballos Betancurs Reportage Auf Che Guevaras Spuren. Lateinamerikanische Reisenotizen (2003), in der die Autorin, 50 Jahre später die Fährte ihres Vorbilds aufnimmt, mit seinen Notas de viaje (Deutsche Ausgabe unter dem Titel: Latinoamericana, Tagebuch einer Motorradreise 1951/52) unter dem Arm. Während sie die historische Route von 16.000 Kilometern nachfährt und nach persönlicher Evidenz ihres Helden sucht, geht sie aber vor allem der Frage nach, wie sich die politischen und sozialen Verhältnisse im Laufe eines halben Jahrhunderts verändert haben. Probleme, die auch ihr Vorbild umgetrieben und ihn zum Revolutionär gemacht hatten. Ihre Reportage verbindet Guevaras Reflexionen und Ideen mit dem geografischen Raum, führt sie an ihre Ursprünge zurück und überprüft die heutigen Verhältnisse mit ihren persönlichen Wahrnehmungen. Zu guter Letzt präsentiert Ceballos das Treffen mit Ches Reisegefährten Alberto Granado in Havanna, der sich einem Gespräch verweigert. Das Motiv des Auffindens letzter Augenzeugen gehört fast obligatorisch zur Spurensuche. Zum Schluss Enttäuschung und Weiterkämpfen „hasta la victoria - manchmal“.

Meist scheitert die Spurensuche, was jedoch nicht weiter stört, denn in dieser speziellen Reiseliteratur ist gerade der Weg das Ziel. Die Nach-fahren werden mit ihrem eigenen Zu-Spät-Kommen konfrontiert.

Auf der Suche nach der Wahrheit im Xingu

Spuren können verwischen und Geheimnisse werden mit ins Grab genommen. Darauf weist der brasilianische Journalist und Schriftsteller Bernardo Carvalho hin, der in Nove Noites (2002) dem Selbstmord des nordamerikanischen Ethnologen Buell Quain nachspürt. 62 Jahre nach dessen grausamen Tod sucht Carvalho nach Gründen. Das Motiv der Reise in das Quellflussgebiet des Rio Xingu ist bei Carvalho literarisch gebrochen und führt als innere Bewegung in den „Xingu seiner Kindheit“, die ein starkes Identifikationsmoment mit dem lebensmüden Ethnologen enthüllt. In einer kunstvollen Erzählung vermischt Carvalho historische Personen und Ereignisse mit erfundenen. Dem journalistischen Erzähler stellt er einen fiktiven Freund des Verstorbenen zur Seite, der ihm entgegnet: „Wenn Sie hier nach dem suchen wollen, was in der Vergangenheit begraben ist, müssen Sie wissen, dass Sie sich an der Pforte zu einem Terrain befinden, wo die Erinnerung nicht exhumiert werden kann, denn da Geheimnisse das einzige sind, was man mit ins Grab nimmt, sind sie auch das einzige, was man als Erbe denen hinterlässt, die wie Sie und ich auf einen Sinn hoffen, und sei es nur, weil wir ein Geheimnis vermuten und die Neugier uns umtreibt.“

Nicht jede Fährtensuche ist erfolgreich und mancher Weg endet im Wald. Verdächtig ist eher die Reportage, die den Spurensucher als Entdecker inszeniert und zweifelhafte Erfolge präsentiert, wie David Grann in The Lost City of Z: A Tale of Deadly Obsession in the Amazon (2009). Der New Yorker Reporter gibt vor, das Geheimnis um den letzten großen Gentleman-Explorer Percy Fawcett zu lüften, der 86 Jahre zuvor auf der Suche nach der versunkenen Stadt Z. auf mysteriöse Weise verschwunden war. Grann, der tollpatschige Großstädter im Kampf mit der „grünen Hölle“, entgeht nur knapp den Kaimanen und Piranhas und sieht sich „uralten indianischen Ritualen“ ausgeliefert. Auch hier darf das Gespräch mit der letzten Augenzeugin nicht fehlen und Grann steigert seine Recherchen bis zum Höhepunkt, der sich letztendlich als Ente herausstellt: Die „Entdeckung“ der archäologischen Grabungsfelder Michael Heckenberger, die auf eine hohe Besiedelungsquote des Xingu-Gebietes zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert hinweisen, und deren Existenz in Fachkreisen schon seit den frühen 1990er Jahren bekannt sind. Seine immerhin sehr geschickt konstruierte Reportage ist der Versuch, zu den großen Entdeckern zurückzukehren, wenn auch in ironisch gebrochener Selbstdarstellung. Sie zeigt die Grenzen der Literatur der Spurensuche auf.

Denn die Anforderungen an die moderne Reiseliteratur im Zeitalter der Globalisierung haben sich deutlich verändert. Die wenigsten Entdeckungen werden heute auf Reisen gemacht. Der Erfolg dieser Literatur der Spurensuche mit „Reality“-Charakter liegt vielmehr in einer geschickten Reaktualisierung der Vorgängertexte. Überraschenderweise endet der Weg dieser Literatur nicht in der Virtualität, vor dem Fernseher oder im Internet, sondern in einer ständigen Erneuerung durch den physischen Nachvollzug einer Reise und in der Rückbindung von Vergangenem an die persönliche Erfahrung.
Ulrike Prinz
(1961, München) ist Ethnologin mit Schwerpunkt Kunstethnologie und Mythologie, Redakteurin und Autorin. Von 2001 bis 2004 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München lateinamerikanische Themen. Von 2004 bis 2006 war sie Referentin am Goethe-Institut München und ist seit Oktober 2007 verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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