Die andere Sprache

Dieses Literatur-Dossier zur Kulturzeitschrift Humboldt lässt deutsche und lateinamerikanische, vor allem brasilianische Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die mit besonderem Interesse ihre Diktion erneuern und ihre Sprache verfremden: durch Einbeziehung anderer Sprachen oder durch die radikale Öffnung für intertextuelle Bezüge und außerliterarische Medien. Übersetzung und Vielsprachigkeit sind daher wesentlich für ihr literarisches Schaffen.

– Eh bien, je risquerai d'abord, avant de commencer, deux propositions. Elles paraîtront, elles aussi, incompossibles. Non seulement contradictoires en elles-mêmes, cette fois, mais contradictoires entre elles. Elles prennent la forme d'une loi, chaque fois une loi.
Le rapport d'antagonisme que ces deux lois entretiennent chaque fois entre elles, tu l'appelleras donc, si tu aimes ce mot que j'aime, antinomie.
– Soit. Quelles seraient donc ces deux propositions? Je t'écoute.
– Les voici:
1. On ne parle jamais qu 'une seule langue.
2. On ne parle jamais une seule langue.
(Jacques Derrida, Le monolinguisme de l’autre ou la prothèse d’origine)

    Contador Borges

    Wittgenstein: Die Logik der Leidenschaft

    "Welche Sprache, außer der der Kunst, würde besser dem Aufschrei des Philosophen gerecht, wenn er feststellt, dass in seinem Werk wichtiger sei, was er nicht gesagt hat, als das, was er tatsächlich gesagt hat?" Diese Frage hat den brasilianischen Dichter Contador Borges veranlasst, Wittgenstein! zu schreiben, einen Theatermonolog, der die Paradoxe der Gedanken des österreichischen Philosophen auf die Bühne bringt.Mehr ...

    Wilson Bueno

    Grenzen: In den Zwischenhimmeln der Sprache

    In A Copista de Kafka [Die Kopistin Kafkas] findet der brasilianische Autor Wilson Bueno eine überraschende Überschneidung der europäischen Tradition des Absurden und dem lateinamerikanischen fantastischen Realismus. In diesem Artikel spricht der Autor über die Faszination, die Grenzfragen auf ihn ausüben. Dieses Thema hat er mit großem Einfallsreichtum in Mar Paraguayo bearbeitet, einem Werk, das in einer Zwittersprache - einer Mischung aus Spanisch, Portugiesisch und Guarani - geschrieben ist.Mehr ...

    Augusto de Campos

    "Ein fast viszeraler Dialog mit der Übersetzung"

    Mit seinen "Kunst-Übersetzungen" machte der Dichter Augusto de Campos in Brasilien die einfallsreichsten Autoren bekannt, von provenzalischen Troubadouren bis zu James Joyce, und beeinflusste damit prägend das literarische Repertoire der nachfolgenden Generationen. Zu den deutschsprachigen Dichtern, die er ins brasilianische Portugiesisch übersetzte, zählen Angelus Silesius, Quirinus Kuhlmann, Hölderlin, Arno Holz, Rainer Maria Rilke und August Stramm. In diesem Fragment eines unveröffentlichten Interviews spricht der Dichter über seine intraduções, autonome lyrische Texte, die aus den Übersetzungen von Gedichten anderer Autoren entstehen.Mehr ...

    Augusto de Campos

    Drei intraduções

    Fragmente von Rainer Maria Rilke, Arnold Schönberg und Ludwig Wittgenstein bilden die Grundlage für diese drei intraduções des Dichters Augusto de Campos.Mehr ...

    Augusto de Campos

    Unveröffentlichte Übersetzungen

    Nach der Veröffentlichung von Rilke: Poesia-Coisa und von Coisas e Anjos de Rilke (2001), fährt Augusto de Campos mit seinen Rilke-Übersetzungen fort. Lesen Sie hier unveröffentlichte Übersetzungen ins Portugiesische von drei Gedichten: "Lamento de uma Jovem" ("Mädchen-Klage"), "Tumbas das Hetairas" ("Hetären-Gräber") und "O Encantador de Serpentes" ("Schlangen-Beschwörung").Mehr ...

    Age de Carvalho

    "auf dem einsamen Erdboden wo"

    Sangue-Gesang ist der Titel einer zweisprachigen Lyrikanthologie des Brasilianers Age de Carvalho, die 2006 in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason in Deutschland veröffentlicht wurde. Carvalho lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum. Er beschreibt in einem Interview, wie für ihn das Schreiben zu einem "Weg zur Versöhnung zwischen den verschiedenen Sprachen, die zu meinem Alltag gehören," geworden ist. Mehr ...

    Barbara Köhler

    "Die Beobachterin ist Teil des Systems"

    In ihrem jüngsten Buch Niemands Frau – Gesänge greift die deutsche Dichterin Barbara Köhler Homers Odyssee auf als neuen Impuls für ihre Form von Subversion mit Hilfe der Sprache. In einem Interview spricht sie davon, dass der Erfindungsreichtum der Dichtung auch aus der Verfremdung der eigenen Sprache, aber ebenso durch die spielerische Arbeit mit anderen Sprachen entstehen kann.Mehr ...

    José Kozer

    Der Kopf mit Opfern und Tätern vollgestopft

    Der kubanische Dichter José Kozer, Sohn europäischer Juden, der noch als junger Mensch von Havanna nach New York zog, zeichnet eine kurze biografische Skizze über den Babelschen Ursprung seiner Lyrik sowie über sein Verhältnis zur deutschen Sprache und zur deutschsprachigen Literatur. Als Autor zahlreicher Bücher, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, erläutert Kozer, warum er glaubt, dass Literatur ein unabdingbarer Bestandteil des Multikulturalismus ist.Mehr ...

    Marcelo Rezende

    Arno Schmidt

    Der brasilianische Autor und Kurator Marcelo Rezende entdeckt bei Arno Schmidt den Stimulus für eine Erzählung, die von der "Panne der Subjektivität" sowie einer möglichen Zukunft für die Fiktion handelt. Mit der Begründung der Wahl eines in Brasilien so gut wie unbekannten deutschen Autors als Ausgangspunkt für seine Erzählung zeichnet Rezende einen ungewöhnlichen Weg der literarischen Rezeption.Mehr ...

    Ulf Stolterfoht

    "am rand der heslacher wand bildet ein zeichensystem einen wald"

    Der deutsche Dichter Ulf Stolterfoht spricht in einem Interview darüber, was ihn dazu gebracht hat, in seinem "ethnologischen Gedicht" holzrauch über heslach eine Fiktion rund um einen Dialekt zu komponieren, der vermeintlich von jungen angehenden Dichtern in einem Stuttgarter Viertel gepflegt wird. Bekannt für die Radikalität seiner metalinguistischen, experimentellen Lyrik, erklärt der Dichter, warum ihn Fachsprachen und auch Fremdsprachen reizen, sie als Material für seine schriftstellerische Arbeit zu nutzen. Mehr ...

    André Vallias

    Alles Dichten ist Übersetzen

    Der brasilianische Dichter und Designer André Vallias, Mitinitiator von Veranstaltungen der digitalen Poesie wie "Transfutur" (1990) und "p0es1s" (1992), spricht von der Wiederentdeckung der visuellen Poesie durch die elektronischen Medien zu Beginn der neunziger Jahre. An Vilém Flussers Plädoyer für Vielsprachigkeit erinnernd, spricht Vallias davon, dass das Territorium der Dichtung viel größer ist, als wir vermuten.Mehr ...

    Elisabeth Walther-Bense

    Die Welt der Literatur - Welt-Literatur

    Die Theoretikerin und Semiotikerin Elisabeth Walther-Bense bezeichnet die konkrete Poesie als ein Schlüsselmoment des Kunstdialogs zwischen Brasilien und Deutschland. Sie erinnert an die ersten Kontakte zwischen der Gruppe Noigandres – der Dichter Augusto de Campos, Haroldo de Campos und Décio Pignatari – und der Stuttgarter Gruppe rund um Max Bense und weist auf den internationalen und vielsprachigen Charakter dieser literarischen Bewegung hin.Mehr ...
     
    Humboldt
    Die andere Sprache – Online-Sonderausgabe über Literatur

    Konzeption / Redaktion: Simone Homem de Mello

    Übersetzung: Ricardo Bada (aus dem Portugiesischen ins Spanische), Claudio Daniel (aus dem Spanischen ins Portugiesische), Simone Homem de Mello (aus dem Deutschen ins Portugiesische), George Sperber und Karin von Schweder-Schreiner (aus dem Portugiesischen und dem Spanischen ins Deutsche)

    Lektorat: Renata Dias Mundt (Portugiesisch), Julio Mendívil (Spanisch), Karin von Schweder-Schreiner (Deutsch)