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Dietrich Schulze-Marmeling
Ein Foto und sein „Resonanzboden“

Im Frühjahr 2018 bewirkte ein PR-Termin von drei deutsch-türkischen Profifußballern mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan eine Debatte über Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Ein Buch untersucht Vorgeschichte und Nachspiel dieses PR-Termins – und will das Scheitern der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland erklären.

Von Holger Moos

Der Fall Özil © Verlag Die Werkstatt Am 13. Mai 2018 trafen drei in Deutschland geborene Profifußballer mit türkischen Wurzeln - İlkay Gündoğan, Cenk Tosun und Mesut Özil – den autokratisch regierenden türkischen Präsidenten Erdoğan und posieren mit ihm für die Medien. Im Juni schieden Özil und Gündoğan mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland bereits in der Vorrunde aus. Am 22. Juli erklärte Özil seinen Rücktritt aus der Nationalelf und erhob dabei massive Vorwürfe gegen den Deutschen Fußballbund (DFB), insbesondere den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel, dem er einen „rassistisch-diskriminierenden Hintergrund“ vorwarf.
 
Das Medienecho, das diesen Prozess begleitete, war riesengroß. Dietrich Schulze-Marmeling, renommierter Autor mehrerer Bücher über den Fußballsport, hat mit seinem aktuellen Titel Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus eine erste Analyse vorgelegt. Gleichzeitig zeigt er auf, dass Rassismus im deutschen Fußball eine gewisse Tradition hat. Und er blickt auf die ersten Spieler mit Migrationshintergrund in Bundesliga und Nationalmannschaft zurück. 

Die DFB-Teams wurden bunter

Es begann mit 1974 mit dem Debüt von Erwin Kostedde, dem ersten dunkelhäutigen deutschen Nationalspieler. Fahrt nahm das Mitwirken von Spielern mit Migrationshintergrund in der deutschen Nationalelf spätestens auf, nachdem die Deutschen bei der Europameisterschaft 2004  in der Vorrunde ausschieden. Frankreich hatte bereits 1998 bewiesen, wie erfolgreich ein Multikulti-Team sein kann. Auch der DFB musste die Integration von Einwandererkindern in seine Teams stärker fördern. Ottmar Hitzfeld, damaliger Trainer von Bayern München, formulierte das so: „Wir müssen auch unsere Ausländerkinder für den deutschen Fußball gewinnen. […]Gucken Sie sich unsere Jungenmannschaften heute an: Die bestehen zu 50 Prozent aus Ausländerkindern. Wir verzichten also auf die Hälfte unseres Potenzials, wenn es von vornherein ausgeschlossen ist, die für Deutschland spielen zu lassen.“
 
Die DFB-Teams wurden also bunter und sollten die Antithese zu Parteien wie der AfD sein. Dennoch entschieden sich gerade viele Deutschtürken weiterhin für die türkische Nationalmannschaft – im Gegensatz zu Mesut Özil, der für die deutsche Nationalelf spielte und dafür viel Kritik von türkischen Fans erntete. In Deutschland aber erhielt er 2010 den Integrations-Bambi und wurde im selben Jahr von der Bundeskanzlerin nach einem EM-Qualifikationsspiel ausgerechnet gegen die Türkei in der Kabine besucht, wovon ein viel diskutiertes Foto zeugt.

Unterschwelliger Rassismus

Das Foto von Özil und Gündogan mit Erdoğan im Mai 2018 löste eine viel heftigere Debatte aus. So forderte etwa DFB-Präsident Reinhard Grindel nach der WM-Pleite Özil auf, sich öffentlich zu diesem Treffen mit Erdoğan zu äußern.
 
Grindel begründete das etwas gestelzt mit einem „veränderten Resonanzboden für das Thema Integration“ und benutzte so die rassistische und rechtspopulistische Stimmung im Land, um auf Özil Druck auszuüben. Gleichzeitig machten Kritiker einmal mehr Özil zum Hauptverantwortlichen des Scheiterns. Özils Mannschaftskollege Jérôme Boateng hat dieses Verhaltensmuster treffend so zusammengefasst: „Wenn es gut läuft, sind wir Deutsche. Wenn es schlecht läuft, sind wir Ausländer.“
 
„Ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen hat die Deutschen türkischer Herkunft nie als Mitbürger und Teil des deutschen Staatsvolkes akzeptiert“, schreibt Schulze-Marmeling. Und dieser unterschwellige Rassismus sei durch das sicherlich kritikwürdige Foto mit dem türkischen Präsidenten zum Vorschein gekommen.

„weniger Demokratie ist bei der Planung einer WM besser“

Schulze-Marmeling weist in seinem Buch außerdem auf ein strukturelles Problem des Profifußballs und seiner Vereine und Verbände hin: die Nähe zu Autokraten und Diktaturen sowie die oftmals damit verbundene Korruption. Solange der Nutzen, der aus dieser Nähe entsteht, größer ist als der (Image-)Schaden, werden viele Augen zugedrückt. Man denke nur an den diesjährigen WM-Gastgeber Russland mitsamt seines umstrittenen Präsidenten Putin oder die Vergabe der WM 2022 an das als autoritär geltende Emirat Katar. Für die FIFA sind solche Staaten „Teil der Familie“. 2013 sagte der damalige FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke unverblümt: „Das mag jetzt vielleicht verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser.“
 
Internationale Fußballstars kommen in ihrer Karriere kaum um Fotos mit umstrittenen Politikern oder korrupten Geschäftsleuten herum, schreibt Schulze-Marmeling. So ließ sich der deutsche Ehrenspielführer Lothar Matthäus ohne größeren medialen Aufschrei nicht nur mit Putin ablichten ließ, sondern nahm 2011 auch an einem Propagandaspiel teil, zu dem der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow eingeladen hatte – Kadyrow werden Verbrechen wie Entführungen, Totschlag und Folter zur Last gelegt. Auch Fußballfunktionäre lassen sich immer wieder mit Autokraten und Tyrannen abbilden. Von einzelnen Spielern wie Özil oder Gündogan in solch einem Umfeld vorbildliches Verhalten und einen ordnungsgemäß ausgerichteten moralischen Kompass zu verlangen, zeuge von gehöriger Scheinheiligkeit.

„Gelungene Integration erhöht das Konfliktpotential“

Aber vielleicht kann man die Debatte, die sich an Özil entzündet hat, positiv sehen - im Sinne des Integrationsforschers Aladin El-Mafaalani, der in seinem neuen Buch Das Integrationsparadox Konflikte als Belege für gelungene Integration deutet. Solche Konflikte blieben heute nicht mehr latent wie früher, sondern würden offen ausgetragen: „Gelungene Integration erhöht deshalb das Konfliktpotential“. Und er stellt in einem Deutschlandfunk-Interview fest: „Wenn Menschen gut integriert sind, machen die nicht mehr, was man denen sagt.“ Mit anderen Worten: Sie sind erwachsen geworden und wehren sich gegen Vorschriften vonseiten derjenigen, die sich als gesellschaftliche Mehrheit verstehen. Vielleicht eine Erklärung dafür, weshalb Özil sich nicht für das Erdogan-Foto entschuldigt hat.
 

Rosinenpicker Schulze-Marmeling, Dietrich: Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus
Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2018. 192 S.
ISBN: 978-3-7307-0431-8
 
El-Mafaalani, Aladin: Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018. 240 S.
ISBN: 978-3-462-05164-3

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