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Robert Seethaler
Was macht ein Leben lebenswert?

Robert Seethaler lässt die Toten einer ganzen Stadt sprechen. Sie alle liegen auf dem gleichen Friedhof, genannt ‚das Feld‘. Ihre Geschichten verwebt der österreichische Autor zu einem Ort der Sehnsüchte – der erfüllten und vor allem der unerfüllten.

Von Eva Fritsch

Seethaler: Das Feld © Hanser Berlin Dieses Buch beginnt auf einem Friedhof, und dort endet es auch – ein hermetisch geschlossener Handlungsort. Im Mittelpunkt von Seethalers neuem Roman Das Feld stehen die Toten und die Frage: Was würden sie erzählen, ließe man sie sprechen? Lediglich das erste, der Einführung dienende Kapitel widmet sich einem Lebenden – einem Mann, der auf einer Friedhofsbank über die Toten sinniert: „Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen.“

Was folgt, sind 29 Erinnerungen, die der Autor zu einem kleinen Kaleidoskop zusammenfasst. Klein deshalb, weil es ein eigener Kosmos ist, den Seethaler da erschafft, schließlich kreist der Roman um die Figuren der fiktiven Kleinstadt Paulstadt. Mal widmet Seethaler ihnen nur ein Wort („Idioten.“), mal längere Kapitel. Der österreichische Autor, der mit Ein ganzes Leben bereits das Schicksal eines Menschen nachzeichnete, reißt in seinem Roman Sinnfragen an, die die Lebenden und, so will es der Roman, auch die Toten beschäftigen: Was macht ein Leben lebenswert? Was bleibt, wenn, wie im Tod, nichts mehr von Bedeutung ist? Somit ist das Buch eine Erzählung von den Toten, für die Lebenden geschrieben; in einem Kapitel gibt zum Beispiel der Vater seinem noch lebenden Sohn Ratschläge: „Mach dir keine Mühe, die richtige Frau zu finden. Es gibt sie nicht.“

Erinnerungen an Sehnsüchte, Träume und Reue

Jede der Geschichten entfaltet auf ihre eigene Weise einen Sog, – die Toten sind zwar unterschiedlich alt und erzählen deshalb auch von verschiedenen Zeiten – ihre Erinnerungen jedoch kreisen immer wieder um Ähnliches: um Sehnsüchte, Träume und Reue. Allen Stimmen ist das Timbre Seethalers gemeinsam, eine nüchterne Sprache, die manchmal Weisheiten verkündet: „Man beginnt ja schon mit dem Sterben, sobald man zum ersten Mal an den Tod denkt.“

Die kurzen Sequenzen, in Ich-Perspektive geschrieben, sind mal schwächer, mal stärker miteinander verwoben: Schließlich liegen Mutter und Tochter, Ehemann und Ehefrau nebeneinander im Grab. Da ist zum Beispiel die junge Martha, die ihren Mann Robert zeitlebens zu unsicher und ängstlich empfand: „Er wusste nicht, wie man mit den Dingen des Lebens umgeht.“ Seethaler gelingt eine gewisse Komik, wenn im nachfolgenden Kapitel jener Robert die Beziehung aus seiner Sicht erzählt: „Sie war der Meinung, wir wären wie zwei auseinanderstrebende Äste eines Stammes. Aber das stimmte nicht. Wir hatten keine gemeinsamen Wurzeln.“ Es mutet fast ironisch an, als Martha schließlich unter den Trümmern des einstürzenden Paulstädter Freizeitzentrums begraben wird, ihr Mann dies aber nicht mehr mitbekommt, weil er endlich den Mut fasst, sie zu verlassen.

Bilanz eines Lebens und einer Stadt

Die erzählenden Toten ziehen Bilanz, so wie Franz Straubein, der in kurzen Sätzen sein Leben wie eine Inventarauflistung Revue passieren lässt: „Zwölf Mal Krankenhaus. Siebzehn Angehörige. Drei Frauen.“ Das Feld ist nicht nur die Bilanz verschiedener Menschenleben, sondern auch die einer Stadt: Denn so wie das Leben eine Geschichte von Leben und Verfall ist, so ist auch die Geschichte der Stadt von Aufbau und Zerstörung gekennzeichnet. Schließlich sind zwei wichtige Gebäude von Paulstadt eng mit den Lebensläufen der Bürgerinnen und Bürger verwoben: Bei beiden tragen die Paulstädter – indirekt oder direkt – zur Zerstörung bei, beide Male gibt es Tote.

Zwar gelingt es Seethaler dank seines unaufgeregten Schreibstils, sich nicht in abgedroschenen, altklugen Phrasen zu verlieren, die naheliegend wären bei einem Format wie der Lebensrückschau. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, eine der Figurenzeichnungen so schon einmal gelesen, eine der Geschichten so schon einmal gehört zu haben: Der sanftmütige arabische Gemüsehändler oder der wankelmütige junge Mann, der dem Glücksspiel verfällt, sind Figuren, die archetypisch erscheinen. Was womöglich eine Schwäche des Romans sein könnte, ist vielleicht gerade deswegen seine Stärke: Die Figuren sind nahbar und Geschichten, die banal erscheinen, entfalten so erst ihren Reiz. Es ist der Reiz, – liest man den Roman mehrere Male – immer neue Verflechtungen und Verbindungen zwischen den Toten von Paulstadt zu entdecken.
 

Rosinenpicker Seethaler, Robert: Das Feld
Berlin: Hanser Berlin, 2018. 240 S.
ISBN: 978-3-446-26038-2

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