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Alex Capus
Romantik ohne Kitsch

Alex Capus lässt in seinem neuesten Buch das 18. Jahrhundert zur Zeit der Französischen Revolution lebendig werden. Wie so oft gelingt es ihm, durch Randfiguren der Geschichte einen tiefen Einblick in vergangene Zeiten zu geben.

Von Swantje Schütz

Königskinder © Hanser Spätsommer im schweizerischen Greyerzerland. Auf dem Jaunpass beginnt es heftig zu schneien. Max und seine Frau Tina sind dort mit ihrem Auto unterwegs. Sie rutschen in den Straßengraben und sind binnen kürzester Zeit so eingeschneit, dass sie den nächsten Tag abwarten müssen, zumal es in dieser Höhe auch kein funktionierendes Handynetz gibt. Um sich die Zeit so angenehm wie möglich zu vertreiben, erzählt Max eine Geschichte aus der Gegend des Passes, auf dem sie liegengeblieben sind.

Max hätte seiner Frau auch aus dem Toyota-Handbuch vorgelesen, wenn er eines zur Hand gehabt hätte. Aber so ist es eben die Liebesgeschichte des armen Hirtenjungen Jakob und der reichen Bauerntochter Marie.

Liebe mit Hindernissen

Die Geschichte beginnt in einer Melkhütte im Jahr 1779, die vom eingeschneiten Toyota aus zu sehen sein müsste, gäbe es nicht so viel Schnee. Und sie endet auch wieder in der Gegend. Dazwischen liegen allerdings Jahre, in denen Jakob und Marie getrennt sind, denn der barfüßige Hirtenbengel geht zum französischen Militär und wird ein Soldat mit schwarzen, glänzenden Stiefeln. Marie hingegen bleibt auf dem elterlichen Hof. Erst 1789, wenige Tage vor Ausbruch der Französischen Revolution, sehen sich die beiden wieder  – in Montreuil, dem Landsitz nahe Schloss Versailles, der Elisabeth gehört, der Schwester von Frankreichs König Ludwig XVI.

Zwei Sprach- und Erzählebenen

Alex Capus‘ Königskinder ist ein wunderbares Buch, voller Spannung und Romantik. Es dauert allerdings eine Weile, bis man sich an den Erzähler Max und an die immer wieder unterbrechende Tina gewöhnt – man möchte vielmehr der Geschichte von Jakob und Marie folgen.
 
Max und Tina aus dem Heute haben ihre moderne Sprache, Jakob und Marie hingegen bewegen sich in der Sprachwelt des 18. Jahrhunderts. Dieser lebendige Wechsel der Ebenen zeigt dem Leser umso deutlicher, dass es sich bei der Erzählung in der Erzählung um eine wahre Geschichte handelt – oder handeln soll. Denn Max sagt selbst: „Wobei es gar nicht so wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt.“ Die Prinzessin und ihren Landsitz gab es jedenfalls wirklich.

Höchste Erzählkunst

Über Capus‘ Erzählkunst meint Johannes Kaiser im Deutschlandfunk Kultur treffend: „Capus ist ein Meister der atmosphärischen Beschreibung. Er braucht nur wenige Worte, um anschaulich und detailreich, bisweilen deftig das Leben in den Bergen ebenso wie das vorrevolutionäre Leben vor und im Schloss von Versailles zu beschreiben. Man hat sofort ein Bild vor Augen.“
 
Der in der Normandie geborene Schweizer Autor hat mit Jakob auf großartige Weise einen liebenswerten, einfühlsamen Protagonisten geschaffen. Einmal wollen vier Knechte von Maries Vater Jakob verprügeln, nachdem er und Marie ein paar Tage auf der Alp verbracht haben. Jakobs Reaktion schildert Capus sehr anrührend: „Jakob würde gerne versuchen, den Kampf zu vermeiden, wenn es möglich wäre; erstens, weil jeder der vier Knechte auch einmal ein Kind war und eine Mutter, ein Lieblingsspielzeug und einen großen Traum hatte, und zweitens, weil ein Kampf immer Gefahr bedeutet, gegen welchen Gegner auch immer.“
 
Rosinenpicker Capus, Alex: Königskinder
München: Carl Hanser Verlag, 2018. 185 S.
ISBN: 978-3-446-26009-2

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe
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