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Friedrich Ani
Dunkle Seelenverwandte

Zwei Männer wollen verschwinden. Doch dann muss der eine den anderen suchen. Und als sie sich finden, reden und trinken sie viel. Ein neuer Fall für Friedrich Anis Detektiv Tabor Süden.

Von Holger Moos

Der Narr und seine Maschine © Suhrkamp Wer wollte nicht schon aus seinem Leben aussteigen? Wer hat nicht schon in einem Bahnhof die sich stets verändernde Anzeigetafel der abfahrenden Züge betrachtet und dabei das Gefühl für Zeit und Raum verloren? In Friedrich Anis neuem Roman Der Narr und seine Maschine stehen zu Beginn zwei Männer selbstvergessen in der Münchner Stadtlandschaft. Doch bei beiden ist es mehr als ein vorübergehender Zweifel am Leben, es handelt sich um eine existenzielle Verlorenheit. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde.
 
Einer der beiden Männer ist Tabor Süden, ehemaliger Kriminalhauptkommissar in der Vermisstenstelle der Münchner Kripo und ehemaliger Privatdetektiv, der diesen Dienst nach dem tragischen Tod eines Kollegen quittierte. Dieser Ausstieg führte in ein Leben, dessen „Tage mit Finsternis begannen und in Finsternis endeten“. Nun findet er sich in der Bahnhofshalle und will alles hinter sich lassen.

Warten auf den Tag X

Cornelius Hallig ist der zweite Lebensmüde. Unter dem Pseudonym Georg Ulrich war er ein sehr erfolgreicher Krimiautor. Doch der Erfolg bedeutet ihm nichts, ebenso wenig der vergangene Ruhm. Auch ihn treibt eine innere Düsternis um. An einem sehr heißen Julitag taumelt er in einem der Temperatur nicht angemessenen Schurwollmantel durch die Stadt.
 
Gelebt hat er jahrzehntelang in einem Hotel, früher gemeinsam mit seiner Mutter. Doch seit deren Tod wartet er auf seinen eigenen Tag X. Er begibt sich an Orte seiner Vergangenheit, „Erinnerungsruinen“, einem Tier ähnlich, das einen geeigneten Platz zum Sterben sucht: „Wie in Trance oder unter Hypnose war er den Fetzen und Fratzen seiner Träume gefolgt, verstört von der Verwandlung der Trugbilder in reale Straßen, Gebäude und Gesichter. Als wäre er sein eigener Traumfänger, durch dessen Magie die dunkelsten Schatten aus ihm wichen.“

Stammgäste der Zeitlosigkeit

Tabor Süden wird von seiner ehemaligen Chefin davon abgehalten, tatsächlich zu verschwinden. Sie bewirkt, dass er sich auf die Suche nach Hallig macht. Süden, der „unzählige Arten des Schweigens beherrschte“, zieht in eben das Hotel ein, in dem Hallig lebte, und beginnt seine unorthodoxen Nachforschungen. Er betreibt eine Art detektivisches Method Acting.
 
Natürlich findet Süden den verschwundenen Schriftsteller. Die beiden Seelenverwandten begegnen sich im Johanniscafé im Münchner Stadtteil Haidhausen, wo die Zeit stillzustehen scheint. Seit Eröffnung des Cafés 1924 gab es acht Päpste, aber nur drei Wirte. Es ist ein „Niemandsland, vollgepropft mit Stammgästen der Zeitlosigkeit“. Die beiden mit Abstand ältesten Gäste an diesem Abend trinken, schweigen viel und sinnieren.

Eine Hommage

Das Buch ist eine Hommage an den amerikanischen Kriminalschriftsteller Cornell George Hopley Woolrich und dessen düstere Werke. Wie die Figur des Cornelius Hallig alias Georg Ulrich verbrachte auch Woolrich die meiste Zeit seines Lebens schreibend in Hotelzimmern, Tür an Tür mit seiner Mutter. Woolrich starb im Frühherbst 1968 in einem solchen Hotelzimmer an einem Schlaganfall. Dem Roman von Friedrich Ani steht ein Zitat von Woolrich voran: „Ich habe nur versucht, den Tod zu überlisten. Ich wollte nur etwas länger am Leben bleiben, als mir zustand. Ein Narr und seine Maschine.“ Wer mehr über den Zusammenhang zwischen Anis Roman und dem Leben Woolrichs erfahren möchte, lese Anis Essay auf culturmag.de.
 
Anis Werk, das, wie üblich bei diesem Autor, zwar als Krimi firmiert, jedoch wenig Spannung und schon gar keine Action bietet, sondern durch literarische Seelenerkundung überzeugt, endet für Süden dort, wo es anfing – am Bahnhof, mit dem Schreibmaschinenkoffer von Hallig in der Hand. Nun personifiziert Süden den Narren und seine Maschine. Angesichts der zunehmenden Seelenverdunkelung muss man sich Sorgen machen um Anis Helden und fragt sich, wie lange das noch gut gehen kann.
 
Rosinenpicker Ani, Friedrich: Der Narr und seine Maschine
Berlin: Suhrkamp, 2018. 143 S.
ISBN: 978-3-518-42820-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe
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