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Robert Feustel
Gott ist ein Gigabyte

Lernen Maschinen wirklich das Denken? In seinem Buch zeigt Robert Feustel, wie wir die Digitalisierung zur Religion erhöhen.

Von Jakob Rondthaler

Feustel: Am Anfang war die Information © Verbrecher Verlag „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“, heißt es in der Bibel, im ersten Kapitel des Johannesevangeliums. Am Anfang war die Information heißt das Sachbuch, das Robert Feustel im Verbrecher Verlag veröffentlich hat. Ein ziemlich gelungener Titel. Denn einerseits greift Feustel damit vor auf eine Debatte, die er später in seinem Buch behandelt: die Debatte, wie Information und Semantik, also gewissermaßen Information und die Bedeutung des Worts, miteinander verknüpft sind. Und es geht um die Frage, ob Informationen an sich bereits Bedeutung haben, oder ob sie diese erst dadurch erlangen, dass der Mensch sie rezipiert. Anderseits deutet der Autor durch das Bibelzitat schon im Titel an, was er im Buch darlegt: dass wir die Informationswissenschaft im digitalen Zeitalter – wenn wir denn überhaupt in einem leben – zur Religion erhöhen.

Der Begriff Information – eine schillernde Karriere

Detailliert zeigt er auf, wie die Informationswissenschaft als Disziplin solch eine Karriere machen konnte. Und das, obwohl eine einheitliche Definition des Begriffs bis heute nicht existiert. Auch nach jahrzehntelangen, ja „nach uferlosen Diskussionen […] steht kein auch nur halbwegs klarer Begriff von Information in Aussicht“, schreibt Feustel.

Der Autor zeichnet die lange Ideen- und Begriffsgeschichte der Information nach: von der Industrialisierung, der Erfindung der Dampfmaschinen und der Entdeckung der Thermodynamik bis zur Digitalisierung, dem Aufkommen von Big Data und dem Einsatz von Algorithmen. Nicht immer liest sich das so leicht zugänglich wie zu Beginn des Buchs: Da reißt Feustel das Thema an, indem er eine Folge der Netflix-Serie Black Mirror so anschaulich nacherzählt, dass man das Gefühl hat, sie gar nicht mehr sehen zu müssen. Auch im Laufe des Buches tut es gut, dass Feustel immer wieder Referenzen an die Popkultur (Star Trek) und unseren Alltag (Siri) einstreut – vor allem dann, wenn man zwischen den vielen Zitaten aller möglichen Wissenschaftler gerade dabei ist, ein wenig den Faden zu verlieren.

Fragen, die Erkenntnis stiften

Gerade diese vielen Zitate machen es nicht immer einfach, dem Buch zu folgen. Dafür sind die Teile, in denen Feustel die fremden Gedanken zusammenfasst und in eigenen Worten erklärt, gut lesbar. Und immer wieder gelingen dem Autor überraschend anschauliche Erklärungen: Ein Modell des Wissenschaftlers Claude Shannon zum Zusammenhang von Entropie und Information etwa erläutert Feustel anhand eines Menschen, der an der Bar steht und 16 verschiedene Sorten Gin zur Auswahl hat. Hätte mein Statistik-Professor an der Uni mal solche Beispiele verwendet!

Trotzdem sollte man Am Anfang war die Information nicht am Strand oder in der S-Bahn lesen – wer nicht Informationswissenschaft studiert hat, muss häufig Begriffe nachschlagen. Immer interessant sind aber die Fragen, die Feustel diskutiert. Etwa die, ob Denken am Ende nur bedeutet, besonders gut rechnen zu können, ob es also nur eine Frage der Zeit ist, bis die Maschinen das Denken lernen (Feustel meint: nein). Und es tut gut, dass der Autor Thesen in Frage stellt, die viele einfach hinnehmen: etwa die, dass der Computer die Gesellschaft in gleichem Maße umwälzte, wie es erst die systematische Landwirtschaft und dann die Industrialisierung taten. Das macht Am Anfang war die Information zu einer interessanten, informativen und – wer hätte das bei diesem Thema gedacht? – erfrischenden Lektüre.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Feustel, Robert: „Am Anfang war die Information“. Digitalisierung als Religion
Berlin: Verbrecher Verlag, 2019. 200 S.
ISBN: 978-3-95732-369-9

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