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David Wagner
Ein Riese im Reich des Vergessens

Wir alle sind Meister im Vergessen. Aber was bedeutet es für einen Menschen und sein Umfeld, wenn das Vergessen ein Krankheitsbild ist? David Wagner beschreibt die Erfahrungen mit seinem dementen Vater. Das Ergebnis ist ein berührendes Porträt.

Von Holger Moos

Wagner: Der vergessliche Riese © Rowohlt Erinnerungen sind nur die Spitze des Eisbergs der Vergangenheit. Das Reich des Vergessens ist ungleich größer. Wenn sich Menschen in diesem Reich zu verlieren drohen, sprechen wir gemeinhin von Demenz. Diese Krankheit hat etwas Bedrohliches, denn sie bedeutet das allmähliche Verschwinden eines Menschen zu Lebzeiten.
 
Das Thema Demenz ist in den vergangenen Jahren mehrfach literarisch verarbeitet worden, am eindrucksvollsten wohl von Arno Geiger. Schuf Geiger in seinem vielgerühmten Buch über seinen dementen Vater das Gleichnis vom alten König in seinem Exil, so entwirft David Wagner ein anderes Bild. Der vergessliche Riese heißt sein mit dem diesjährigen Bayerischen Buchpreis ausgezeichnetes Buch. Dieser Riese ist sein Vater, dessen Hand „sich nun wieder wie eine Kinderhand anfühlt, dabei war es mal die größte Hand der Welt“.

Fragen in Dauerschleife

Wagner beschreibt weniger das Exil, in dem sich der Demenzkranke befindet, sondern den vergesslichen Menschen selbst. Es ist deshalb nur konsequent, dass das Buch reich an Dialogen ist. So wird die Persönlichkeit des Vaters unmittelbar und plastisch. Die Vergesslichkeit manifestiert sich in Fragen in Dauerschleife, die der Sohn meistens geduldig und ironisch-humorvoll beantwortet.
 
Hin und wieder ist es auch der Sohn, der vergesslich ist, etwa als sein Vater ihn daran erinnert, dass Erich Wolfgang Korngold die Musik zu dem Filmklassiker Robin Hood mit Errol Flynn geschrieben hat. Da fällt dem Sohn ein, „dass ich das alles schon einmal wusste“. Vom Vergessen sind eben nicht nur die Dementen betroffen.
 
„Er schaut wie ein Kind, das weiß, dass es zu Recht ausgeschimpft wird. Wahrscheinlich hatte er vergessen, dass ich da bin“, schreibt Wagner, nachdem sein Vater verbotenerweise frühmorgens mit dem Auto zum Discounter gefahren war, um eine Matratze im Sonderangebot zu kaufen. Es sind solche Szenen, in denen das Mitgefühl des Sohnes immer wieder durchschimmert.

Der deutsche Großkünstler, ein Idiot

Nachdem der Vater zu Hause nicht mehr wohnen kann, folgt der Umzug in ein Altenheim, dieses „Waisenhaus für alte Kinder“. Der Sohn macht einen Ausflug mit dem Vater, von dem dieser nicht mehr nach Hause zurückkehren wird. Er fühlt sich dabei wie ein Verräter. In der Zwischenzeit bereiten seine beiden Schwestern den Umzug des Vaters ins Heim vor.
 
Wagner erzählt auch von den klarsichtigen Momenten des Vaters. So träumt dieser von seinem eigenen Tod und bemerkt: „Es hat sich interessant angefühlt, nur leider konnte ich es niemandem sagen, denn ich war ja tot.“ Ein andermal kommen die beiden auf Anselm Kiefer zu sprechen: ein „deutscher Großkünstler. Dein Alter. Klebt gern Stroh auf seine Gemälde und schreibt Nietzsche-, Wagner- und Celan-Zitate dazu. Das Ausland ist begeistert.“ Darauf antwortet der Vater nur trocken: „Hört sich an, als wäre er ein Idiot“.
 
Wagner ist das stille und feinfühlige Porträt eines sanften Riesen gelungen. Zwar wiederholen sich dessen Fragen, aber dennoch findet er weiterhin seine eigene Sprache. Und am Ende sind Vater und Sohn Freunde, so nennt der Vater den Sohn die ganze Zeit. „Was machst du denn hier, mein Freund?“, fragt er immer wieder überrascht. Und wenn sein Sohn ihm vergangene Geschichten erzählt, entgegnet der Vater: „Du kannst mir viel erzählen. Ich weiß nichts mehr. Und ich sage dir, so schlecht ist das gar nicht.“ Alles ist leise, behutsam und langsam in diesem Buch – und genau das ist das Schöne und Berührende. Nichts wird dramatisiert, aber auch nichts beschönigt. Und plötzlich lesen sich Sätze wie eine unumstößliche Erkenntnis: „Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Wagner, David: Der vergessliche Riese
Hamburg: Rowohlt, 2019. 272 S.
ISBN: 978-3-498-07385-5

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