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Eine neue Musikbibliothek
Filmmusik zum eigenen Leben

Kiwi-Musikbibliothek
© Kiepenheuer & Witsch

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat eine kleine Musikbibliothek gestartet. In den handlichen Büchern legen verschiedene Autor*innen Bekenntnisse zu ihren Lieblingsmusikern ab. Vor allem aber ist die Musik Anlass, sich an sein Leben zu erinnern und darüber nachzudenken, was wirklich zählt.

Von Holger Moos

Tino Hanekamp hätte zunächst ein Buch über Bruce Springsteen schreiben sollen, doch da er Springsteen hasst, schlug er stattdessen Nick Cave, das Idol seiner Jugend, vor. Es wurde die Hommage, ja die Huldigung eines Fans, der zwischenzeitlich versuchte, sich von seinem Idol zu distanzieren, es aber nicht geschafft hat. Hanekamp, der in jungen Jahren von seinen Freunden „Westentaschen-Nick-Cave“ genannt wurde, nähert sich seinem Vorbild daher voreingenommen. Nichtsdestotrotz hadert er mit sich und seiner Idolatrie, seiner lächerlichen Hoffnung, dass ein Treffen mit Nick Cave seine Schreibblockade, bezogen auf sein zweites Romanprojekt, lösen kann.
 
Nick Cave arbeitet bekanntlich stark an der Mythenbildung um seine Kunst, aber auch um seine Person. Hanekamp gibt eine Antwort auf die ewige Frage, ob Kunst den Künstler als Menschen oder als Mythos benötigt, um ihre Wirkung zu entfalten: „Man muss dem Menschen nicht begegnen, denn alles, was man braucht, steckt in seiner Kunst und in seinen Worten und ist so viel stärker, wenn der Mann ein Mythos bleibt, eine Projektionsfläche für eigene Gedanken.“ Also besser nicht zu genau hinschauen bei dem Künstler als Mensch, sonst könnte die Wirkung der Kunst schnell verfliegen.

Musik und Depression 

Die Autorin Sophie Passmann hat Frank Ocean als musikalischen Begleiter in allen Lebenslagen ausgewählt – den guten, aber mehr noch den schlechten. Frank Oceans Album Blonde soll auf ihrer Beerdigung laufen, 60 Minuten und 8 Sekunden, damit alle „nicht pseudoandächtig irgendeinem Pfaffen zuhören“, sondern „erst mal abgeturnt … von diesem sphärischen Autotune“ sind.
 
Passmann erzählt dann zur Filmmusik ihres Lebens anhand der einzelnen Songs, wie sie immer tiefer in das Loch der manischen Depression fiel: „Alles, was man in der Manie tut, richtet Schaden an, für den man sich schämen muss. Entweder nach außen … oder … nach innen.“ Doch am Ende wird das Meiste gut und Oceans Musik war bei diesem Prozess ein treuer Begleiter. Passmann denkt heute nur noch so oft an ihre Beerdigung, „wie es für eine egozentrische Frau Mitte zwanzig okay sein sollte“. Aber eins bleibt: Frank Ocean soll auf ihrer Beerdigung laufen.

Boygroup und Punkrock

Eine echte Liebeserklärung an eine sehr prominente ehemalige Boygroup hat die Journalistin und Autorin Anja Rützel geschrieben. Ihre Liebe zu Take That ist ungeschützt, wie sie eingangs feststellt. Sie liebe Take That: „Nicht als Pose, nicht mit ironischem Schutzschürzchen […] – gönnerhafte Popgoutierer, die nie etwas ernst nehmen, nie ihr Herz an offensichtlichen Quatsch verschenken können, sind die schlimmsten und ärmsten Menschen.“
 
Doch zum Glück ist Rützels Text keine unkritische, langweilige Hommage an die vier Jungs, die ja seit ihrer Wiedervereinigung 2005 auch keine Jungs mehr sind. Sie schildert die Höhen und Tiefen der einzelnen Bandmitglieder. Gary Barlow nennt sie zum Beispiel angesichts seines während seines Karrieretiefs massiv zu- und mit zurückkehrendem Erfolg wieder abnehmenden Bauchumfangs das „Stehauf-Wämpchen“. „I got fat to hide from my failure“ lautete der Titel eines Artikels in der britischen Times.
 
Auch Thees Uhlmann erinnert sich an seine Jugend und den Einfluss der Punkrock-Band Die Toten Hosen auf sein Leben. Der ehemalige Tomte-Sänger steigt mit einer Notiz am Schwarzen Brett aus dem Jahr 1988 in sein Buch ein. Dort stand der damalige Schüler des Gymnasiums Warstade in der Hoffnung, dass er frei haben könnte. Stattdessen fand er einen Zettel angepinnt, auf dem stand: „Wer will mit zu dem Toten-Hosen-Konzert in Hamburg? Bus wird organisiert. 10 DM für die Fahrt, 19,99 für die Karte! Eintragen!“
 
Der damals Vierzehnjährige kam der Aufforderung nach und erlebte sein erstes Konzert. Damit geht die Erinnerungsreise in sein von den Toten Hosen geprägtes Leben los. Und wenn einer wie er zwischen Helmut Schmidt und Angela Merkel als Punk in Deutschland aufwächst, bleibt diese Liebe offenbar für immer bestehen. Inwieweit manche seiner Vorlieben mit der Begeisterung für die Düsseldorfer Punkrocker zusammenhängen, weiß er vermutlich selbst nicht. So findet er etwa „Bier in einer Zwei-Liter-PET-Flasche schöner als eine Lampe aus den Siebzigern“. Auch ein passendes Statement für einen in die Jahre gekommenen Punk.

Musik kann Leben verändern

Als nächster Band in der KiWi-Musikbibliothek erscheint ein Buch von Klaus Modick über Leonard Cohen, in dem er erklärt, warum Frauen in seinem Leben kamen und gingen, während Cohen blieb. Anschließend schreibt Lady Bitch Ray über ihr Vorbild Madonna. Zur Musikbibliothek hat der Verlag auch eine kleine Website bereitgestellt, auf der man auch in ein paar Lieder der Lieblingsmusiker/-bands hineinhören kann.
 
Die bisher erschienen vier Bände sind allesamt lesenswert. Es sind keine Musikerbiografien, sondern jeder Band bietet zahlreiche persönliche Geschichten, Gedanken, Erinnerungen, die ohne die dazugehörige Musik so nicht entstanden wären. Diese Musikbibliothek beweist: Musik kann wirklich Leben verändern.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Tino Hanekamp: Nick Cave
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 144 S.
ISBN: 978-3-462-05323-4

Sophie Passmann: Frank Ocean
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 96 S.
ISBN: 978-3-462-05359-3

Anja Rützel: Take That
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 160 S.
ISBN: 978-3-462-05324-1

Thees Uhlmann: Die Toten Hosen
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 192 S.
ISBN: 978-3-462-05369-2

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