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Heinz Strunk
„Leibschneiden, deshalb mit Wärmflasche früh zu Bette“

Was macht eigentlich ein Schriftsteller den lieben langen Tag? Wer das auf unterhaltsame Weise erfahren möchte, sollte unbedingt Heinz Strunks neuestes Werk lesen. Ähnlichkeiten mit den Tagebüchern verstorbener Großschriftsteller sind beabsichtigt.

Von Holger Moos

Strunk: Nach Notat zu Bett © Rowohlt Das Buch basiert auf Strunks Kolumnen für das Satiremagazin Titanic. Diese sind nun unter dem Titel Nach Notat zu Bett. Heinz Strunks Intimschatulle erschienen. Das Ergebnis ist eine Parodie auf das Format Schriftsteller-Tagebuch. Man erfährt sowohl Intimes als auch Lebensgewohnheiten, so etwa, dass Willis Schwenk-Grill Strunks Stamm-Imbiss ist. Im Café 2 Talk verkehrt er ebenfalls regelmäßig und trifft dort u.a. „zwei sehr unangenehme Frauen (Typ Barbara-Schöneberger-Susanne-Fröhlich-Schreckschrauben)“.
 
Auch das Schriftstellergejammer über die eigene Körperlichkeit wird genüsslich und ausdauernd zelebriert („Einschlafprobleme wg. heißer Füße, Burning-Feet-Syndrom“, „Ohrensausen tagsüber“, „Von Sodbrennen geweckt“).
 
Gelesen (und zitiert) werden die Tagebücher von André Gide, Albert Camus, Gerhart Hauptmann, Franz Kafka, Richard Burton, aber auch J. M. Coetzee („Coetzee, der Meister, mein Meister“). Der Massen- und Trashkultur wird ebenfalls gehuldigt, Strunk schaut Fernsehsendungen wie Bares für Rares, Fünfziger-Jahre-Komödien, Naturreportagen und immer wieder Fernsehfilme mit Helmut Zierl (Paraderolle: „sympathischer Volltrottel“). Das Ergebnis: „Abends TV. Stumpf, sehr, sehr stumpf.“

Morgens ein Weiterschlafbier

Alles, was ein wichtiger Mann tut – und als wichtig empfinden sich ja alle Schriftsteller („Was ist ein berühmter Mann? Einer, dessen Vorname nebensächlich ist“) –, ist bedeutungsvoll, natürlich auch der tägliche Speiseplan. Zum Frühstück „Biscuits, kalter Maulbeersaft“, „Mittags Kalbsschlegel in Sauce ravigote“, „Abends Schälbraten mit Morchelgemüse und holländischer Sauce“. Manchmal ist morgens ein „Weiterschlafbier“ nötig. Auch wetterfühlig ist so ein Feingeist: „Milde, regnerische 9 Grad, der erhoffte Wintereinbruch lässt weiter auf sich warten.”
 
Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich die Kontakte zu bedeutenden Zeitgenossen: „Anruf von Meyer-Schulau“ oder „Anruf von Bertram Leyendieker“. Essentiell sind außerdem große literarische Vorhaben: „Generalplan für dieses Jahr: Arbeit gleich an zwei Büchern, einem (hoffentlich) großen, preisverdächtigen (und dann auch preisgekrönten!) Roman und, parallel dazu, einem Erzählungsband.“
 
Die Realität ist allerdings ernüchternd, der literarische Ertrag nach dem „Einlochen“ am Schreibtisch bisweilen kläglich: „Arbeit am Roman in peinlichem Schneckentempo, wie ein Viertklässler.“ Kürzer als der Eintrag am 26. Januar lässt sich eine nihilistische Lebensauffassung kaum zusammenfassen: „Heute nichts. Gilt im Grunde genommen auch für alle anderen Tage, an denen scheinbar etwas passiert, in Wahrheit natürlich: nichts.“

Ironische Hinnahme des Daseins

Eingestreut sind Alltagsbeobachtungen. Kaum ein Autor oder eine Autorin schafft es, in derart flüchtig erscheinenden Skizzen Zwischenmenschliches so genau und gnadenlos zu beschreiben. Andere benötigen viele Seiten, um etwa eine Ehe in Grund und Boden zu schreiben. Strunk erledigt das in ein paar Sätzen: „Ein altes, verbittertes Ehepaar im Fischrestaurant Daniel Wischer. Sie, ihn böse fixierend: ,Ich weiß nicht, woran es liegt, aber alles, was du anfasst, ist danach total verdreckt.' Was für eine Bilanz am Ende eines Ehelebens!“
 
Das Buch ist zudem eine Fundgrube an schlagfertigen Antworten für alle Lebenslagen. Beispiele gefällig: „Der Neider sieht das Blumenbeet, aber nicht den Spaten.“ Oder auch: „Der Trog bleibt, die Schweine wechseln.“
 
Man muss sich auf das Stakkatohafte seines Stils einlassen und natürlich auch Strunks Humor mögen, die „Ein-Euro-Gags“. Seine Notizen sind absolut narzisstisch, doch auch die zwanghafte Selbstbespiegelung wird spöttisch betrachtet. Durch all das Alberne und Überdrehte scheint immer die Traurigkeit in Anbetracht der menschlichen Existenz durch. Strunk gelingt es, die Lebenstristesse, die Lebenssinnlosigkeit und Existenzen am Rande der Erbärmlichkeit tragikomisch zu beschreiben – frei von Menschenverachtung. Als Fazit und Vorsatz fürs neue Jahr bleibt die „ironische Hinnahme des Daseins“.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Strunk, Heinz: Nach Notat zu Bett. Heinz Strunks Intimschatulle
Hamburg: Rowohlt, 2019. 256 S.
ISBN: 978-3-498-00124-7

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