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Bov Bjerg
Herkunft als Schicksal?

Woher komme ich? Wie prägend ist meine Herkunft? Trifft mich der Fluch familiärer Vorbelastung? Fragen, denen sich der Erzähler in Bov Bjergs neuem Roman stellt. Außerdem will er ein guter Vater sein – oder zumindest kein „Scheißvater“.

Von Holger Moos

Bjerg: Serpentinen © Claassen „Um was geht es?“, fragt der siebenjährige Sohn seinen Vater in Bov Bjergs Serpentinen immer wieder. Die beiden sind für ein paar Urlaubstage in das schwäbische Heimatdorf des Vaters zurückgekehrt. Der Ich-Erzähler ist ein angesehener Soziologieprofessor, der sich von seiner Herkunft weit entfernt zu haben glaubt. Nun aber merkt er, dass seine Vergangenheit ihn doch stärker prägt, als ihm lieb ist.
 
Alle Männer väterlicherseits haben sich in den letzten drei Generationen umgebracht: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.“

 keine Abkürzung in Sicht

Es verwundert also nicht, dass auch den Ich-Erzähler düstere Gedanken umtreiben und er zu Depressionen neigt. Er möchte keinesfalls auch so ein „Scheißvater“ werden, der den Sohn aufs Radikalste im Stich lässt. Aber sicher ist er sich nicht, denn weder für das Leben noch für den Selbstmord braucht es einen Grund: „Als ob ein Suizid das Ergebnis einer logischen Operation wäre“, denkt er.
 
Die Rückkehr ist nicht nur eine Rückkehr an den Ort der Kindheit, sondern auch ins Land der Erinnerungen. Und die titelgebenden Serpentinen, die auf der Schwäbischen Alb so zahlreich sind, symbolisieren die Verschlungenheit der eigenen Geschichte. Eine Abkürzung wie die neue Trasse für ICE-Züge steht uns Menschen nicht zur Verfügung.

therapeutische Vater-Sohn-Reise

Neben der Familiengeschichte voller Selbstmorde und Alkoholismus lastet auch die deutsche Vergangenheit auf dem Erzähler. Beim Stichwort „Autobahn“ denkt er sofort an Nazis. Und von seinem Vater hat er ein fatales Bild: „Der Vater war ein Nazi, bis zu seinem Ende. Keiner von denen, die den Massenmord abstritten. Er war ein richtiger Nazi. Einer, der den Mord gut fand.“
 
Die therapeutische Vater-Sohn-Reise muss in einer Überforderung und Beinahe-Katastrophe enden, denn weder der Vater und schon gar nicht der kleine Junge sind den Dämonen der Vergangenheit gewachsen. Bjerg gelingt es, die Unsicherheit der Hauptfigur und der Handlung auf die Lesenden zu übertragen. Es gibt Zeitsprünge, knappe Dialoge, einen steten Wechsel von analytischem Blick und irrationaler Angst. Man weiß nie genau, wann die nächste Serpentine kommt und ob man die Kurve kriegt oder aus ihr herausfliegt.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Bov Bjerg: Serpentinen
Berlin: Claassen, 2020. 272 S.
ISBN: 978-3-546-10003-8

Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.

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