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Oskar Roehler
Der Mensch - ein Mängelwesen

Der Filmregisseur und Schriftsteller Oskar Roehler erzählt von einer Kindheit in den 1960er-Jahren. Schauplatz seines Romans ist eine kleine Siedlung abseits der Großstädte – ein Mikrokosmos, aus dem ein Panorama der frühen Bundesrepublik erwächst.

Von Holger Moos

Roehler: Der Mangel © Ullstein Eine Horde von Kindern lebt mit ihren Eltern in einem Dorf in der fränkischen Provinz. Steil führt eine Straße hoch in ihre Siedlung. Die Zugezogenen werden von der ortsansässigen bäuerlichen Bevölkerung angefeindet. Sie sind Vertriebene aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, die sich schwertun, in der westdeutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Diese kommt ihnen vor „wie eine virale Wolke, die ein amerikanischer Geheimdienst sich ausgedacht und in dieses Land gepumpt hatte, das immer noch nicht das ihre war“.
 
Die Hut, so heißt die Neubausiedlung, ist allerdings in seelisch-moralischer Hinsicht kein behüteter Ort. Vielmehr sind die Kinder sich selbst überlassen und führen als „Tiermenschen“ ein verwildertes Leben: „Wir waren hier oben außerhalb der Gesellschaft aufgewachsen und entfernten uns immer mehr von ihr.“

Mutter und Vater – Lasttier und Eigenbrötler

Doch irgendwann bricht die Schule in das Leben der Kinder ein. Einige von ihnen werden zu Totalverweigerern gegenüber der so empfundenen staatlichen Gehirnwäsche-Institution mitsamt ihren grobschlächtigen Lehrerfiguren. Zum Glück jedoch wurden die Kinder bereits von einem der Väter in das selbstständige Denken eingeführt. Herrn Behrend ist das Kapitel „Ode an einen Lehrer“ gewidmet. Behrend, ein Anhänger des Reformpädagogen Rudolf Steiner, unterrichtete die Kinder in seinem Gemüsegarten und las ihnen Gedichte von William Wordsworth, John Keats oder William Blake vor. Sein „waghalsiger, experimenteller Unterricht ging ganz von der Suggestivkraft seiner Person aus“.
 
Oskar Roehlers neuer Roman Der Mangel  ist auch eine Aufarbeitung der Familiengeschichte des Erzählers. Die Mutter, als Lasttier wahrgenommen, verkümmert in ihrem Hausfrauendasein und zeigt schließlich „erste Anzeichen eines stillen und harmlosen Wahnsinns“. Der Vater ist „der eigenbrötlerischste aller Einzelgänger“, der „das irdische Dasein für eine Art Zwangsarbeit“ hält. Er passt sich an seinen Handelsvertreterberuf an, obwohl er dafür völlig ungeeignet ist. Der letzte Akt dieser Anpassung ist der Führerschein, den der Vater bei einem verhassten Fahrlehrer machen muss, „der aus den Lamellen seiner schweißtriefenden, speckigen Cordhose nach Scheiße“ stinkt.

Kindheit – eine „kurze Etappe des Glücks“

Die einzelnen Kapitel könnten als kleine Erzählungen auch für sich stehen, so etwa das Kapitel „Zusammenhalt“, in dem Roehler beschreibt, wie sich die Kinderhorde bereits im Alter von etwa fünf Jahren komplett der elterlichen Aufsicht, ja der Gesellschaft entzieht. Tagelang verbringen die Kinder ihre Zeit in einer aufgegebenen lehmigen Baugrube und schleudern bis zur totalen Erschöpfung Lehmbrocken aus der Baugrube hinaus, um durch diese monotone, rauschhafte Tätigkeit  der als sinnlos empfundenen Realität zu entkommen. 
 
Folgt man diesem Roman, so gebar die frühe Bundesrepublik trotz oder vielmehr gerade wegen der Wirtschaftswunderpropaganda keine glücklichen Menschen. Selbst die Kindheit ist bei Roehler im Rückblick nur eine „kurze Etappe des Glücks, wie eine Fata Morgana […], die ständig vor unseren Augen verschwamm“. Denn auch eine noch so freie und wilde Kindheit endet irgendwann. Sogar die Erfolgreichen scheitern und blicken „während der Ehrungen oben auf der Bühne schon in den Abgrund“. Der Mensch war, ist und wird immer eines sein: ein Mängelwesen. Das ist die nicht gerade aufbauende, aber sehr eindrucksvoll erzählte Grundbotschaft dieses Buchs.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Oskar Roehler: Der Mangel
Berlin: Ullstein, 2020. 176 S.
978-3-550-20038-0

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