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Literatur in einfacher Sprache
Barrierefreie Literatur

„Kultur für alle“ war eine politische Forderung der 1970er-Jahre, 2008 wurde in Frankfurt der Verein Kultur für ALLE gegründet. Nun hat Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, einen sehr lesenswerten Erzählband mit Literatur in einfacher Sprache herausgegeben, der in dieser Tradition steht.

Von Holger Moos

LiES. Das Buch. Literatur in einfacher Sprache © Piper „Einfache Sprache ist eine Sprache, die wir verlernt haben“, schreibt Hauke Hückstädt im Nachwort von LiES. Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache. Das gilt für die Schule, die  Universität oder den Beruf. Auch den Slogan „Kultur für alle“ fänden immer alle gut, doch an der konkreten Umsetzung hapere es. Diverse Barrieren wie etwa körperliche oder geistige Einschränkungen, aber auch sprachlichen Hürden behindern häufig den Zugang zur „hohen“ Literatur. Das war die Ausgangslage.
 
Ziel der in den Jahren 2016 bis 2019 entstandenen Erzählungen war es, eine Literatur zu schaffen, die den Anspruch hat, niemanden auszuschließen. Dafür mussten sich 13 Autor*innen für sie sicherlich ungewohnten Regeln unterwerfen. Ihre Aufgabe war es, einfache Wörter zu benutzen, viele Verben, wenige Hauptwörter, und einfache Sätze zu schreiben. Sprachbilder sollten erklärt werden. Beteiligt haben sich zeitgenössische Autor*innen wie Kristof Magnusson, Judith Hermann, Alissa Walser oder Arno Geiger.

Mit reduziertem Handwerkszeug

Leicht ist es nicht, mit einfachen Mitteln das vorgegebene anspruchsvolle Ziel zu erreichen. Denn das Einfache ist ja bekanntlich das Schwierigste. Mit reduziertem Handwerkszeug sollten die Autor*innen Literatur schaffen, die einen hohen „Gebrauchswert“ hat, „vielleicht genauso nützlich und allverständlich wie Feuerlöscher, Flaschenöffner, Wolldecke und Leiter“.
 
Die Bandbreite der Texte ist groß. Julia Schoch widmet sich dem privaten Thema des Ver- und Entliebens. „Ich verlasse dich“ zu sagen, ist theoretisch ganz einfach. Ein kurzer Satz, genauso kurz wie der Satz, der am Anfang einer Liebesgeschichte gesagt wird: Ich liebe dich. „Drei Wörter am Anfang, drei Wörter am Ende. Das Wichtigste im Leben lässt sich mit sehr wenig Wort-Material sagen.“ Der letzte Satz könnte das Motto des Erzählbands sein. Doch das Ende von Schochs Text ruft auch in Erinnerung: Sprache ist nicht alles, auf das Handeln kommt es an.

Berührend und leicht zugänglich

Alissa Walser schreibt über die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive von Margot Frank, der Schwester der berühmten Anne Frank. Jens Mühling widmet sich seiner Reise um das Schwarze Meer. Anna Kim erzählt von der alten Frau Kleinau, die weder Menschen noch Veränderungen mag, bis eines Tages eine Putzfrau ein Abenteuer in ihr Leben bringt. Auch Henning Ahrens steuert eine sehr alltägliche Geschichte bei, nämlich die von Lotto-Heinz, der für sein Leben gerne wettet, sehr zum Missfallen seiner Frau.
 
Die Geschichten aus dem Alltag sind sicherlich die berührendsten und am leichtesten zugänglichen Beiträge. Doch gerade die thematische Vielfalt ist eine weitere Stärke des Bandes und eröffnet dementsprechend viele Zugangsmöglichkeiten. Dass nach jedem Satz ein Umbruch folgt, erleichtert zudem das Lesen. Insgesamt löst der Band seinen hohen Anspruch absolut ein. Das Buch ist auch als Hörbuch erschienen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Hauke Hückstädt (Hrsg,): LiES. Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache. Geschichten von Alissa Walser, Anna Kim, Arno Geiger, Henning Ahrens, Jens Mühling, Judith Hermann, Julia Schoch, Kristof Magnusson, Maruan Paschen, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa und Ulrike Almut Sandig
Hamburg: Piper, 2020. 288 S.
ISBN: 978-3-95988-147-0

Hörbuch:
Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2020. 4 CDs (225 Minuten)
ISBN 978-3-86952-467-2

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