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Michael Stavarič
Apokalypse im ewigen Eis

Michael Stavarič ist ein Meister der Dystopie. In seinem neuen Roman ist die Erde untergegangen. Einigen Menschen gelang die Flucht per Raumschiff, doch nur eine Frau kommt lebend auf einem Eisplaneten an. Dort hilft die Erinnerung an die Inuit und den Polarforscher Fridtjof Nansen.

Von Holger Moos

Stavarič: Fremdes Licht © Luchterhand Der Plot des Buches klingt bizarr – und ist es auch. Wie schon in seinem letzten Werk Gotland (2017) ist auch Stavaričs neuer Roman Fremdes Licht geprägt von einer wilden mythisch-mystischen Mischung am Rande beziehungsweise dieses Mal nach dem Ende der menschlichen Zivilisation. Das Ergebnis ist zunächst ein dystopischer Science-Fiction-Roman mit Elementen der fantastischen Literatur.
 
Der erste Teil des Buches spielt in der zweiten Hälfte des 24. Jahrhunderts. Die Ich-Erzählerin Elaine Duval ist in einer unwirtlichen Gegend gefangen. Eisige Winde, schmerzende Kälte und die Ödnis einer endlosen weißen Landschaft fordern der jungen Frau alles ab. Sie ist Nachkommin einer Inuit-Gemeinschaft, ihr Großvater war ein Fixpunkt in ihrem Leben. Um wenigstens etwas Vertrauen zu diesem neuen Ort zu gewinnen, nennt sie den Planeten Winterthur – in dem Schweizer Ort war sie zuletzt als Genforscherin tätig.
 
Nicht nur die räumlichen Koordinaten geraten der Ich-Erzählerin durcheinander, sondern auch die zeitlichen: „Ich lebte in einer Vergangenheit, die noch vor mir lag.“ Ein Gedanke, der auch auf eine Erzählung des Großvaters zurückgeht. Er hatte Elaine vom Volk und der gleichnamigen Sprache Aymara berichtet, in der die Vergangenheit noch vor, die Zukunft dagegen bereits hinter einem liegt. „Waren dies nicht wesentlich geeignetere Paradigmen, um mit der Unendlichkeit des Kosmos Schritt zu halten?“, fragt sich Elaine.

Der Klang von Planeten

Und gerade in der Katastrophe wächst auch die Sehnsucht nach dem Neuanfang, in der Dystopie gedeiht die Utopie. Man kann „in diesen Zeiten” der Corona-Pandemie gut nachvollziehen, dass die Krise auch den Wunsch nach Utopien nährt. So stellt sich Elaine vor, die Katastrophe hätte sich vielleicht gar nicht ereignet, der Komet wäre an der Erde vorbeigerast: „Ich musste mir eingestehen, mir gefiel diese Vorstellung, ein neues, altes Leben beginnen zu können, die Erde mit anderen, wissenderen Augen zu betrachten, sie so wahrzunehmen, als wäre es ihr (und mein) allererster Tag im Universum.“ Nur: Die Realität im Buch ist eine andere.
 
Manche Passage des Romans erinnert an Stanislaw Lems Roman Solaris. Es gibt ausführliche Beschreibungen des Universums mit sehr unterschiedlich klingenden  Planeten. Elaine vermisst das Geräusch der Erdrotation, die Erde hört sich an wie ein „Eissturm, ein tiefes Summen und Pfeifen“. Die Venus klingt wie ein „sphärischer Computer, … eine rotierende Tote“, die Sonne wie „ein überlautes Wummern“, der Mars „wiederum war einer der stillsten Planeten unseres Sonnensystems“.
 
Stavarič streut auch Prisen feinen Humors ein. So wurde Dallas, ein Kindheitsfreund Elaines und später Kommandant des Fluchtschiffes, von seinen Eltern nach einer antiken Fernsehserie benannt.

Vom arktischen Winter zur Weltausstellung

Der zweite Teil bringt einen abrupten Wechsel. Aus der Zukunft springt man in die Vergangenheit, aus der Science-Fiction-Dystopie wird ein historischer Roman. Erzählt wird die Geschichte wieder aus der Ich-Perspektive, nun aber von einer Inuit-Vorfahrin Elaines. Wir schreiben das Jahr 1893. Die Inuk Uki lebt in ihrer Gemeinschaft in Grönland. Der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen startet auf eine arktische Expedition. Er und seine Crew landen bei Ukis Clan in Grönland. Das Schiff ist festgefroren und Nansen hofft, im arktischen Winter von den Inuit wichtige Überlebenstechniken zu lernen. Regelmäßig eingestreut sind fiktive Tagebucheintragungen von Nansen.
 
Uki ist eine besonders aufgeweckte und neugierige Frau. Sie freundet sich mit Nansen an, der ihr den Namen Elaine gibt, weil sie ihn an seine Ehefrau erinnert. Uki wiederum nennt Nansen wegen seiner Begeisterung für die Ornithologie den „Vogelmann“. Sie will mehr von der Welt kennenlernen. Nachdem sie die Zustimmung ihrer Schamanen eingeholt hat, reist sie im Frühjahr mit den Forschern weiter. Ziel ist die Weltausstellung in Chicago.
 
Dort gerät sie in die Fänge eines Serienmörders, der während der Ausstellung sein Unwesen treibt. Am Ende wird das Buch also noch zu einem Kriminalroman. Auch diese abschließende Episode ist historisch verbürgt. Henry Howard Holmes gilt als erster Serienkiller in den USA, der seine Opfer in einem verwinkelten Horrorhaus („Murder Castle“) folterte, vergaste und in Säure einlegte.

Wissen und Fantasie

Stavarič bewegt sich gekonnt in den verschiedenen Genres. Der Roman ist ein wahres Erzähl- und Leseabenteuer, dazu sprachlich sowie hinsichtlich existenzieller Fragestellungen ein Füllhorn. So sind etwa Ausdrücke und Weisheiten der Inuit in Originalschrift abgebildet, die Striche und Halbkreise sind ein rätselhafter, poetischer und optischer Blickfang. Auch an Humor fehlt es nicht: Einen Verrückten nennen die Inuit „eine ausgemachte Kaltfront“.
 
Wissen und Fantasie sind die beiden Elemente, die das Leben lebenswert machen. Das könnte die Quintessenz des Romans sein. Wie sagte Elaines Großvater im ersten Teil des Buches: „Wer nicht mehr über Fantasie verfügt (er verwendet dieses Wort oft genug als Synonym für Wissen), Naturphänomene adäquat zu benennen, wer keine Zwischenräume und Nuancen kennt, dem ist doch wirklich nicht mehr zu helfen.“ Und die wissensdurstige Uki kommt zu dem Schluss: „die Fähigkeit, Fragen zu stellen, schien mir der wahre Ursprung allen menschlichen Wissens zu sein“.
 
Stavarič stellt mit seinem Roman unter Beweis, dass er über sehr viel Wissen verfügt. Mit einer großen Portion Fantasie hat er dieses in ein literarisches Meisterwerk verwandelt.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Michael Stavarič: Fremdes Licht
München: Luchterhand, 2020. 512 S.
ISBN: 978-3-630-87551-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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