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Olivia Wenzel
Wo bist du jetzt?

Wie ist es, als Schwarze Frau in Thüringen aufzuwachsen, in Berlin zu leben oder zum Zeitpunkt der Wahl von Donald Trump in den USA zu sein? Olivia Wenzel zeichnet eine Protagonistin, die mit Humor und Reflexion ihre Trauer, ihre Beziehungen und ihre Identität verhandelt.

Von Natascha Holstein

Wenzel: 1000 Serpentinen Angst © S. Fischer Wo bist Du jetzt? Eine Frage, die verschieden beantwortet werden kann: mit dem physischen Aufenthaltsort oder dem mentalen Bewusstseinszustand. In 1000 Serpentinen Angst, dem Debüt von Olivia Wenzel, wird der Protagonistin diese Frage immer wieder gestellt. Physisch ist sie in Berlin, an irgendeinem Bahnsteig, einem Badesee in Brandenburg, in Vietnam, in den USA. Im Kopf ist sie in Polen, in Marokko, in Angola, in einem Süßigkeitenautomat. Die namenlose Ich-Erzählerin führt durch ihr Leben – nicht chronologisch, sondern von Ereignis zu Ereignis, je nachdem, welche Geschichte sie den Leser*innen erzählen möchte.

Beziehungsnetz

Sie ist eine Schwarze Frau, die in Thüringen, in der DDR, geboren wurde, der Roman handelt von den Menschen in ihrem Leben. Von der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, einem früheren Punk, häufig überfordert mit der Erziehung ihrer Kinder. Und von ihrem Zwillingsbruder, den sie vor zehn Jahren verloren hat, Suizid, während sie ganz in der Nähe war. Ihr Vater kam aus Angola in die DDR, nach der Trennung von der Mutter ist er in sein Heimatland zurück. Kaum ein nennenswertes Verhältnis. Er handelt von ihrer Großmutter, die sie und ihren Bruder als Kinder stets umsorgt hat – und wie sie ihr, wenige Jahrzehnte später, ausreden muss, bei der Bundestagswahl „eine rechte Partei“ zu wählen. Von ihrem besten Freund, der sie immer wieder auffängt, wenn sie am Boden ist. Von ihrer Ex-Freundin, die sie nicht loslassen kann und (oft) namenlosen männlichen Liebschaften. 1000 Serpentinen Angst erzählt vom Netz aus zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre Verbindung zueinander sowie der Auswirkung auf die Person in der Mitte dieses Netzes.

Zwiegespräche über Rassismus

Im ersten und letzten Teil des Buches führt ein Dialog durch das Leben der Protagonistin. Wer mit ihr kommuniziert, bleibt unklar. In Großbuchstaben, oft skeptisch, manchmal aufdringlich oder zynisch, werden ihr Fragen gestellt. „Wo bist du jetzt?“ ist eine davon. „Wo kommst du her?“, „Stellst du dir manchmal vor, wie du aussehen wirst, wenn du stirbst?“, oder „Ist dir bekannt, dass knapp 40 Prozent aller Gefängnisinsassen in den USA Schwarz sind?“ sind weitere.

Ihre Rassismuserfahrungen sind ein Leitmotiv des Werkes, das Olivia Wenzel „Autofiktion“ nennt: Sie lässt eigene Erfahrungen mit einfließen, doch die Geschichte selbst gehört der Protagonistin. Die sieht Nazis an einem Brandenburger Badesee und möchte unerkannt flüchten, beim Zelten in Polen scheint sie nur der deutsche Pass vor der Wut rechtsgesinnter Einheimischer zu retten, und als sie in New York ist und Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird, ist sie nicht nur überrascht oder schockiert, sie fühlt sich persönlich betroffen.

„Sie sind in unserem Land eben eine Minderheit“

Die Protagonistin selbst kommt oft nicht klar mit ihrem Leben, mit ihren Beziehungen, ihrer Identität. Dreimal sucht sie Therapeut*innen auf. Einer sagt, er würde normalerweise Leuten helfen, die mit ihrer Vergangenheit hadern. Sie jedoch, habe Probleme in der Gegenwart. Da könne er ihr nicht helfen: „Sie sind in unserem Land eben eine Minderheit.“ Sie erlebt all dies und stellt doch fest: „Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch.“

Olivia Wenzels Debüt ist kein locker-leichtes Buch. Es ist deprimierend und reflektiert, aber auch witzig – gewollte und ungewollt. Es ist die Geschichte einer Schwarzen jungen Frau in Deutschland und sie zeigt, wie alltäglich Rassismuserfahrungen für sie und andere rassifizierte Menschen in diesem Land sind. Mal springt sie in ihre Kindheit, mal in den Urlaub vor wenigen Jahren, mal in die Gegenwart, bisweilen so rasant, dass es schwer ist, ihr zu folgen – durch 1000 Serpentinen. Sie zeigt nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Leser*innen, sondern führt ihnen diese allgegenwärtige Diskriminierung durch ihre Erfahrungen vor Augen. Dabei verhandelt sie, unterstützt von der anderen Stimme, ihre eigene Zerrissenheit: Soll sie wirklich wieder davon erzählen? „Alle wollen ständig mit mir über Rassismus sprechen. Das ist doch nicht meine Lebensaufgabe", sagt die Protagonistin. „Du hast doch davon angefangen“, hält die Person dagegen, die ihr die Fragen stellt. Vielleicht fangen aber eher doch die anderen damit an, nonverbal: mit Blicken, Gestik, Mimik.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst
Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2020. 352 S.
ISBN: 978-3-10-397406-5

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