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Alexander Kluge / Joseph Vogl
Zielführende Abschweifungen

Gespräche, in denen sich das Denken gegenseitig befruchtet, sind selten, ebenso selten wie extrem kluge Menschen. Es ist ein Glücksfall, wenn beides zusammenkommt und man den Sprechenden beim Denken folgen darf – wie in dem Gesprächsband von Alexander Kluge und Joseph Vogl.

Von Holger Moos

Kluge / Vogl: Senkblei der Geschichten © Diaphanes Senkblei der Geschichten nennen Alexander Kluge und Joseph Vogl ihr dialogisches Werk. Und die beiden loten wirklich sehr viele Tiefen und Untiefen im Meer des menschlichen Wissens und Unwissens aus. Es geht nie um das Aufsagen von ab- und ausschließenden Meinungen. Als Leser*in kann man die beiden beim freien Denken und Assoziieren beobachten. Kluge fungiert in den Gesprächen als Fragensteller sowie Stichwort- und Impulsgeber.
 
In einem wilden Gedanken- und Ideenritt gelangt man so im Zuge eines Gesprächs über den Kampf zwischen Mensch und Natur, ausgehend von Kapitän Ahabs Kampf mit dem Weißen Wal in Moby Dick, zu „Kausallöchern“, Ereignissen, die sich kausal nicht herleiten lassen, und dem „Prinzip des unzureichenden Grunds“. Die „Pranke der Natur“ schlägt bisweilen ebenso zu, sei es real in Form eines Tsunami oder in der menschlichen Fantasie, hier landen Kluge und Vogl bei Filmmonstern wie King Kong oder Godzilla.

Versprechen auf endloses Wachstum

Da Vogl sich viel mit der kapitalistischen Moderne befasst, z.B. in Das Gespenst des Kapitals (2010) oder Der Souveränitätseffekt (2015), geht es in den Gesprächen häufig um den Kapitalismus als ein System, in dem zunehmend mit dem „Risiko des Ungedeckten“ umgegangen werde. Ein Risiko, das regelmäßig in Finanz- und/oder Immobilienkrisen münde, in denen früher oder später auffliege, dass mit Krediten gehandelt werde, die aus „Luft“ bestehen. Dann zeige sich, dass Geld „rein spirituell“ ist. Kapital ist – so verstanden – „ein eigentümliches Reservoir an Hoffnung“, ein Versprechen auf endloses Wachstum mit ewigen Zinsen und Zinseszinsen.
 
In Krisen zeige sich besonders deutlich die immanente „Flüchtigkeit des modernen Geldes“. Letztlich sei Geldverkehr nur „Umlauf von Schulden, Zirkulation von Zahlungsversprechen“. Folgenden Satz von Vogl sollte man sich in Erinnerung rufen, wenn mal wieder von der Alternativlosigkeit der Zustände die Rede ist: „Das Kapital ist ja nur ein bestimmter Vermehrungszwang, den moderne Gesellschaften sich selbst auferlegt haben.“

Jede neue Maschine ein Menschenexperiment

In einem Gespräch über „Geister in den Maschinen“ zeigen die beiden, dass auch in den modernsten Maschinen immer ein Rest von menschlicher Arbeitskraft bleibt. Und: Maschinen sind weder Konsumenten noch Steuerzahler. Kluge weist darauf hin, dass der Mensch außerdem nie nur Arbeiter war und Arbeit nie nur Ware: „Arbeit ohne Spiel macht dumm, sagt Marx.“ Und es gehöre immer sehr Vieles dazu, „eine Arbeitsleistung abzuliefern, etwa Familien, die Arbeitskraft überhaupt erst zeugen und Kinder aufziehen. Ein Kokon unbezahlter Arbeit hat immer die Arbeitskraft umgeben.“
 
Zum bedingungslosen Grundeinkommen stellt Vogl drei Hypothesen auf. Es könne sein, dass man damit das Mindestmaß an Arbeitslosigkeit schaffe, dass jede kapitalistische Gesellschaft brauche. Es könne aber auch ein Menschenexperiment sein, um zu prüfen, „ob der Mensch wirklich faul, träge, egoistisch ist und dort untätig wird, wo er gefüttert wird“. Oder aber das bedingungslose Grundeinkommen werde zur Stabilisierung eines digitalisierten und automatisierten kapitalistischen Systems benötigt, um überhaupt noch die dazu erforderlichen Konsumenten zu haben. Jede neue Maschine ist nach diesem Verständnis „auch ein Menschenexperiment, nicht nur eine technisches“.

Lehrreich und tröstlich

Weiterhin wird die Möglichkeit der Rettung des Menschen vor dem Menschen durch Robotik thematisiert, durch automatisch ablaufende Prozesse, in die der Mensch (zum Glück) nicht mehr eingreifen kann. So wurde etwa der Fahrer beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 2016 am Ende von einer automatischen Bremsung des Lastwagens gestoppt.
 
Man kann und muss Kluge und Vogl nicht überallhin folgen, doch ihre „zielführenden Abschweifungen“ sind lehrreich und tröstlich. Zu hoffen ist, dass wenigstens etwas ihrer Klugheit bei einem selbst bleibt und immun macht gegen Verdummungsprozesse. Die Gespräche strahlen zudem eine gewisse Milde und Gelassenheit aus. Das ist sehr wohltuend angesichts der menschlichen und medial verstärkten Neigung zu allerlei Aufgeregtheiten und dem Wunsch nach Meinungshoheit.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Alexander Kluge/Joseph Vogl: Senkblei der Geschichten. Gespräche
Zürich: Diaphanes, 2020. 208 S.
ISBN: 978-3-0358-0347-1

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