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Neue Comics
Minimalismus mit maximaler Wirkung

Buchcover
© Cross Cult, Reprodukt, Lappan

Während der Corona-Pandemie kommt der Büroalltag bisweilen zum Erliegen. Wer ihn vermisst, kann zwei Comics lesen, die allerdings ein tragikomisches Bild des Bürolebens zeichnen. Ein weiterer Comic ist wie das Internet, bloß „ohne den ganzen Quatsch drumherum“.

Von Holger Moos

„Über Spanien lacht die Sonne und über Deutschland lacht die ganze Welt“, heißt ein populärer Hasskommentar im Internet. Nach dem ersten Teil dieses Ausspruchs hat Kathrin Klingner ihren neuen Comic benannt: Über Spanien lacht die Sonne. Die Hauptfigur Kitty, ein hasenartiges Wesen mit schwarzen Ohrlöffeln, hat einen neuen Job in einer Agentur. Ihre Aufgabe ist es, Hasskommentare im Netz zu löschen. Der Chef stimmt sie mit dieser Beschreibung auf ihre Arbeit ein: „Wir lesen hier den ganzen Kram, den die Leute im Internet schreiben, damit es der Rest der Welt nicht lesen muss.“
 
Kathrin Klingner kennt sich aus, sie selbst hat während der so genannten Flüchtlingskrise für eine Internetagentur gearbeitet, die menschenverachtende Kommentare löscht. In ihrem Comic hat sie diese Erfahrungen verarbeitet: „Ich dachte 2015 bei der Arbeit ständig, dass gerade etwas passiert, von dem man sich später erzählen wird“, sagt Klingner in einem jetzt-Interview. Am Ende des Comics wird deutlich, dass man mit den Verfasser*innen der Kommentare nicht reden kann. Klingners reduzierter Zeichenstil und die Verfremdung der meisten Figuren stehen in Kontrast zu dem sehr realitätsnahen Thema. Das könnte Verzweiflung hervorrufen, ist aber „viel mehr erhellend als deprimierend“, so Andrea Heinze von rbbKultur.

Keinen Bock auf den Laden

Der Cartoonist Andre Lux hat sich ebenfalls das merkwürdige Leben der Angestellten einer Agentur vorgeknöpft. Auch er kann aus persönlichen Erfahrungen schöpfen, war er doch Trainee in einer Münchner Medienagentur. Sein Comic heißt Lars – Der Agenturdepp. Der Titel verrät es schon: Ein sinnvolles Leben ist demgemäß in solch einer Agentur nicht möglich. Lux greift jede Menge Klischees auf und bestätigt sie allesamt. Die Mitarbeiter*innen sollen alle jung, flexibel, belastbar, cool und witzig sein, sind aber innerlich oft ausgebrannt. Man lernt, wo die „richtig Fertigen“ zu finden sind: „in der HR- und SEO-Abteilung“. Auch die in diesen Agenturen übliche Sprache voller Anglizismen und Worthülsen persifliert Lux gekonnt.
 
Zeichnerisch arbeitet Lux noch reduzierter als Klingner. Er pflegt seinen auf kariertes Ringbuchpapier gekritzelten Strichmännchen-Stil schon seit Jahren mit seinen Egon-Cartoons, die im Satiremagazin Titanic oder auf Spiegel online erscheinen. Der minimalistische Stil eignet sich bestens, um das stumpfsinnige Dasein darzustellen. Immer wieder sitzen die Mitarbeiter*innen in Reih und Glied an ihren Bürotischen und erinnern an Galeerensklaven. Für die Titelfigur findet sich glücklicherweise ein Ausweg, nachdem Lea neu in der Agentur anfängt. Die beiden erkennen schnell, dass sie die Lage ähnlich einschätzen: „Wie arg hast du Bock auf den Laden hier?“, fragt Lars. Lea kontert: „Ungefähr so viel Bock wie du auf den Text, welchen du gleich schreiben musst…“ Und am Ende steht für Lars und Lea fest: Glücklicher macht auf jeden Fall „irgendwas mit echtem Mehrwert für Menschen“.

das Licht ausmachen

@kriegundfreitag (eigentlich: Tobias Vogel) ist ein weiterer minimalistischer Zeichner mit maximaler Phantasie. Er zeichnet ebenfalls überwiegend Strichmännchen, arbeitet aber manchmal auch mit Foto-Collagen. Sein erstes Buch Schweres Geknitter versammelt einige seiner Arbeiten. Darin geht es um lebensphilosophische Themen, wenn etwa eine Figur mit verschränkten Armen im Nacken lässig am Boden liegt und denkt: „Es gibt viel mehr Dinge, die ich nicht erledigen muss, als Dinge, die ich erledigen muss. Deswegen widme ich mich lieber ersteren.“ Oder ein kopfüber nach unten fallendes Männchen sinniert: „Man muss es mal so sehen: wenn ich ins Nichts stürze, ist das Nichts nicht mehr das Nichts, denn dann bin dort ja immerhin ich.“
 
Wortspiele verschaffen ebenfalls Trost, wenn man sich mal wieder vom Alltag überfordert fühlt oder im „Schreibsand“ zu versinken droht. Und es gibt Tipps für schlagfertige Antworten in schwierigen Situationen. Will man jemanden zum Beispiel unbedingt besuchen, ist aber nicht willkommen, sollte man sich an den Cartoon erinnern, in dem ein Strichmännchen zum anderen sagt: „Ach, du bist es. Eigentlich will ich heute niemanden sehen.“ Antwort: „Von mir aus können wir das Licht ausmachen.“
  • Klingner: Über Spanien lacht die Sonne, Detail © Kathrin Klingner / Reprodukt
  • Klingner: Über Spanien lacht die Sonne, Detail 2 © Kathrin Klingner / Reprodukt
  • Klingner: Über Spanien lacht die Sonne, Detail 3 © Kathrin Klingner / Reprodukt
  • Lux: Lars - Der Agenturdepp, Detail © Andre Lux / Cross Cult
  • Lux: Lars - Der Agenturdepp, Detail 2 © Andre Lux / Cross Cult
  • Lux: Lars - Der Agenturdepp, Detail 3 © Andre Lux / Cross Cult
  • @kriegundfreitag: Schweres Geknitter, Cartoon © @kriegundfreitag / Lappan
  • @kriegundfreitag: Schweres Geknitter, Foto-Collage © @kriegundfreitag / Lappan
  • @kriegundfreitag: Schweres Geknitter, Cartoon 2 © @kriegundfreitag / Lappan
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Kathrin Klingner: Über Spanien lacht die Sonne
Berlin: Reprodukt, 2020. 128 S.
ISBN: 978-3-95640-212-8
 
Andre Lux: Lars – Der Agenturdepp
Ludwigsburg: Cross Cult, 2019. 36 S.
ISBN: 978-3-96658-046-5
 
@kriegundfreitag: Schweres Geknitter
Oldenburg: Lappan, 2019. 128 S.
ISBN: 978-3-8303-3570-2

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