Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Max Czollek
Wehrhafte Literatur

Deutschland ist Erinnerungsweltmeister, Rassismus liegt in der Vergangenheit, man müsse sich auf die positiven Entwicklungen konzentrieren? Max Czollek rechnet mit dieser Vorstellung ab und zeigt, inwiefern in Deutschland auch heute menschenverachtende Thesen sagbar gemacht werden.

Von Natascha Holstein

Czollek: Gegenwartsbewältigung © Hanser „Keine*r kann genau sagen, wann das mit der Corona-Krise so richtig anfing.“ Schreibt Max Czollek in seinem aktuellen Essayband Gegenwartsbewältigung und beweist damit nachdrücklich, dass Covid-19 Einzug in die politische Literatur erhalten hat. Czollek lässt den Beginn der Pandemie kurz Revue passieren, diskutiert diesen „gleichmachenden“ Virus und fragt, ob wirklich alle so gleich betroffen sind. Er sieht ihn eher, und hier zitiert er Autorin Carolin Emcke, als „Kontrastmittel“, das die Differenzierungen in der deutschen Gesellschaft aufzeigt.

Suche nach Alternativen

Doch Gegenwartsbewältigung ist keineswegs ein Buch über Corona. Es ist ein zeitgeschichtliches Werk, daher wird die Pandemie immer mal wieder erwähnt. Aber eigentlich leistet es eine titelgebende Anleitung: Wie bewältigen wir die Gegenwart, oder, um es mit Czolleks Worten zu sagen: „Wie [richten] wir unser politisches Denken so ein […], dass die AfD unmöglich wird?“ Es ist eine Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Rassismus und Rechtsradikalismus in Deutschland, mit Begriffen wie „Heimat“ und „Leitkultur“ und veralteten Konzepten und Denkweisen, die der Gesellschaft nicht dabei helfen würden, das „Jetzt“ zu überstehen. Und es ist ein Suchen nach Alternativen, das Offenlegen anderer Narrative und konkurrierender Geschichtsschreibungen. Damit meint er nicht die Anstrengung sogenannter „bürgerlicher“ Parteien, die deutsche Geschichte nicht auf den mörderischen Holocaust zu reduzieren – im Gegenteil. Er will auch Architekt*innen deutscher Kultur nennen, die nicht in das „Deutschsein“-Bild vieler passen. Was soll Leitkultur überhaupt sein? „Und wenn überhaupt, dann wäre sie eben nicht nur Schiller, Revolverheld und Zwiebelkuchen, sondern auch May Ayim, Russendisko und Baklava“, so Czollek.

Eine Selbstverständigung?

Der Essay ist also gegenläufig zum Konzept der Vergangenheitsbewältigung, in der Deutschland ja oft als meisterlich beschrieben wird (Vergangenheitsbewältigungsweltmeister, das Wort alleine!). Er arbeitet sich an dieser These ab, seziert einschneidende Ereignisse im Deutschland der letzten Jahre: NSU, Chemnitz, Halle und Hanau als extremistische Ausformung der Normalität rechten Gedankenguts. Dann schaut er auf Thüringen im Februar 2020. FDP-Mann Thomas Kemmerich ließ sich nicht nur mit Stimmen von FDP und CDU, sondern auch der AfD zum Ministerpräsidenten wählen, schüttelte dem Rechtsextremisten und Rassisten Björn Höcke die Hand. In der Öffentlichkeit, vor allem durch Presse und soziale Medien erhöht sich der Druck, Kemmerich tritt zurück. Alles gut also? „Nun ja, Papier ist ja bekanntlich geduldiger als Twitter […]. Und [ich] möchte meine damaligen Gefühle darum gern so objektiv wie möglich zusammenfassen: FDP und CDU sind opportunistische Drecksparteien, die mit einem Faschisten gemeinsame Sache machen“, schreibt Czollek.

Schon 2018 hat Czollek mit seinem Manifest Desintegriert Euch! sämtliche Feuilletonist*innen und Literaturkenner*innen gespalten. Und auch dieses neue Werk ist scharfzüngig, zynisch und polemisch. So attestiert Günther Nonnenmacher in der FAZ vom 08. September 2020, das „Buch ist vor allem eine Selbstverständigung und gar nicht erst bemüht, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen“. Man kann sich vorstellen, dass Czollek dieser Einordnung sogar zustimmen würde. Was sind denn „Andersdenkende“? Czollek schreibt selbst, seine Worte wären nicht für „irgendwelche Rechte“, sondern für Freund*innen und Kolleg*innen, die ähnlich denken. Mit Personen, die menschliche Grundrechte in Frage stellen, will der Autor nicht reden. Sie kämen ohnehin immer wieder und ungehindert zu Wort, da könne er sich seine Gesellschaft doch immerhin aussuchen. Er sinniert abschließend von einer „jüdisch-muslimischen Leitkultur“, was wieder einige Konservative die Nase rümpfen lassen dürfte. Gegenwartsbewältigung ist eine Absage an das aus der liberalen Ecke viel postulierte „mit Nazis reden“, denn für Max Czollek ist der Sachverhalt klar, er empfiehlt: „Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Max Czollek: Gegenwartsbewältigung
München: Hanser, 2020. 208 S.
ISBN: 978-3-446-26772-5
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Top