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Heiko Werning
Literarische Feldforschung im Wedding

Heiko Werning ist Experte für mindestens zwei Dinge: für Reptilien und die Bewohner*innen des Berliner Stadtteils Wedding. In seinem neuesten Geschichtenband beleuchtet er diese Berliner Unterart auf sehr unterhaltsame und warmherzige Weise.

Von Holger Moos

Werning: Wedding sehen und sterben © Edition Tiamat Der Münsteraner Heiko Werning ist nicht qua Geburt, aber durch seine lange Lebenszeit in dem Berliner Kiez mittlerweile ein anerkannter Wedding-Fachmann. Seit fast 30 Jahren lebt er dort. Aus dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung blickend und sein direktes Umfeld erkundend, betreibt er schon seit Jahren literarische Feldforschung.
 
Wedding sehen und sterben ist sein mittlerweile viertes Wedding-Buch. Bei aller Faszination für Reptilien scheint Werning den Einwohner*innen des Weddings mindestens ebenso viel abgewinnen zu können wie Stachelleguanen, Wasseragamen, Segelechsen oder „Spektakulären Wirbellosen“, über die er auch bereits Bücher geschrieben hat.

Sunny Days im Verwöhn dein Bäuchlein

Der Wedding gehört zu den Stadtteilen mit dem höchsten Anteil von Menschen mit „Migrationshintergrund“. Werning berichtet etwa von „libanesischhintergründischen Herren“, die zunächst das Sonnenstudio Sunny Days übernehmen und es – unter Beibehaltung des Namens – in einen Spätkauf verwandeln. Danach machen sie im Haus nebenan einen Friseursalon auf, den sie der Einfachheit halber ebenfalls Sunny Days nennen. Als sie neben dem Spätkauf noch ein Casino namens Sunny Nights und die Frauen der beteiligten Familien den Aufbackshop Sunny Mornings eröffnen, kommt Werning das böse Wort „Geldwäsche“ in den Sinn. Seine Sorgen zerstreuen sich erst, nachdem er, wie sehr viele Nachbar*innen, im Spätkauf seinen Wohnungsschlüssel deponiert und mitbekommt, wie dieser beliebte Ort für Geburtstagsfeiern von Menschen aus der Nachbarschaft genutzt wird.
 
Werning erzählt auch von ungemein schönen Beispielen für gelungene Integration im Wedding, wie etwa den arabischen Imbiss Verwöhn dein Bäuchlein. Das klingt doch schon wie eine perfekte Mischung aus dem Grimmschen Tischlein deck dich und einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Englischsprachige Betteltouristen

Der Wedding-Versteher Werning schreibt humor- und verständnisvoll über seine bisweilen etwas skurrilen Mitbürger*innen, ganz egal, ob das nun ein Mann ist, der im Hinterhof eine tote Ratte aus der Froschperspektive fotografiert, ein DHL-Bote mit Rattenphobie oder eine vollverschleierte Frau, für die er ein Paket angenommen hat, sodass sie nicht in das „von Allah verfluchte Postamt Müllerstraße“ muss, wo sie „ganz gewiss nicht den Märtyrertod sterben“ will – als Dank spendiert sie ihm eine Schachtel Schokoladen-Herzen.
 
Wie in vielen Stadtteilen fürchten die Alteingesessenen im Wedding das Phänomen der Gentrifizierung. Auch Heiko Werning ist in Sorge, er beruhigt sich und seine Leser*innen zunächst damit, dass das Stadtmagazin Zitty schon 1992 fragte: „Kommt er nun noch oder nicht, der Wedding?“ Er ist dann aber doch kurz irritiert, als er im U-Bahnhof Seestraße auf einen Bettler trifft, der auf Englisch um veganes Essen bittet: „Werden jetzt schon unsere heimischen Bettler durch englischsprachige Betteltouristen verdrängt?“ Doch die Verslumung des U-Bahnhofs inklusive der sich anschreienden Trinkergruppen geben ihm schließlich das sichere Gefühl, dass es wohl doch noch etwas dauern wird mit der Stadtteilaufwertung.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Heiko Werning: Wedding sehen und sterben. Geschichten aus dem Bermuda-Dreieck Berlins
Berlin: Edition Tiamat, 2020. 208 S.
ISBN: 978-3-89320-261-4

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