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Benedict Wells
Roman in fünf Akten

Der jüngste Roman von Benedict Wells ist vieles: literarisches Drehbuch, eine klassische Coming-of-Age-Story, Hommage an die US-amerikanische Popkultur der 1980er-Jahre und ein narratives Spiel, das die Leser*innen auf die ständige Suche nach Bedeutung schickt.

Von Antonie Habermas

Wells: Hard Land © Diogenes Schauplatz des Romans Hard Land, der erwartungsgemäß innerhalb kürzester Zeit sämtliche Bestsellerlisten erklommen hat, ist der etwas verschlafene Ort Grady im US-Staat Missouri - bestückt mit einem heruntergekommenen Diner, einer verlassenen Fabrik, die für die zunehmende Arbeitslosigkeit der Region verantwortlich ist, und einem Schild, das auf die angeblich 49 Geheimnisse des Ortes verweist. Worum es sich bei diesen Geheimnissen handelt, wird nie so ganz aufgelöst. Es ist 1985, und im Radio laufen a-ha und Bruce Springsteen. Der 15-jährige Sam ist geplagt von Angststörungen, einem schweigsamen Vater, der Absenz von Freund*innen und einer krebskranken Mutter. Er nimmt einen Ferienjob im Metropolis-Kino an, und schon beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. An seinem neuen Arbeitsplatz lernt er seine zukünftigen Freund*innen kennen: den redseligen Filmnerd Cameron, den wortkargen Footballspieler Brand, den alle nur Hightower nennen, und die aufmüpfige Kirstie, in die sich Sam prompt verliebt. Er geht auf die Partys, auf die er sonst nie eingeladen war, raucht seine erste Zigarette und erlebt manchen Vollrausch. Dies alles geht gut, bis ein tragisches Erlebnis seine neue Welt in den Abgrund betoniert.

Coming-of-Age par excellence

Das Buch hält, was das Genre verspricht. Die Figuren entsprechen den Erwartungen, die man an ein gutes Coming-of-Age Drama stellt: ein unglücklicher und introvertierter Teenager (männlich), ein paar Freund*innen mit starken Persönlichkeiten (die nicht ganz so weiß und heteronormativ sind, wie sie in Filmen der 1980er-Jahre gerne dargestellt werden), ein Mädchen (natürlich gutaussehend und temperamentvoll, wenn auch im Herzen ein verletzlicher Bücherwurm). Der Plot liefert jede Menge Herausforderungen, die unser Held zu meistern hat, und zuweilen gibt es die eine oder andere Prise Kitsch – ­doch das ist bei der Materie gerade noch so verzeihbar.

Narrative Kniffe

Schon im ersten Satz fixiert Benedict Wells Sams einschneidendes Ereignis an den Horizont. Überhaupt ist das ganze Buch trotz der scheinbaren Leichtfüßigkeit der Ereignisse ein durch und durch fein konstruiertes narratives Gebilde. Hard Land ist nicht nur Titel des vorliegenden Buches, sondern auch des fiktionalen Gedichtzyklus über das Erwachsenwerden von William Morris, dem einzigen Menschen aus Grady, der es je zu einer Auszeichnung gebracht hat. Es ist der ganze literarische Stolz des Ortes und muss von jeder 11. Klasse im Englischunterricht durchgenommen werden. Und wenn schon nicht der gemeinsame Titel aufschlussreich genug ist, dann doch die gemeinsame Form beider Werke: „Wir besprachen […] den Kniff von Morris, die fünf Teile seines Gedichtzyklus wie ein Drama aufzubauen.“ Auch Hard Land, der Roman, ist in fünf Teile geteilt und folgt dem Spannungsschema eines Dramas. Gedichtband wie Roman sind räumlich und zeitlich klar abgeschlossen und präsentieren darüber hinaus nur zwei zentrale Frauenfiguren.
 
Die Bedienung dieser erzählerischen Elemente und der immer wiederkehrenden allegorischen Bilder mag etwas bemüht sein. Dass der Englischlehrer von seinen Schüler*innen einfordert, die Bedeutung des Gedichtzyklus in einem Essay festzuhalten und dabei betont, dass es noch kaum eine*r geschafft hätte, diese zu erkennen, lässt vermuten, dass es auch für Hard Land eine klar gewünschte Lesart gibt. Damit wird ein sehr enger Interpretationsspielraum gesetzt. Das mag etwas irritieren, trotzdem schafft es der Roman, die Spannung hochzuhalten.
 
Benedict Wells findet, wie auch in seinen vorherigen Büchern, seinen ganz eigenen, sehr behutsamen Ton. Er drückt kräftig auf die Tränendrüse, ohne dabei auf abgedroschene Metaphern zurückzugreifen, wenn es um Themen wie Jugend, Tod oder Liebe geht. Genau deshalb macht es Spaß, dieses Buch zu lesen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Benedict Wells: Hard Land
Zürich: Diogenes, 2021. 352 S.
ISBN: 978-3-257-07148-1

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