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Julia Friedrichs
Arbeit als Armutsrisiko

Reinigungskräfte, Freiberufler*innen, Pflege- und Verkaufspersonal haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, auf den zweiten aber doch: Sie können von ihrer Arbeit immer schlechter leben. Julia Friedrichs porträtiert Menschen, die um ihre Existenz ringen. Sie fragt nach den Ursachen der sozialen Verwerfungen – und plädiert für ein neues Klassenbewusstsein.

Von Marit Borcherding

Friedrichs: Working Class © Berlin Verlag Es wurde gern und viel auf den Balkonen und am offenen Fenster geklatscht während des ersten Lockdown im Frühjahr 2020: für Krankenschwestern und Altenpfleger, für Supermarktkassiererinnen und Paketzusteller. Aber was war der Effekt dieser medial wirksamen Aktion? Die Klatschenden waren mit sich im Reinen – die genannten, als systemrelevant bezeichneten Berufsgruppen arbeiten bis heute am Limit. Angemessene Bezahlung? Fehlanzeige!

Bestandsaufnahme

Dabei hat die Corona-Pandemie und die durch sie hervorgerufenen Extremsituationen nur etwas überdeutlich und öffentlich werden lassen, was hierzulande schon lange ein gesellschaftlicher Tatbestand ist: „Seit dem Jahr 2010 nimmt die Ungleichheit der Jahreseinkommen in Deutschland wieder zu. Besonders stark steigen die Löhne und Gehälter der reichsten 10 Prozent. Das ärmste Drittel hat in den letzten drei Jahrzehnten … nur wenig vom Wachstum in Deutschland profitiert oder sogar verloren. Trotzdem wurden … die Steuern für das obere Drittel der Einkommen gesenkt, für die untere Hälfte deutlich erhöht.“ Wie sich der nüchtern dargebotene statistische Befund im Leben dieser unteren Hälfte Tag für Tag auswirkt, das hat die vielfach preisgekrönte Journalistin Julia Friedrichs in ihrem Buch Working Class höchst eindrucksvoll herausgearbeitet. Ihre über einen langen Zeitraum geführten Interviews – etwa mit Said, dem U-Bahn-Reiniger; mit Alexandra, der freiberuflichen Musiklehrerin; mit Rüdiger, dem Ex-Karstadt-Angestellten – bestätigen allzu eindringlich den Untertitel dieses Buches: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können.

Ungleichheit

Weshalb es so viel schwieriger geworden ist, eine Beschäftigung zu finden, die ein gutes Leben ermöglicht, liegt für Julia Friedrichs auf der Hand. Sie nutzt verschiedene Quellen und Darstellungsformen – Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien, Analysen, Interviews mit Expertinnen und „Betroffenen“ sowie essayistisch verfasste Überlegungen – um auf diese Weise eindrücklich und auf allen Ebenen nachvollziehbar die Ursachen für den gesellschaftlichen Umbruch seit etwa den 2000er-Jahren aufzuzeigen: steigende Sozialabgaben, explodierende Mieten, Zunahme von befristeten Verträgen, Outsourcing, sinkende Löhne, fehlendes Aufstiegsversprechen, keine Möglichkeit zu sparen, geschweige denn Vermögen zu bilden.
 
Auf der anderen Seite – auch darauf fällt der analysierende Blick der Journalistin – gibt es eine Schicht gut abgesicherter Menschen, die in den 1970er- und -80er Jahren der „alten Bundesrepublik“ in eine damals noch bruchlos mögliche Berufskarriere eingestiegen sind, sowie eine zunehmende Zahl von Personen, die dank steigender Kapitalrenditen wohlhabend, wenn nicht gar reich sind und bleiben. Tendenz dieser Vermögen: steigend – denn Kapital wird eher nicht angetastet, auch nicht in Krisenzeiten, während der Staat sich primär durch (immer höhere) Abgaben auf Arbeit und Konsum finanziert. Und: Es „opfert bislang jede Regierung lieber die Rentenansprüche der Jüngeren, statt die Wohlhabenden unter den Älteren zum Maßhalten zu zwingen“.

Bewusstseinsbildung

Julia Friedrichs geht über eine reine Bestandsaufnahme hinaus, sie formuliert die Notwendigkeit, nicht nur als betroffene Einzelperson allein und in Abgrenzung zu anderen marginalisierten Gruppen um bessere Bedingungen zu kämpfen, sondern sich gemeinsam dafür stark zu machen. Dafür braucht es aber, so Friedrichs in einem Interview mit der Freitag, ein einendes Bewusstsein, aus dem, nicht nur im Jahr der Bundestagswahl, politische Kraft erwachsen kann. Das führt zurück auf den Buchtitel: „Working Class“ ist kein weiterer schicker Anglizismus, gesetzt gegen die verstaubt klingende „Arbeiterklasse“, sondern soll programmatisch verstanden werden: „Mit der auch in den angelsächsischen Ländern unverbrauchteren Bezeichnung der Working Class folge ich den US-Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, die damit Menschen meinten, die allein von ihrer Arbeit leben müssen. Das betrifft in Deutschland immerhin 50 Prozent der Bevölkerung. … Die prekarisierenden Veränderungen am Arbeitsmarkt … sind etwas, das von Ungelernten bis hin zu exzellent Ausgebildeten im Grunde alle verbindet. … Daher wäre es auch möglich, ein gemeinsames Bewusstsein aufzubauen, je mehr man über die Dinge spricht und die verbindenden Mechanismen aufzeigt.“
 
Solcherart gestärkt, ließe sich auf Möglichkeiten hinarbeiten, die eine Trendumkehr zumindest einleiten könnten: Julia Friedrichs nennt etwa die Anhebung des Mindestlohns, die Einrichtung eines Staatsfonds oder das Modell einer sozialen Erbschaft. Damit wäre der Reinigungskraft Said ohne Zweifel nachhaltiger gedient, als mit einem 20-Euro-Gutschein, den er als „Prämie“ für seinen Einsatz während der Corona-Zeit bekam.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Julia Friedrichs: Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können
Berlin: Berlin Verlag, 2021, 320 S.
ISBN; 978-3-8270-1426-9

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