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Judith Hermann
Der alte Kistentrick

In ihrem neuen Roman erzählt Judith Hermann von einer Frau, die an einem einsamen Ort am Meer ein neues Leben anfangen will. Dort wird sie aber nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt, sondern auch mit ganz anderen Schicksalen konfrontiert.

Von Holger Moos

Hermann: Daheim © S. Fischer Eine junge Frau soll in eine Kiste steigen und sich von einem Zauberer zersägen lassen. Ein alter Trick, den der Zauberer mit der neuen Assistentin daheim üben möchte, in Anwesenheit seiner ausgesprochen unhöflichen Ehefrau. Danach soll es dann gleich auf ein Kreuzfahrtschiff in Richtung Singapur gehen. Es ist unklar, wie vertrauenswürdig dieser Zauberer in seinen Schlangenlederschuhen ist. Mit dieser fast schon thrillerhaften Episode aus der Vergangenheit der Erzählerin beginnt Judith Hermanns neuer Roman Daheim.  
 
Die eigentliche Geschichte spielt 30 Jahre später. In der Zwischenzeit hat die mittlerweile 47-jährige Erzählerin ihren Mann Otis kennengelernt, ihn geheiratet und Tochter Ann auf die Welt gebracht. Nachdem Ann mit 18 Jahren die Schule abbricht und sich unvermittelt auf eine abenteuerliche Weltreise begibt – sie sendet ihren Eltern nur ab und zu Koordinaten ihres Aufenthaltsortes –, trennt ihre Mutter sich von Otis. Sie sucht am Rande eines norddeutschen Küstendorfes die Einsamkeit und sich selbst – weit weg von den gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Aufgeregtheiten.

Der reiz von Taschenlampe und Vorschlaghammer

Dort wohnt sie alleine in einem Haus am Meer und sieht sich mit einem Mal unbekannten Ängsten ausgesetzt. In der Nacht steht plötzlich die Haustür offen. Angeblich war es der Wind. Ein Tier wohnt zwischen den Wänden, aufdringlich laut und unsichtbar. Die Bewohnerin vermutet einen Marder und stellt eine Falle auf. Assoziationen zu der Kiste des Zauberers werden wach.
 
Die Erzählerin trifft auf weitere innerlich unbehauste Menschen. Ihr älterer Bruder Sascha, in dessen Strandkneipe sie arbeitet, ist gerade einer fast vierzig Jahre jüngeren Frau namens Nike verfallen und lässt sich von ihr demütigen. Nike hat eine traumatische Vergangenheit, in der eine Kiste zur Falle wird. Man merkt: Die Falle taucht als Leitmotiv immer wieder auf. Bei Nike wirkt sie sich nicht nur auf das Innere, sondern auch auf das Äußere aus: „Sie sieht exakt so aus wie die Figur auf Munchs Bild vom Schrei“, heißt es an einer Stelle.
 
Dann ist da noch ihre Nachbarin Mimi, mit der sich die Erzählerin anfreundet. Mimi ist Künstlerin, mehrfach geschieden und liebt es, nackt im brackigen Hafenwasser zu schwimmen und mäht – ebenfalls nackt – ihren Rasen. Mimis Bruder Arild hat den Schweinehof der Eltern übernommen. Zu diesem bodenständigen, wortkargen, animalischen Mann fühlt sich die Erzählerin sofort hingezogen: „Er hatte eine Taschenlampe dabei und einen Vorschlaghammer. Ich fand ihn unwiderstehlich.“

Archaische Provinz

Die norddeutsche Provinz hat etwas Archaisches. Gesprochen wird eher wenig. Eine Heimat findet sich dort auch nicht so leicht. „Nach Hause, sagt mein Bruder gedehnt. Nach Hause. Wie das klingt. (…) Fühlst du dich hier zu Hause oder was. Draußen meine ich. In diesem Haus am Polder.“
 
Zauberkiste oder Büchse der Pandora: Es ist schwer zu sagen, was eher der jeweiligen Lebenssituation entspricht. Alle sitzen in Kisten oder Fallen, eine Befreiung ist nicht immer möglich. Der Roman lässt sich gleichermaßen realistisch wie allegorisch lesen. Die Erzählerin ist unzuverlässig, nichts ist sicher. „Möglicherweise“, schreibt sie einmal, „träume ich und habe alles geträumt, ich habe Ann geträumt und Otis, ich träume das Wasser, meine Kindheit, mich.“
 
Behaglich ist Daheim auch am Ende nicht, als auf den 80. Geburtstag von Mimis und Arilds Mutter eine Katastrophe folgt. Der völlig zurecht für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Roman hat trotzdem einen fast schon tröstlichen Schluss für die Menschen in ihrem Eingesperrtsein: „Die Falle steht in der Ecke, ihre beiden Klappen sind geschlossen, darin rührt sich nichts, absolut nichts, es ist still.“ Was wohl passiert, wenn man sie öffnet?
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Judith Hermann: Daheim
Frankfurt: S. Fischer, 2021. 192 S.
ISBN: 978-3-10-397035-7

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