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Ralf König
Frühlingsgefühle im Lockdown

Im Winter 2019/20 ist in China nicht nur ein Sack Reis umgefallen, sondern ein neuartiges Virus aufgetaucht – mit Folgen bis heute. Ralf König verarbeitet die Corona-Monate in seinem neuen Comicband.

Von Holger Moos

König: Vervirte Zeiten © Rowohlt Als im Frühjahr 2020 die Welt in einen durch Corona bedingten Dornröschenschlaf fiel, war auch der Comiczeichner Ralf König auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Heimatstadt Köln mutierte plötzlich zu einem friedlichen Luftkurort. In seiner Ratlosigkeit setzte König sich hin und postete etwas widerwillig ein paar Comics im Netz, denn: „Als Buchautor lebt man vom Buchverkauf, da war mir die Gratisbespaßung stets suspekt.“ Weil diese täglichen vier Panels gut ankamen, setzte er das acht Monate lang fort.
 
König reanimierte dafür einen seiner Klassiker, das ungleiche, in die Jahre gekommene Paar Konrad und Paul. Der eine ist ein feinsinniger Klavierlehrer, der andere ein eher derber Science-Fiction-Autor. „Vom 18. März bis zum 31. Oktober sah ich quasi zu, was Konrad und Paul aus dieser Situation machten“, schreibt König. Nun sind diese Comics doch noch in Buchform erschienen, unter dem Titel Vervirte Zeiten.

Der schönste Bauchnabel der Welt

Konrad und Paul erleben zunächst einen Frühling, in dem die Menschen ihre Frühlingsgefühle unterdrücken müssen. Sogar der Eurovision Song Contest fällt aus! Da bleiben nur Sexualfantasien. Diese entzünden sich bei Paul an einem unwiderstehlichen Supermarkt-Filialleiter mit dem vielsagenden Namen Knaller und dem schönsten Bauchnabel der Welt. Der testosterongetriebene Paul ist dadurch so verwirrt (oder vervirt?), dass er zum Beispiel die leeren Pfandflaschen wieder mit nach Hause bringt. Oder ist das seine Strategie, um möglichst bald noch einmal in den Supermarkt gehen zu können?
 
Ansonsten bleiben Paul nur erotische Videochats und das Hin- und Herschicken von Dickpics, um der Triade aus Kontaktsperren, Klopapiermangel und Krisenstimmung zu entkommen. Der besorgte Konrad ist zwar recht liberal und verständnisvoll hinsichtlich Pauls libidinösen Nöten, doch dessen Freizügigkeit im Netz entsetzt ihn dann doch: „Paul, das ist das Internet! Den Schwanz kriegst du nie wieder da raus!!“ Neben Pauls sexuellen Obsessionen handeln die Comic Strips von vielen anderen sozialen Corona-Nöten, manchmal auch von der Tagespolitik.

Comics gegen Depressionen

Comics können ein Allheilmittel sein, um angesichts täglicher Hiobsbotschaften nicht in Fatalismus oder Schlimmeres zu verfallen: „Wenn ich die Comics nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich auch schon depressiv. Dafür bräuchte es nicht mal das Coronavirus“, sagt König in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.
 
Auch wenn es mittlerweile so aussieht, als zöge sich das Virus langsam aus dem Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zurück, macht es Spaß, diese Zeit anhand von Königs Comics Revue passieren zu lassen. Sie eignen sich auch als prima Gedächtnisstütze für spätere Generationen, für die das Coronavirus vielleicht irgendwo zwischen Schweinepest, Vogelgrippe und Rinderwahnsinn angesiedelt sein wird. Nach der Lektüre von Königs Comicband wissen die Nachgeborenen Bescheid: Ach so, so absurd war das damals?!
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Ralf König: Vervirte Zeiten
Hamburg: Kiepenheuer & Witsch, 2021. 192 S.
ISBN: 978-3-498-00211-4

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