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Neue Krimis
Spannungsbogen

Badesee, Berge, Balkon: Egal, wo der Urlaub hinführt – Krimis sind beste Begleiter. Wahlweise handeln sie von einem toten Hund, einer tätowierten Wasserleiche oder von verschwundenen Bitcoins. Immer jedoch geht es um Geschichten mit ziemlich viel Gegenwartsbezug.

Von Marit Borcherding

Goldmann: Alle kleinen Tiere © Argument Verlag mit Ariadne Anne Goldmann, so steht‘s auf der Website der Wiener Autorin, hat als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen gejobbt, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Und sie kennt das Innenleben von Justizvollzuganstalten aus ihrer Zeit als Sozialarbeiterin. Kein Wunder also, dass ihr Roman Alle kleinen Tiere von Menschen und Milieus handelt, die das Gegenteil von Glamour ausstrahlen, aber deswegen nicht weniger interessant sind und von der Autorin mit viel Empathie und psychologischer Tiefenschärfe dargeboten werden.

Um vier Personen dreht sich die langsam und unterschwellig zuspitzende Handlung: Da ist Tom, dessen Leben gänzlich aus den Fugen geriet, seit er – zu Unrecht – beschuldigt wurde, sich an einer Minderjährigen vergangen zu haben; da ist die Verkäuferin Rita mit dem Herz auf dem rechten Fleck, aber einer ausgeprägten Hundephobie. Sie landet in der Psychiatrie und trifft dort Ela, die eine abenteuerliche Geschichte erzählt und voller Angst ist vor einem ominösen Mann, der es angeblich auf ihr Haus abgesehen hat. Schließlich gehört noch Marisa zum Personal des Buches. Sie, die sich unablässig bemüht, durch Überanpassung und manisches Sporteln die berufliche Leiter nach oben zu erklimmen und dabei auch noch die Liebe des Lebens zu finden, wird mit diesem Satz eingeführt: „Der kürzeste Weg vom Studio nach Hause führte über den Friedhof.“

Sie alle stolpern durch ihren Alltag am Rande der Stadt und am Rande der Gesellschaft. Sie laufen einander über den Weg, gefangen in ihren unterschiedlichen Ängsten, die sich manchmal zu Wahnvorstellungen hochschaukeln. Einen alten Mann, der unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt, gibt es auch, wir lesen hier schließlich einen Krimi. Doch eigentlich ist viel interessanter, wie die Hauptpersonen, die alle mehr oder weniger mit diesem Todesfall zu tun haben, sich so nach und nach aus scheinbar ausweglosen Situationen herausarbeiten und irgendwie ihren Frieden finden. „Alle kleine Tiere … werden von den großen gefressen“, heißt es auf Seite 76. Hier aber wehren sich einige dieser „kleinen Tiere“ gegen ihr vermeintliches Schicksal. So passt es gut, dass der Roman mit einem sterbenden Hund beginnt und mit einem lachenden endet.

Dauerrausch

Schimmelpfennig: Die Linie zwischen Tag und Nacht © S. Fischer „Sie trieb in ihrem weißen Brautkleid auf dem grünen Wasser des Kanals, ... und sie hatte Rosen im Haar. Sie sah in den Himmel.“ So bildhaft-poetisch und mit direkter Sogwirkung beginnt Die Linie zwischen Tag und Nacht, der dritte Roman Roland Schimmelpfennigs. Ihn kennt man vor allem als erfolgreichen Dramatiker, aber bisher noch nicht als Autor von Kriminalgeschichten. Diese startet genretypisch mit einer Leiche und lässt auf den ersten zwei Seiten szenenhaft schon fast alles aufscheinen, um das es im Folgenden gehen wird: Um Berlin – als Inbegriff von Dauerparty: „Es war ein kalter Tag im Frühling, und trotzdem tanzte die ganze Stadt. Erster Mai, Berlin, Techno.“ Ein Personal, wie es internationaler kaum sein kann: „ … eine kolumbianische Zeichnerin und ein kroatischer Dachdecker und eine portugiesische Kellnerin und ein syrischer Informatiker und ein indisches Mädchen mit schwarzblau geschminkten Augen.“ Um Drogen, die auf nahezu jeder der folgenden 200 Seiten im Übermaß konsumiert werden: „Kokain, MDMA, Ketamin, Speed, Bier und Wodka.“ Schließlich um Tommy, Ich-Erzähler, Ex-Cop und meistens voll drauf: „Es bestand die Möglichkeit, dass ich doppelt sah, denn ich war seit mehr als vierundzwanzig Stunden wach.“

Warum Tommy, einst hochgeschätzter Drogenermittler, nicht mehr zu den Staatshütern zählt, wird bald enthüllt: Er hatte bei einem Einsatz ein Kind überfahren – mit Todesfolge. Danach geriet er auf das, was man schiefe Bahn nennt: Karriere hinüber, Beziehung kaputt, Kontakte mit den Berliner Zweigstellen der Drogenmafia. Die schöne schwimmende Leiche im Landwehrkanal weckt jedoch etwas in ihm auf: Nicht nur zieht er sie aus dem Wasser. Er will sie auch vor dem Vergessen retten, will herausfinden, wer sie ist und welchen Namen sie trägt. Kann ihm das magische Tattoo auf dem Rücken der Toten bei der Lösung des Geheimnisses helfen?

Tommy begibt sich auf einen manischen Streifzug durch die Nacht- und Halbwelt des heutigen Berlin – mit Figuren, die von überall her und aus allen möglichen Gründen hier gestrandet sind und ein äußerst urbanes Setting kreieren. Oft genug kommen sie zuerst wie leibhaftige Klischees daher, brechen dank Schimmelpfennigs Erzählkunst dann aber doch die Erwartungen und bleiben interessant, auch weil sich unter ihnen Netzwerke und Beziehungen herausgebildet haben, die jenseits traditioneller Muster funktionieren und einen sehr gegenwärtigen Reiz ausstrahlen. Am Ende wird Tommy Antworten auf seine Fragen finden, und dann ist er es, der auf der letzten Seite aus dem Wasser gezogen und – vielleicht – gerettet wird.

Schatzsuche 4.0

Hillenbrand: Montecrypto © Kiepenheuer & Witsch Da ist sogar das Handelsblatt begeistert: Tom Hillenbrand sei „ein meisterhaftes Porträt der Kryptoszene“ gelungen, das „beinahe beiläufig“ Basiswissen zum Thema Kryptowährung vermitteln würde. Ein Ritterschlag der Finanzpresse – aber was ist mit der Spannungsqualität von Montecrypto? Die ist definitiv vorhanden – Tom Hillenbrand ist kein Neuling im Thriller-Geschäft. Neben kulinarischen Krimis verfasst der Ex-Spiegel-online-Mann auch immer wieder erfolgreich solche, die sich aktuellen Themen zuwenden, Drohnen und KI zum Beispiel.

Jetzt also Bitcoins, Shitcoins, Stablecoins usw. Und es geht gleich spektakulär los: In Kalifornien – wo sonst – soll Privatermittler Ed Dante das Krypto-Vermögen von Greg Hollister aufspüren. Der Bitcoin-Pionier und sehr erfolgreiche Start-up-Unternehmer war mit seinem Flugzeug über dem Golf von Mexiko abgestürzt. Nun will seine Schwester wissen, wie sie an dessen Krypto-Millionen kommen kann. Ed Dante, der mit seinem lässig-lakonischen Gebaren, seinem (selbst-)ironischen Tonfall und seinem Hang zu prozentreichen Drinks durchaus als Nachfahre Philip Marlowes durchgehen kann, nimmt den Auftrag an – und taucht alsbald ein in die faszinierend-erschreckende Kryptoszene: „Technisch-versierte Cypherpunks aus der libertär-anarchokapitalistischen Ecke. Menschen also, die Steuern als Diebstahl und Schulen als Umerziehungslager sehen und finden, jeder sollte eine Waffe bei sich tragen dürfen“, so Hillenbrand in einem Interview mit der ZEIT über seinen Untersuchungsgegenstand. Der auch gesellschaftliche Sprengkräfte birgt: „Mit dem Bitcoin etabliert sich eine Parallelwährung, die völlig unkontrolliert wuchert und keiner demokratischen Kontrolle unterliegt.“

Dass in dieser Welt raue Sitten herrschen, muss Dante am eigenen Leib erfahren: Bald jagt er nicht nur, sondern wird selbst gejagt. Ihm zur Seite steht aber nach kurzer Zeit die kongeniale Reporterin Mercy Mondego – ein Name, der klingt wie aus dem Marvel-Universum, der aber ebenso wie der von Dante und wie natürlich auch der Buchtitel auf den Abenteuerroman Der Graf von Monte Christo verweist. Und abenteuerlich geht’s hier auch zu: mit Videobotschaften aus dem Jenseits, mit Schauplätzen von Los Angeles über Frankfurt, die Schweiz, New York bis nach Mexiko, mit eigenwilligem Personal und am Ende mit einem Showdown wie in Hollywood erdacht. Im erwähnten ZEIT-Interview gibt Hillenbrand dazu Folgendes zu Protokoll: „Es gehört zu einem guten Thriller, dass es am Ende richtig kracht.“ Passt für sein Buch. Deshalb: Hervorragende Urlaubslektüre, aus der man auch noch schlauer wieder auftaucht, als man eingestiegen ist.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Anne Goldmann: Alle kleinen Tiere
Hamburg: Argument Verlag mit Ariadne, 2021. 304 S
ISBN: 978-3-86754-251-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Roland Schimmelpfennig: Die Linie zwischen Tag und Nacht
Frankfurt: S. Fischer, 2021. 208 S.
ISBN: 978-3-10-397410-2

Tom Hillenbrand: Montecrypto. Thriller
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021. 448 S.
ISBN: 978-3-462-00157-0

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