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Lena Gorelik
Я heißt: Ich

Herkunft ist in den letzten Jahren ein häufig bearbeitetes Thema in der deutschsprachigen Literatur. In ihrem neuen Buch hat nun Lena Gorelik ihre Vergangenheit literarisch erforscht.

Von Holger Moos

Gorelik: Wer wir sind © Rowohlt Berlin Lena Gorelik startet mit dem russischen Wort für Ich in ihren Roman Wer wir sind. „Ich“ besteht im Russischen nur aus einem einzigen Buchstaben: Я, ausgesprochen: ja. Das klingt in deutschen Ohren sehr lebensbejahend. Doch es ist der letzte Buchstabe im russischen Alphabet – und so seien sie auch erzogen worden, erzählt Gorelik. Soll heißen: Die eigenen Wünsche kommen erst ganz zum Schluss.
 
Da sie nicht mehr weiß, wie und wann sie zu der Person wurde, die sie heute ist, beginnt sie sich an ihre Geschichte zu erinnern: an die ersten elf Lebensjahre in Sankt Petersburg, das Auswandern, dann 1992 die Ankunft ihrer Familie in Deutschland als jüdische Kontingentflüchtlinge, die schwierigen ersten Jahre in der neuen Heimat und die jüngste Vergangenheit – immer der Gefahr gewahr, dass die Vergangenheit sehr dominant sein kann: „Wie die Erinnerung manchmal das Jetzt übertönt.“

Schwäbisches Hochdeutsch

Die Familie lebt zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsburg, deshalb glaubt das Mädchen Lena anfangs, der schwäbische Dialekt sei das eigentliche Deutsch. Sie wundert sich über das seltsame Deutsch, das in der Tagesschau gesprochen wird.
 
Die Ich-Erzählerin blickt sehr assoziativ zurück, mit vielen Zeitsprüngen und beabsichtigten Wiederholungen an ihr Leben und das ihrer Familie. Manch mütterliche Beschwerde speist sich aus Vorwürfen an die Tochter, immer wieder fragt und klagt die Mutter mit diesen Worten: „Erinnerst du dich nicht? Du hast vergessen, was Familie ist.“
 
Das Fremdsein manifestiert sich sowohl im Leben als auch in der Sprache. Gorelik platziert regelmäßig russische Wörter und Sätze im Text. Das Russische wandert ins Deutsche ein, während Lena im Roman alles daran setzt, sich das Deutsche anzueignen, um nicht mehr unangenehm aufzufallen. „Lernen Sie doch erst mal Deutsch“, ist ein Satz, den sich Lenas Mutter ihr Leben lang anhören muss. Ausgerechnet sie, die das Ingenieursstudium in Russland mit summa cum laude abgeschlossen hat, aber in Deutschland um Putzjobs betteln muss.

Sprache als Ausschlusskriterium

Lena möchte das nicht mehr erleben, diese Geringschätzung, diese Ausgrenzung allein aufgrund sprachlicher Defizite. Sie schämt sich für die Unbeholfenheit ihrer Eltern. Sie ist intelligent und ehrgeizig, überspringt eine Klasse, lernt dadurch aber auch das Phänomen Neid kennen, gilt als Streberin: „Das Wort Streberin lässt sich ins Russische nicht übersetzen.“
 
Das Gedächtnis ist jedoch unzuverlässig. Lenas Mutter, die Erinnerung einfordert, tut dies, weil sie wenigstens in der Vergangenheit Halt sucht, wenn schon die Gegenwart brüchig ist. Lena dagegen stellt das Erinnern in Frage: „Als gäbe es bei der Erinnerung eine Wahrheit.“
 
Am Ende mündet das Buch in eine Liebeserklärung an ihre Mutter, auch wenn Lena nicht zum Ausdruck bringen kann, wie wichtig diese für ihre Entwicklung war: „Ich sage ihr nicht, dass es ihre Stärke ist, die ich in mir trage.“ Die Protagonistin erkennt, dass Scham Ausdruck von Hilflosigkeit ist und schämt sich für dieses Gefühl. Schreiben schließlich bedeutet ihr Selbstvergewisserung und Versöhnung: „Das ist deine Geschichte“, konstatiert Lenas Mutter.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Lena Gorelik: Wer wir sind. Roman
Berlin: Rowohlt Berlin, 2021. 320 S.
ISBN: 978-3-7371-0107-3

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