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Annekathrin Kohout
Mächtig gewordene Witzfigur

Der Nerd, einst Spießer und Freak zugleich, ist eine Sozialfigur aus der Popkultur, deren gesellschaftlicher Erfolg vielleicht bald zu seinem Untergang führt, meint die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout.

Von Holger Moos

Kohout: Nerds © C.H. Beck Wer kennt sie nicht? Klassenkameraden, Arbeitskollegen oder Bekannte (es sind tatsächlich meistens Männer), die irgendeine Spezialbegabung oder ein sehr spezielles Interesse haben, vorzugsweise im Bereich Technik, sich mit dem anderen Geschlecht schwer tun, wenn sie es überhaupt wahrnehmen, und insgesamt eine Außenseiterrolle einnehmen. Solchen Eigenbrötlern heftet man schon seit Jahrzehnten gerne das Etikett Nerd an.

Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout hat in diesem Jahr das Buch Nerds. Eine Popkulturgeschichte veröffentlicht. Und woher kommt dieser Begriff? Natürlich aus der amerikanischen Populärkultur: „Ab den ausgehenden 1960er Jahren lässt sich beinahe in jedem Teenagerfilm und jeder Teenagerserie mindestens ein Nerd ausmachen, ab den 1970er Jahren wird die Figur in vielen Fällen auch so benannt.“

Vagabunden der Gesellschaft

Kohout definiert den Nerd als Sozialfigur. Dieser sozialwissenschaftliche Begriff stammt aus dem im Jahr 2010 erschienenen Buch Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart von Stephan Moebius und Markus Schroer. Danach sind Sozialfiguren „zeitgebundene historische Gestalten, anhand deren ein spezifischer Blick auf die Gegenwartsgesellschaft geworfen werden kann“. Genau darum geht es Kohout in ihrem Buch: Sie möchte die historische Entwicklung, aber auch die Zeitgebundenheit und eventuell den Verfallsprozess des Nerds nachzeichnen. Eine Sozialfigur ist ein Identitätsangebot. Im Gegensatz zu sozialen Rollen, die bestimmten sozialen Sphären zugeschrieben sind, stammen Sozialfiguren oft zwar auch aus einem bestimmten Bereich, sie können aber „ihr angestammtes Feld … verlassen …, um durch die gesamte Gesellschaft zu vagabundieren“.

Für Kohout hat auch der Nerd seine angestammten Bereiche (Computer und Technik, Comics und Spiele) längst verlassen und kommt in den verschiedensten Zusammenhängen vor. Der Nerd ist nicht mehr nur eine Witzfigur, sondern wird auch gefeiert, etwa in den zwischenzeitlich populären Nerd Nites, in denen Vortragende ihr Spezialwissen zum Besten geben – je abseitiger, desto besser. Doch diese Diversifizierung kann für die Sozialfigur sogar lebensbedrohlich werden, meint Kohout: „Gleichzeitig verliert eine Sozialfigur aber auch ihre sozialdiagnostische Relevanz, wenn sie immer inflationärer verwendet wird.“

Die Rache der Nerds

Kohout fügt dem Nerd in jedem Kapitel neue Facetten hinzu. So komme in der Darstellung von Nerds mal mehr, mal weniger subtiler Anti-Intellektualismus oder Technikskepsis zum Ausdruck. Jerry Lewis habe in der Filmkomödie The Nutty Professor (1963) den Idealtypus des verrückten, nerdartigen Professors verkörpert. Durch Filme wie Revenge of the Nerds (1985) wurde die Geschichte vom Aufstieg des Nerds vom „Außenseiter zum Überflieger“ salonfähig, die in der Verehrung erfolgreicher „Nerds“ wie Bill Gates, Steve Jobs oder auch Marc Zuckerberg gipfeln. Diese mögen zwar noch das Nerd-Klischee bedienen, doch sie haben nicht mehr den Status von technikaffinen Soziopathen an der Grenze zum Autismus, sondern gelten als Genies und werden von ihren Verehrer*innen als Erlöserfiguren betrachtet, was bei ihren Kritiker*innen selbstverständlich sämtliche Alarmglocken läuten lassen.

In einem anderen Kapitel unternimmt Kohout einen Ausflug ins Silicon Valley, einen „Garten Eden für Nerds“. Doch dieses Paradies hat eine Kehrseite, wenn man Romane wie Douglas Couplands Microsklaven (1995) oder Dave Eggers The Circle (2013) liest. So kommt Kohout zu dem Schluss, dass die utopischen Visionen des Silicon Valley von Anfang an eine andere Realität der amerikanischen Westküste ausblendeten: „Rassismus, Armut und Umweltzerstörung.“

Nur noch eine Identitätsschablone für den Mainstream?

Schließlich kommt Kohout auf den „privilegierten Nerd“ zu sprechen, der „männlich, weiß, heterosexuell“ sei. Sie verweist auf sehr viele Sitcoms und findet zwar vereinzelt weibliche Nerds (leider meistens nur in der Rolle des hässlichen Entleins) oder auch schwarze Nerds (der bekannteste ist wohl die von Jaleel White verkörperte Figur des Steve Urkel in Family Matters), doch emanzipatorische Kraft konnten diese Charaktere nach Kohout nicht entwickeln. Allerdings beißt sich bei Kohouts Analyse, dass es nicht gelungen sei, die Nerdfigur in geschlechtlicher und ethnischer Hinsicht zu diversifizieren, die Katze in den Schwanz. Denn wie soll eine Diversifizierung der Nerdfigur gelingen, ohne dass eine umgekehrte kulturelle Aneignung erforderlich ist, die dann von Kritiker*innen z.B. als „Anpassung Schwarzer an die weiße Kultur“ gebrandmarkt wird.

In den letzten Kapiteln wirft Kohout einen Blick auf den Nerd als „Massenphänomen“, das seit einiger Zeit auch in der Modewelt als „Nerd Chic“ angekommen ist. So werde der Nerd zu einer Identitätsschablone für Hipster. Dieser Aufstieg in den Mainstream birgt für Kohout die Gefahr, dass die Sozialfigur des Nerds bis zur Unkenntlichkeit verwässert und zum „hohlen Zerrbild“ werde, was sein Ende bedeuten könne. Wie weit die gesellschaftliche Bewertung der Nerdfigur mittlerweile auseinander liegen kann, beweist laut Kohout beispielsweise, dass sowohl der Youtuber Rezo als auch der CDU-Politiker Philipp Amthor als Nerd bezeichnet werden können. Doch während der erste als cool und lässig gilt, wird der zweite als klassischer Spießer-Nerd als sehr uncool – oder noch schlimmer: als möchtegern-cool – wahrgenommen.

Insgesamt gelingt es Kohout, den Aufstieg, die Entwicklung und das drohende Ende der Nerdfigur sehr anschaulich nachzuzeichnen. Dank des Filmverzeichnisses am Ende des Buches kann man sich über die diversen erwähnten Filme und Serien informieren und sie vielleicht noch- oder erstmals mit einem neuen Blick anschauen. Das werden dann allerdings viele und lange Filmabende.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Annekathrin Kohout: Nerds. Eine Popkulturgeschichte
München: C.H. Beck, 2022. 272 S.
ISBN: 978-3-406-77446-1
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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