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Bettina Wilpert
Was immer wieder passiert

Sommer 2014, laue Nächte, Ferien, zu viel Alkohol: Anna und Jonas lernen sich in der Leipziger Uni-Bibliothek kennen. Sie trinken Wodka, lachen, reden und verbringen eine gemeinsame Nacht. Jonas will keine Beziehung, Anna auch nicht. Keine Verpflichtungen, keine Erwartungen.

Von Friederike van Stephaudt

Nichts, was uns passiert © Verbrecher Verlag Auf der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes, die im Garten von Jonas‘ WG stattfindet, sehen sie sich Anna und Jonas wieder. Sie betrinkt sich, er hält sich einigermaßen zurück. Anna torkelt auf einen nahegelegenen Spielplatz, Jonas begleitet sie – vorsichtshalber. Sie küssen sich. Dann hat Anna einen Filmriss – bis sie sich in Jonas‘ Bett wiederfindet. Er will Sex, sie nicht. Sie sagt Nein, er übergeht dieses Nein und ignoriert über 30 Minuten ihren Willen, ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Worte. Jonas vergewaltigt Anna.

Aussage gegen Aussage

So erzählt es Anna der namen- und konturlos bleibenden Erzählerfigur in Bettina Wilperts Roman Nichts, was uns passiert. Wie Fragmente aus Gesprächsprotokollen werden im Text die Positionen, Ansichten und Erfahrungen der Figuren – neben Anna und Jonas kommen Freunde, Bekannte und Verwandte zur Wort – dar- und gegenübergestellt. Dabei enthält sich die Erzählerin bzw. der Erzähler jeder moralischen Wertung oder Beurteilung der Glaubwürdigkeit des Gesagten.

Jonas hält daran fest, dass Anna auch in dieser Nacht Sex mit ihm wollte. Dass er sie sogar explizit gefragt und ein Kondom benutzt hat. Es steht also Aussage gegen Aussage, als Anna nach Wochen der Depression, Wut und Einsamkeit Jonas bei der Polizei anzeigt. Jonas ist überrascht, schockiert und hilflos.

Die Vorwürfe gegen Jonas werden öffentlich, die Leute reden, und als sie schließlich herausbekommen, dass Anna das vermeintliche Opfer ist, wird auch sie zum Thema der Stadt. Es dauert nicht lange bis Worte wie Falschaussage oder Rufmord im Raum stehen. Aber es tritt auch eine Gruppe Aktivistinnen auf, die gegen sexuelle Übergriffe vorgehen und die Opfer derselben unterstützen wollen.

Durch die nur schwer zu definierende Erzählstimme sieht sich die Leserin bzw. der Leser mit all den Aussagen, Vorwürfe und Vermutungen in eine urteilende Position versetzt. Niemand weiß, wer hier lügt und wer die Wahrheit spricht. Oder ob es doch eigentlich um etwas ganz anderes geht. Es bleibt dabei: Aussage steht gegen Aussage.

Beitrag zur #MeToo-Debatte

Vielfach wurde der Roman als Beitrag zur #MeToo-Debatte gelesen, denn auch hier geht es um Gleichberechtigung: eine Gleichberechtigung der Stimmen – ganz gleich ob diese männlich oder weiblich sind oder sich abseits dieser Kategorien verorten – und des Willens.

Nichts, was uns passiert ist ein Roman, der Gespräche, Diskussionen und Zweifel initiiert. Alles bleibt unklar und doch wird eines klar: dass wir stets reden, diskutieren und zweifeln müssen. Vorwürfe müssen ernst genommen und Opfer geschützt werden. Anna fühlt sich missbraucht, und allein das sollte Anlass zur Debatte sein. Wilpert lässt dazu eine ihrer erdachten Aktivistinnen sprechen: Nur drei Prozent aller Vergewaltigungsvorwürfe sind Falschaussagen, nur fünf Prozent aller Taten werden angezeigt und bei nicht einmal einem Fünftel wird im Prozess zugunsten des Opfers entschieden.
 
Rosinenpicker

Wilpert, Bettina: Nichts, was uns passiert.
Berlin: Verbrecher Verlag, 2018. 167 S.
ISBN: 978-3-95732-307-1

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