Michael Rutschky
Trauriger weißer alter Mann

Als geistiger Coach, als Pate einer ganzen Generation wurde er bezeichnet. In seinen Tagebüchern offenbart sich der 2018 verstorbene Michael Rutschky als lakonischer Flaneur durch das eigene Leben, das sich zusehends verdüstert.

Von Holger Moos

Rutschky: Gegen Ende © Berenberg
Wer kennt sie nicht? Menschen, die sich stets beklagen, die immer jammern, die sich als ewig zu kurz Gekommene empfinden und das die Welt bei jeder Gelegenheit spüren und hören lassen. Rutschky nennt so jemanden eine „Vorwurfspersönlichkeit“. Prägnanter lässt sich dieser Menschenschlag nicht charakterisieren.

Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996–2009 heißt der dritte, nun posthum erschienene Tagebuchband, nach Mitgeschrieben (2015) und In die neue Zeit (2017). Er ist voll von solchen treffenden Beschreibungen, aber auch voller Abschweifungen. Die kurzen Tagebucheinträge erzählen genau so viel vom Krebsleiden des Hundes wie von politischen Diskussionen mit Freunden und Weggefährten und noch mehr Intimes. Alles steht gleichwertig nebeneinander.

Triefende Trostlosigkeit

Man könnte nun meinen, man bekomme Einblicke in das glamouröse Leben der Berliner Bohème, da Rutschky über einen illustren Bekannten- und Freundeskreis verfügte, dem Gerhard Henschel, Kathrin Passig, Rainald Goetz, Stephan Wackwitz, David Wagner, Ulf Erdmann Ziegler und viele mehr angehörten. Doch das, was Rutschky, der von sich selbst stets als „R.“ in der dritten Person spricht, in seinem Tagebuch festhält, ist von geradezu triefender Trostlosigkeit.
 
Es ist ein Buch der Kränkungen – sowohl der erlittenen als auch der zugefügten. Immer wieder thematisiert Rutschky Verfallserscheinungen: „Der alternde Körper verliert sukzessive alle Reize, und zwar zunächst für den Alternden selbst. Wie es für ihn selbst unvorstellbar wird, dass er attraktiv sein könnte, verlieren die anderen ebenso alle Attraktivität, welchen Alters immer.“
 
Der Verfall des Körpers, der Selbstekel, die unverblümt geschilderte nachlassende Potenz, welche die zahlreichen, auch homoerotischen Sexualphantasien nicht zu stimulieren vermag, die Verarmungsängste, der versagte Ruhm – all das ist die eine Seite.

„Leiden am beschädigten Leben“

Doch Rutschky teilt auch aus. Schonungslos schreibt er über seine Frau, die er längst hätte verlassen sollen („Dass sein Leben gescheitert ist, sagt ihre Ehe überdeutlich“). Seine Ehe ist ein Konkurrenzverhältnis zwischen zwei Intellektuellen, die sich abmühen, vom Schreiben leben zu können, um Aufmerksamkeit in der Kultur- und Medienbranche kämpfen und voller Abstiegsängste sind. Er offenbart den eigenen, aber mehr noch den Alkoholismus seiner 2010 verstorbenen Frau Katharina, die trinkt, weil sie sonst gar nicht zu schreiben vermag. „Stimulationsalkoholismus“ nennt er das.
 
Folgt man seinem Tagebuch, war Rutschky manchmal ein zorniger alter weißer Mann, meistens jedoch lesen sich seine Eintragungen wie die Auslassungen eines zutiefst traurigen weißen alten Mannes. Michael Braun nennt das Tagebuchwerk in der NZZ das „Opus magnum des Alltagsethnografen“, wenn auch gerade der dritte Band in ein eher düsteres Licht getaucht ist.
 
Rutschky offenbart sich und sein Leben – und man erkennt: die Ängste, die menschlichen Eitel- und Schäbigkeiten sind auch im Intellektuellenmilieu tief verwurzelt. Rutschky formuliert das alles aber derart gut, so kühl und spöttisch, ohne viel Larmoyanz, dass die indiskrete und bisweilen unangenehm berührende Nähe durch die stilistische Distanz nicht nur erträglich bleibt, sondern, so Kurt Scheel im Vorwort, ein „Lebensroman“ entstanden ist. Oder: „Ein Triumph der Kunst über das Leiden am beschädigten Leben“, wie Jörg Lau im Nachwort resümiert.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Rutschky, Michael: Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996-2009
Berlin: Berenberg, 2019. 360 S.
ISBN: 978-3-946334-49-1

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