Daniela Krien
Scheitern, aufstehen, weiterleben

Ist Beständigkeit in der Liebe zwischen Frauen und Männern nicht mehr möglich? In Daniela Kriens Roman scheint es so. Dass diese Beobachtung nicht in jammernde Untergangsprosa mündet, liegt an den lebensklugen Heldinnen der Geschichten.

Von Marit Borcherding

Krien: Die Liebe im Ernstfall © Diogenes
Am Anfang des Buches stirbt ein Kind und am Ende kommt eines auf die Welt. Ein weit gesteckter und emotional durchaus fordernder Handlungsrahmen zwischen tiefer Trauer und hoffnungsvollem Neubeginn: Daniela Krien mutet den fünf Frauen, um die es in Die Liebe im Ernstfall geht und deren Schicksale sie miteinander verknüpft, einiges zu. Zwar lassen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde auf der Suche nach Liebes- und Lebensglück und nach ihrem Platz im bürgerlich-kulturell gut situierten Leipzig der Nachwendezeit kaum etwas aus, vor allem keine Abenteuer mit promisker Note. Sie müssen aber gleichzeitig zahlreiche Enttäuschungen und Rückschläge einstecken. Und sie brauchen gehörige Widerstandskraft, um angesichts dessen den Kopf doch oben zu behalten.

Zerfall einer Bilderbuchehe

Der Reigen beginnt mit der Buchhändlerin Paula, die sich in den gutaussehenden Ludger verliebt. Sie werden ein Paar wie einem Bilderbuch entstiegen. Leider – oder natürlich? – ist das Glück nicht von Dauer, doch bevor es zum tragischen Finale der Ehe kommt, spürt Paula schon deutlich, dass sie in der Beziehung die schlechteren Karten gezogen hat. Denn Ludger entpuppt sich als besserwisserischer, selbstgerechter Egoist – von Daniela Krien nicht etwa in einer dramatischen Streitszene verdeutlicht, sondern durch die fast beiläufige Schilderung einer gemeinsamen Fahrradfahrt: „Beim Radfahren fuhr er schneller als sie. Er schaute sich nicht nach ihr um. ... Auch die Strecke legte er fest. Von jedem beliebigen Punkt der Stadt zu jedem beliebigen Ziel kannte er die beste Route. Paulas Widerspruch brach spätestens beim Blick auf die Karte, die er stets bei sich trug.“ Es sind diese unsentimentalen, klarsichtigen Zeichnungen von Personen und ihren Interaktionen, die die Stärke des klug komponierten Romans ausmachen. 
 
Als Ludger sich dazu versteigt, seiner Frau ohne jeglichen Beweis die Schuld am Tod der gemeinsamen Tochter zuzuschieben, fällt Paula in ein tiefschwarzes Loch, aus dem ihr Judith, die langjährige Freundin aus Kindertagen, immer wieder heraushelfen will. Judith, der hochintelligenten Überfliegerin und Ärztin, etwas klischeehaft zudem als reitgertenschwingende Zynikerin gezeichnet, ist das zweite Kapitel gewidmet – und mit diesem Perspektivenwechsel präsentiert Daniela Krien eine weitere Facette der weiblichen Glückssuche – wobei auch durchweg die Kindheit und Jugend der jeweiligen Protagonistin eingeblendet werden, was so manchen ihrer Charakterzüge und ihrer Verwundungen erklärt. Judith, die viel auf Dating-Portalen unterwegs ist, weiß jedenfalls sehr genau, in welchem Dilemma sie steckt: „Sie braucht einen Mann, obwohl sie ihn früher oder später verachten wird.“ Da ist dann erwartungsgemäß kein Happy End nach traditionellen Rollenvorstellungen in Sicht.

Vom Suchen und Finden neuer Wege

Selbiges gilt für Brida und Malika, beide Patientinnen von Judith und beide Liebespartnerinnen von Götz – wobei erst Brida Malika aussticht und dann selber wegen einer anderen, jüngeren verlassen wird. Um alles zu verkomplizieren, sind immer auch Kinder im Spiel, die für die Frauen Glücksbringer und Anstrengung zugleich sind. Oder sie sind Projektionsfläche für Sehnsüchte aller Art. Wie es Malika passiert, die keine eigenen Kinder bekommen kann. Sie schlägt schließlich ihrer Schwester Jorinde ein verblüffend naheliegendes Wohn- und Lebensmodell vor, als diese, zum dritten Mal schwanger und in Trennung von ihrem – Überraschung – selbstbezogenen und rücksichtslosen Mann, nicht weiß, wie es weitergehen soll. Und so mündet das letzte Kapitel in eine Schwesternwohngemeinschaft mit Kindern, in der die Rollen nicht zu Lasten einzelner verteilt sind und wo gegenseitiges Kümmern und Freiräume lassen zu den Regeln gehört.
 
Im Nachwort dankt Daniela Krien ihrer Tochter: „Ihre Vorliebe für Happyends blieb nicht ohne Einfluss.“ Erfreulich, dass im Rahmen dieses freundlichen Romanschlusses etwas Neues gewagt wird und dass all die Frauen, um die es in diesem Buch geht, nicht davon ablassen, nach eigenen, passenden Wegen zu suchen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Krien, Daniela: Die Liebe im Ernstfall
Zürich: Diogenes, 2019. 288 S.
ISBN: 978-3-257-07053-8
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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