Barbara Honigmann
Vater, wer bist du?

Barbara Honigmann präsentiert ein berührendes Porträt ihres Vaters, eines widersprüchlichen Mannes, über den sie viel zu erzählen weiß. Doch manches blieb unausgesprochen.

Von Holger Moos

Honigmann: Georg © Hanser
Nachdem Barbara Honigmann in ihrem 2004 erschienenen Buch Ein Kapitel aus meinem Leben die Geschichte ihrer Mutter Litzy erzählt hat, widmet sie sich mit Georg ihrem Vater, der 1903 als Sohn eines jüdischen Arztes in Wiesbaden geboren wird. Georgs Leben ist geprägt durch zahlreiche Wendungen und seinen „ungebundenen Charakter“ – sowie seine Besitzlosigkeit.
 
Er besucht die Odenwaldschule, als sie noch als Vorzeigeinternat der Reformpädagogik gilt, er ist Bohemien, Bildungsbürger, vier Mal verheiratet, spioniert zunächst für die Briten, später für die Sowjetunion, arbeitet als Journalist in Frankfurt, Düsseldorf und Berlin, flieht nach London und geht dann in die DDR, wo er bald zur Kulturelite gehört.
 
Georgs Lebensweg bietet also viel Stoff für Erzählungen. Seine Tochter fordert diese als Kind regelmäßig ein – „Erzähl weiter, Pappi“, so die kindliche Aufforderung. Doch es gibt auch Unausgesprochenes. Niemals redet er über die Verfolgungen und den Mord an den Juden, an seinen Verwandten, die er im englischen Exil aus den Augen verloren hat. Ebenso wenig thematisiert er später das Verschwinden der sowjetischen Intelligenzija im Gulag-System.

Ein Leben ohne Sicherheit und Halt

Nach jeder seiner gescheiterten Ehen verlässt Georg das jeweilige Haus nur mit dem, was er am Leibe trägt. Er wechselt dabei nicht nur die Frauen, sondern auch die Freundeskreise, „denn eigene Freunde hatte er nicht“. Die Tochter erlebt diese Haltlosigkeit, diese Ungeborgenheit des Vaters schon im Alter von 14 Jahren, als er nach dem Scheitern seiner dritten Ehe mit 60 Jahren in ein möbliertes Zimmer zieht und auf einem gemeinsamen Spaziergang weint. Sie deutet diese Tränen nicht als Reaktion auf die plötzliche Kargheit seines Daseins, sondern als Ausdruck seines Lebens „ohne Sicherheit und Halt“.
 
Zunächst ist er mit Ruth verheiratet, mit der er nach England flieht. Dort lernt er seine zweite Frau Litzy kennen, die ihn zum Kommunismus bringt, obwohl er zum glühenden Anhänger dieser Ideologie – auch nach eigener Einschätzung – eigentlich gänzlich ungeeignet ist, ist er „doch nie über Hermann Hesse hinausgekommen“.
 
Es folgt die Ehe mit der Schauspielerin Gisela May, für die der Komponist Hanns Eisler Lieder schreibt. Das Zusammenleben mit und die Trennung von der DDR-Diva verläuft entsprechend dramatisch, inklusive Betrug, Affären und hässlicher Szenen. Die letzte Ehe – seine Frau ist wieder um die dreißig („Er wurde älter, aber seine Frauen blieben um die dreißig“) – schildert Honigmann als traurige Endstation in der spießigen Provinz, inklusive Rauhaardackel.

Tieftraurige Vaterfigur

Für die Tochter bleibt ihr Vater ein Rätsel, obwohl sie ihn sich in diesem Buch erzählerisch zu erschließen versucht: auf der Basis ihrer Erinnerungen, aber auch mithilfe von Stasi- und sonstigen Geheimdienstakten. Sie weiß am Ende dennoch nicht, welche Entscheidungen er bereut hat oder anders getroffen hätte, als er ihr in einem späten Brief diese Sentenz mitteilt: „Richte, liebes Kind, Dein Leben heute so ein, dass Du nicht später sagen wirst, oh, hätte ich doch damals – wie es sich Dein armer Vater immer wieder sagt.“
 
Georg gehört, so die Erzählung Honigmanns, nirgendwo wirklich dazu, er sitzt überall zwischen den Stühlen. In Deutschland gilt er als – wenn auch nicht gläubig – Jude, in England als Deutscher, in der DDR schließlich ist er für den Arbeiter- und Bauernstaat zu bohemehaft. Und in seiner Familie ist er „der Verschollene“. Sein Schicksal sei „prototypisch für den Lebensweg eines assimilierten deutschen Juden im 20. Jahrhundert“, so die Jury der SWR-Bestenliste.
 
Das Buch ist aber auch eine beeindruckende, zärtliche, gleichwohl nicht unkritische Liebeserklärung an den Vater. Im Buch umweht diese Vaterfigur eine tiefe Traurigkeit. Es beginnt mit dem erwähnten Besuch der Vierzehnjährigen in dem karg möblierten Zimmer – und es endet auch damit: „Toilette und Bad auf dem Gang.“ 
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Honigmann, Barbara: Georg
München: Hanser, 2019. 160 S.
ISBN: 978-3-446-26008-5

Dieser Titel ist in unserer Onleihe erhältlich

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