Yannic Han Biao Federer
A Spacey Odyssey

Yannic Han Biao Federers Coming-of-Age-Debüt wagt sich an die großen Themen des Erwachsenwerdens und kommt doch ohne große Worte aus. Fast lakonisch erzählt es von Einsamkeit, Tod und dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Nähe.

Von Manon Hopf

Federer: Und alles wie aus Pappmaché © Suhrkamp
Es ist Sommer 2001 in Baden. Die wie nebensächlich einstürzenden Türme des World Trade Centers dienen dem Roman nicht nur als hintergründig rauschender Ausgangspunkt seiner Erzählung, sondern auch als Symbol einer infrage gestellten Männlichkeit. Denn Jan ist 16 und heißt eigentlich Jian, und eigentlich ist er in Sarah verliebt, schläft aber mit Anna, die sich von Frank getrennt hat. Außerdem küsst er Georg auf den Mund: Jian scheint nicht genau zu wissen, was er will. Alles meint er nur „vielleicht“ oder „ein bisschen“ – nicht Stellung zu beziehen, fast ironisch zu erzählen, ist Programm. Manchmal vermittelt Und alles wie aus Pappmaché den Eindruck, es ginge ihm um alle aktuellen Themen auf einmal: Der Krieg in Syrien, die AfD, Homosexualität und Polyamorie werden angerissen, nie aber tatsächlich verhandelt. Das ist programmatisch und kann als Stärke des Romans ausgelegt werden, der beschreiben, nicht aber werten will.

Exzessives Erwachsenwerden

Doch an vielen Stellen vermittelt er sehr wohl pointiert, entziffert den Zeitgeist und porträtiert klar Jians Generation. So beispielsweise wenn es um Auslassungen wie folgende geht: „[…] und bestimmt schieben sie gleich die Frau auf den Rücksitz und bringen sie irgendwohin, wo es feucht ist und dunkel und voller Kakerlaken, und wenn sie nicht zahlen kann, öffnen die Uniformierten ihre Hosen und –.“ Zwischen den Zeilen blitzt es hervor, das Wahre, hängt in Spuren an Füllworten und Auslassungen, und bewirkt jenes ambivalente Alltagsgefühl, sowohl teilzuhaben am richtigen, echten, gefühlsbeladenen Leben, als auch mit diesen Gefühlen allein und damit außen vor zu sein. So fängt der Roman die Stimmung des Erwachsenwerdens in den 2000ern erstaunlich gut ein: abschweifend, berauscht, dann wieder nüchtern verschluckend.

Denn auch der Exzess darf in diesem Musterstück deutscher Popliteratur nicht fehlen: 2014 ist Jian mit Thorsten, Georgs kleinem Bruder, und einem syrischen Kioskbesitzer völlig zugedröhnt auf Deutschlands Autobahnen unterwegs. Es wird mit einer Waffe rumgeballert, sich in den Arm gefallen, ein Rachefeldzug gewagt – Jungs unter sich. Über das Eigentliche wird vorwiegend geschwiegen, wenn es auch immer wieder aus Jian hervorbricht: Männer reden nicht, sie machen – aber was? Denn obwohl im Roman vordergründig nicht gewertet wird, erzählt er doch eine Geschichte: Die von der heteronormen, glücklichen Jugendliebe, und die vom tyrannischen Homosexuellen, dem es sich zu entledigen gilt. Jian hat eine schreckliche Beziehung zu Aron hinter sich.

Sehnsucht nach Verbindung

Der Roman läuft manchmal Gefahr, die Klischees, über die er eigentlich hinwegfegen möchte, zu reproduzieren. Und auch das anachronistische Erzählen, das die Romanstruktur abwechslungsreich macht, wirft die Frage auf, warum bestimmte Aspekte und Figuren so genau beleuchtet wurden, wo andere näherliegend und interessant gewesen wären. Das Kapitel  „Zurück" über Mascha, die in einer Dreiecksbeziehung mit Anna und Bobby lebt, scheint nur einer Abhandlung über den typischen AfD-Wähler aus dem Osten, ihren Vater nämlich, zu dienen. Vermutlich soll hier unbedingt eine Zeit und der Lifestyle einer Generation abgebildet werden.

Fast zu klar fügt sich am Ende alles zusammen, keine Erzählung läuft ins Leere. Da wünscht man sich dann doch die Provokation, die einen mit jenem großen Fragezeichen hinterlassen hätte, das im Kapitel „Mutter“ so wunderbar gezeichnet wird. 2017, Jian ist mittlerweile berufstätig und besucht seine indonesische Mutter auf Bali, und er scheint irgendwo angekommen zu sein. Denn Erwachsenwerden heißt auch: den Mund aufmachen, Dinge zur Sprache bringen, Verbindung schaffen, und damit etwas riskieren. Das zumindest versucht Jian am Ende seiner Reise, die bezeichnenderweise zurückführt zum Ursprung: zu seiner Mutter. Alles in allem hat er etwas gewagt, möglicherweise sogar etwas verstanden, zumindest hat er es versucht: „und vielleicht gibt Mutter auch deswegen so wenig preis, überlege ich jetzt, weil sie dann nicht nur vor mir über sich sprechen müsste, sondern auch vor sich selbst, und irgendwie ist mir, als könnte ich sie plötzlich verstehen, und tatsächlich, jetzt macht sie auch den Mund auf, und sie sagt, Jian, im Leben –, und ihre Tür wird aufgerissen, eine Uniform steht da und ruft, tiket?“

Dieses Kapitel erzählt brillant von Einsamkeit und der Sehnsucht nach Verbindung, von Jians vielleicht vergeblichem Versuch, diese zu Menschen und Dingen herzustellen. Einen Weg zu finden, sich in diese Welt hineinzusprechen. Seine Frage – „aber bist du denn glücklich?“ – läuft ins Leere. Die Antwort, die zur Antwort auf alles würde, bleibt verschluckt, geht unter im Rauschen der Kommunikation.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Yannic Han Biao Federer: Und alles wie aus Pappmaché
Berlin: Suhrkamp, 2019. 206 S.
ISBN: 978-3-518-46939-2
Dieser Titel ist in unserer Onleihe erhältlich

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