Katja Oskamp
Berlin von unten

Frau Guse, Herr Paulke, Frau Noll oder Herr Pietsch – sie alle haben etwas gemeinsam: Sie leben in Berlin-Marzahn und gehen zur selben Fußpflege. Die Sprach- und Fußpflegerin Katja Oskamp wirft liebevolle Blicke auf sehr viele Füße, aber nicht nur das.

Von Holger Moos

Oskamp: Marzahn, mon amour © Hanser Berlin
Marzahn war das größte Plattenbaugebiet der DDR. Dorthin, in diese Berliner Randlage, verlaufen sich nur wenige Touristen oder Hauptstadthipster. Wenn man vor den achtzehn- oder zwanzigstöckigen Betonburgen steht, können leicht „Zwergengefühle“ entstehen.
 
Die Menschen, die dort leben und arbeiten, kennen sich aus mit dem Scheitern. Katja Oskamp lebt zwar nicht in dem Stadtteil, aber sie arbeitet genau dort als Fußpflegerin. Auch ihr ist das Gefühl, gescheitert zu sein, nicht unbekannt. Vom Schriftstellerinnendasein allein kann sie nicht über die Runden kommen. Ihre letzte Novelle wurde von 20 Verlagen abgelehnt. Sie ist Mitte Vierzig und leidet unter der zunehmenden Unsichtbarkeit von Frauen in den „mittleren Jahren“.

Abseitige Dinge

Aber sie hat zwei gesunde Hände und will etwas Neues anfangen – oder zumindest Geld verdienen. Also macht sie eine Ausbildung zur Fußpflegerin, denn: „Wenn du unsichtbar geworden bist, kannst du schreckliche Dinge tun, wundervolle Dinge, abseitige Dinge.“ Sie und die anderen Auszubildenden müssen allerdings feststellen, das auch das nicht einfach ist: „Wir waren ganz unten bei den Füßen angelangt, an denen wir, nichtsdestotrotz, scheiterten.“
 
Sie glaubt dennoch fest an das Gelingen ihres Plans, ihre Lebenskrise zu überwinden, denn in der Zeitform des Futur II prognostiziert sie: „Die mittleren Jahre, in denen ich in Marzahn gearbeitet habe, werden gute Jahre gewesen sein.“ Von diesen unglaublich guten Jahren, noch mehr aber von den Menschen, deren Füße sie versorgt, erzählt sie in Marzahn, mon amour.

Pediküre als Seelenpflege

Auf zärtliche Weise huldigt das Buch den (überwiegend älteren) Menschen, die in Marzahn leben, teilweise seit mehr als 30 Jahren. Oskamp hat die Gabe, ganze Lebensläufe und persönliche Eigenheiten auf wenigen Seiten plastisch, einfühlsam und humorvoll zu skizzieren. Da ist etwa Herr Paulke, der sie durch seine „Demut gegenüber den Massakrierungen des Alters“ beeindruckt. Nach einer Krebs-Operation kehrt er wieder zur Fußpflegerin zurück und berichtet, dass er wegen des „beschissenen“ Krankenhausessens zwar zehn Kilo abgenommen habe: „Aba de Zehennägel sind jewachsen.“
 
Was Oskamp auf dem Fußpflegestuhl begegnet, ist naturgemäß nicht immer appetitlich. Ein Kunde befreit seine Füße von uralten Freizeitschuhen aus Gummi: „Was zum Vorschein kommt, entstammte der Tierwelt. Wie es roch, habe ich verdrängt.“ Doch bei aller Verwahrlosung und Versehrtheit steht das Besondere jedes Menschen im Vordergrund. Und nie mehr sollte man auf Fußpfleger*innen hinabschauen. Sie können allesamt ungeahnte Fähigkeiten in punkto Seelenpflege haben. Katja Oskamp setzt nicht nur den Menschen Marzahns, sondern auch einem ganzen Berufsstand ein literarisches Denkmal.
Beim Label Roof Music/Tacheles! ist die digitale Hörbuch-Version erschienen.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank
Oskamp, Katja: Marzahn, mon amour
Berlin: Hanser Berlin, 2019. 144 S.
ISBN: 978-3-446-26414-4

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