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Vorintegration am Goethe-Institut: Das Beispiel Vietnam

Teilnehmende eines interkulturellen Trainings am Goethe-Institut Hanoi.
© Goethe-Institut Hanoi

„Ich muss nur das B1-Zertifikat schaffen, um mein Visum für einen Ausbildungsvertrag in Deutschland zu bekommen. Richtig Deutsch kann ich ja dann immer noch später lernen.“ „Mit der deutschen Kultur muss ich mich vor meiner Ausreise nach Deutschland nicht auseinandersetzen, denn wenn ich erstmal da bin, werde ich mich schon von ganz allein daran gewöhnen“. Die Mitarbeiter*innen des Goethe-Instituts Hanoi arbeiten tagtäglich daran, solche Vorstellungen und Meinungen zu hinterfragen und Vietnames*innen auf das Leben in Deutschland vorzubereiten.

Von Janna Degener-Storr

Rund zehntausend Kilometer entfernt befindet sich das südostasiatische Land Vietnam, das viele Menschen hierzulande – wenn überhaupt – nur aus dem Urlaub kennen. Und auch die Mehrheit der Vietnames*innen, die sich in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt auf eine Migration nach Deutschland vorbereiten, hat wohl nur eine vage Vorstellung davon, was es bedeutet, in Köln, Greifswald oder Garmisch-Partenkirchen zu leben.

Zwölf Jahre Erfahrung

Schon seit 2008 entwickeln Vorintegrations-Expert*innen an den Goethe-Instituten Angebote, um das zu ändern. Wer überlegt, nach Deutschland auszuwandern, kann seitdem an kostenfreien Beratungen, Informationsveranstaltungen und Seminaren teilnehmen sowie vielfältige Online-Angebote nutzen.

Das Heft „Eine kleine Starthilfe für den Krankenhausalltag in Deutschland“ zum Beispiel wurde im Rahmen der Vorintegrationsarbeit entwickelt und kann auf der Website des Goethe-Instituts Hanoi kostenlos heruntergeladen werden. Es bietet angehenden Krankenschwestern und -pflegern eine sprachliche Einführung für die Arbeit an deutschen Kliniken. Denn junge vietnamesische Fachkräfte aus dem pflegerischen Bereich sind – neben den nachziehenden Ehegatten – eine wichtige Zielgruppe der Vorintegrationsarbeit in Vietnam. Seit 2013 bietet das Goethe-Institut Hanoi ein einjähriges Fachsprachenprogramm an, das diese Berufsmigrant*innen sprachlich und interkulturell auf die Anforderungen der Prüfung B2 vorbereitet. Über zweihundert Menschen nehmen jedes Jahr daran teil, um anschließend für ihre Krankenpflegeausbildung nach Deutschland zu reisen.

Neue Ideen und Formate

Während des letzten Projekts „Vorintegration in den Regionen Südostasien und Südosteuropa“, das im Juni 2020 auslief, haben die Goethe-Institute in Vietnam wieder neue Ideen entwickelt und umgesetzt. Neben den Themen „Interkulturelle Kommunikation“ und „Landeskunde“ stand dabei jetzt auch die Entwicklung von Lernkompetenzen im Fokus.

„Im Seminar Lernen lernen können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Unterstützung der Kursleitung darüber austauschen, welche Methoden sie beim Deutscherwerb anwenden, welche Schwierigkeiten damit einhergehen und wie sie damit gut umgehen können“, erklärt Sombatua Sihotang, Regionalkoordinator in Südostasien.

Und mit der „Prüfungsvorbereitung“ gibt es jetzt ein neues Seminarformat, das auf die speziellen Bedürfnisse von Familiennachzügler*innen ausgerichtet ist. „Heiratsmigranten und -migrantinnen brauchen für die Beantragung des Visums ein A1-Zertifikat, haben aber häufig noch wenig Erfahrung mit Testsituationen“, sagt der Experte. „Die Seminarleiter und -leiterinnen erklären ihnen also das Prüfungsformat und geben ihnen auch Ratschläge, worauf sie in den Modulen lesen, schreiben, hören und sprechen achten sollten.“

Darüber hinaus organisierten die Goethe-Institute in Vietnam im aktuellen Projektzeitraum mehrere Informationsveranstaltungen, bei denen Vietnames*innen von ihrem Leben in Deutschland berichteten und die Fragen der Zuhörer*innen beantworteten.  Allein an diesen so genannten Alumnitalks in Hanoi nahmen teilweise über 120 interessierte Personen teil.
Teilnehmende eines interkulturellen Trainings am Goethe-Institut Hanoi. © Goethe-Institut Hanoi

Online-Angebote in Corona-Zeiten

Während der coronabedingten Institutsschließung von Anfang April bis Anfang Mai 2020 stellten auch die Goethe-Institute in Vietnam ihre Vorintegrationsarbeit auf digitale Angebote um. „In dieser Zeit fanden alle Beratungen und Seminare online statt“, erzählt Huong Thanh Nguyen, die die Vorintegrationsarbeit des Goethe-Instituts in Vietnam koordiniert. Seit Aufhebung der Ausgangssperren finden die Angebote je nach Bedarf teilweise wieder in Präsenz statt.

Allein im Rahmen des Pflegeprojekts organisierte Huong Thanh Nguyen während der Pandemiezeit zwölf Online-Veranstaltungen, an denen jeweils fünfundzwanzig bis dreißig Fachkräfte teilnahmen. Analog zu den Alumnitalks führte sie darüber hinaus eine Online-Interviewserie zum Thema „Mein Leben und Deutschland“ durch, in der eine Familiennachzüglerin, eine Krankenpflegerin und zwei Studenten von ihren Erfahrungen mit Ämtern und Wohnungssuche, Arbeit und Praktika, Familie und Freizeit, Esskultur und Sprachbarrieren, Kulturschock und Heimweh berichteten und die Fragen der Zuhörer*innen beantworteten: Wie viel Geld kann ich in Deutschland verdienen und wie teuer ist das Leben dort? Wie kann ich meinen Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen? Wie läuft ein Integrationskurs ab? Welches Deutschniveau braucht mein Kind, um in der deutschen Schule zurechtzukommen? Wie leicht oder schwer ist es, in Deutschland Freunde zu finden? Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf den Alltag in Deutschland aus? ...

Informationen aus erster Hand

Ha Dinh De Soghe, die seit 2018 mit ihrem deutschen Mann im niedersächsischen Braunlage lebt und auch ihren Sohn aus Vietnam nachgeholt hat, erzählt zum Beispiel von der Beziehung zu ihrer Schwiegermutter: „Zu Hause in Vietnam habe ich mir viele Gedanken über mein zukünftiges Leben mit der neuen Familie gemacht. Wie wird meine neue Familie sein? Wie werden die Verwandten meines Mannes sein? Aber als ich hier angekommen bin, hatte ich gleich ein viel gelasseneres Gefühl. Alle waren sehr freundlich und nett zu mir. Gerade meine Schwiegermutter liebt mich ganz besonders! Meine leibliche Mutter sagt immer, Du hast sehr großes Glück, so eine gute Schwiegermutter zu haben‘“.  Wenn ihre Schwiegermutter mal krank ist, sagt Ha Dinh De Soghe, will sie sie unbedingt selbst pflegen – wie in Vietnam üblich, nicht aber in Deutschland: „Hier ist es aber ganz anders. Solche Arbeiten werden von Schwestern und Pflegern erledigt. In dieser Situation fühle ich mich als Schwiegertochter irgendwie nicht angemessen. Aber hier ist das ganz normal.“

Phung Kim Tuyen, die als Altenpflegerin in Berlin arbeitet, berichtet im Online-Interview unter anderem von ihrer Ausbildung, wobei sie unter anderem kulturelle und rechtliche Unterschiede thematisiert: „Wenn ein Patient in Vietnam keine Injektion will, versuchen wir ihn dauernd zu überreden, dass die Injektion gut für ihn ist. In Deutschland versuchen wir den Patienten in so einem Fall natürlich auch mit Argumenten zu überreden. Wenn der Patient aber trotzdem nicht will, dürfen wir nichts gegen seinen Willen tun. Das wäre ein Verstoß gegen das Gesetz.“

Warum der Aufwand?

Mit Veranstaltungsformaten wie den Online-Interviews erreichen die Goethe-Institute in Vietnam auch diejenigen Migrant*innen, die am liebsten ganz ohne Vorbereitung ins Flugzeug steigen würden. Sombatua Sihotang spricht als Regionalkoordinator für Migrant*innen aus unterschiedlichen Teilen Südostasiens, wenn er sagt: „Viele Zuwanderer und Zuwanderinnen haben falsche Vorstellungen von Deutschland. Sie sind zum Beispiel überzeugt davon, dass das Leben hier sehr leicht ist und unterschätzen dabei die Anstrengung, die eine Migration mit sich bringt“. Und auch Huong Thanh Nguyen erlebt in ihrer täglichen Vorintegrations-Arbeit am Goethe-Institut Hanoi immer wieder, dass sie Zuwanderer*innen von der Bedeutung ihrer Arbeit überzeugen muss: „Besonders Familiennachzügler denken oft, sie könnten sich allein auf ihren Ehemann oder ihre Ehefrau in Deutschland verlassen. Ich erkläre ihnen dann, dass sie sich in Deutschland viel besser integrieren werden, wenn sie aktiv auf andere Personen zugehen und sich ein Netzwerk aufbauen und hierfür gut Deutsch sprechen müssen.“

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