Kaffee-Kultur Bohnen-Boom
Down Under

Eine Latte-Art Kreation von Emily Coumbis
Eine Latte-Art Kreation von Emily Coumbis | © Lisa Carbonaro

Bis in die 90er-Jahre kam den meisten Australiern beim Begriff „Kaffee“ nur granuliertes Instant-Pulver in den Sinn – das hat mit dem eigentlichen Ursprung des Heißgetränks allerdings nicht mehr viel gemeinsam. Dieses Bild hat sich mittlerweile stark gewandelt: Heute wird qualitativ hochwertiger Bohnenkaffee auf dem fünften Kontinent regelrecht zelebriert.

Die Straßen von Australiens Metropolen wie Sydney, Melbourne oder Brisbane sind gespickt mit vielen Cafés, die aromatischen Kaffee anbieten. Selbst in kleineren Vororten finden Kaffee-Liebhaber nur einen Katzensprung entfernt mindestens eines davon. Das war allerdings nicht immer so: Zwar führten die Engländer mit der Ersten Flotte 1788 bereits Kaffee-Keimlinge nach Australien ein, doch das Klima Down Under stellte sich als ungeeignet für den Anbau heraus. Erst im 20. Jahrhundert, vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, traf eine Welle von Migranten aus Italien ein – im Gepäck hatten sie den Espresso, den die Baristas in Australien heute hauptsächlich zum Brauen des Wachmachers nutzen.

Seinen endgültigen Durchbruch feierte der Espresso in den 90er-Jahren: Kleine Cafés nach italienischem Vorbild öffneten ihre Türen und Qualitätskaffee wurde für die breite Masse zugänglich. Seitdem haben die Australier eine regelrechte Obsession für Kaffee entwickelt. Mehr als 16 Millionen Tassen Kaffee konsumieren sie an einem durchschnittlichen Tag. Zwar werden zwei Drittel davon immer noch mit Instant-Kaffeepulver hergestellt, frisch gemahlener Bohnenkaffee erfreut sich aber wachsender Beliebtheit.

Ganz dem Kaffee gewidmet: Das Sydney Aroma Festival

Alljährlich findet in Sydney das Aroma Festival statt, das für sich selbst als das „größte Kaffee-Festival in der südlichen Hemisphäre“ wirbt. Hier bieten lokale Röstereien ihr vielfältiges Angebot an aromatischen Bohnen sowohl zum Geschmackstest als auch zum Kauf an. Außerdem können Hobby-Baristas ihre Kenntnisse erweitern und sich an der sogenannten „Latte Art“ versuchen: Durch gekonntes Eingießen des Milchschaums werden feine Muster auf dem Kaffee kreiert. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt – auf die Fähigkeiten des Kaffee-Künstlers kommt es an.

Selbstversuch der Autorin Selbstversuch der Autorin | © Lisa Carbonaro Erfahrene Baristas erklären im Fünf-Minuten-Crashkurs, wie die Latte Art funktioniert: Erst wird ein Kännchen mit aufgeschäumter Milch um die eigene Achse gedreht, anschließend die Milch in einer kreisförmigen Bewegung auf den Kaffee gegossen. Noch einmal den Milchbehälter drehen, und dann wird es spannend: Die Hand muss beim Eingießen jetzt schnell hin- und her bewegt werden. Zum Schluss wird die Milch einmal mittig durch das entstandene Muster gezogen und voilà: Heraus kommt die sogenannte „Rosetta“, ein Klassiker unter den Verzierungen, die beinahe jeden in Australien servierten Kaffee schmückt, und vom Aussehen an ein Farnblatt erinnert.

Red Velvet Latte – vom Kuchenteig zum Heissgetränk

In Australien schießen Barista-Schulen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Sie bieten unter anderem Lehrgänge zum Erlernen der Latte Art an. Oft kostet das mehrere hundert Australische Dollar für einen Kurs von ein paar Stunden. Von diesen Schulen hält Marcus Gorge nicht viel. Gorge führt in Sydneys angesagtem Stadtviertel Ultimo ein erfolgreiches Café namens The Local Mbassy. „Barista-Schulen können einem nur die Grundlagen beibringen“, erklärt er. „Vor allem bei der Latte Art ist es wichtig, dass man mit Leidenschaft bei der Sache ist und langfristig und konstant übt – sonst verliert man seine Fähigkeiten wieder.“

Red Velvet ist der neueste Trend in der Kaffee-Kultur Red Velvet ist der neueste Trend in der Kaffee-Kultur | © Lisa Carbonaro Zu Gorges Fähigkeiten zählen nicht nur Kaffee-Kochen und Milchschaum-Kunst, sondern auch ein Auge für aktuelle Trends und das dazugehörige Umsetzungsvermögen: Er hat erkannt, dass die Beliebtheit von sogenannten Red Velvet Cakes bei der Kundschaft stieg und prompt darauf reagiert. In der Local Mbassy stehen nicht nur Red Velvet Pancakes auf der Speisekarte, auch den farbenprächtigen Red Velvet Latte bietet Gorge in seinem Café an: „Die Basis sind tatsächlich Kuchenteig  und Kakaopulver“, erklärt der gebürtige Ägypter. „Weil die Red Velvet Pancakes so gut bei den Kunden ankamen, haben wir auch ein Getränk daraus entwickelt – vor allem jetzt im Winter erwärmt ein solches Getränk den Tag.“ Dennoch schätzt Marcus Gorge, dass etwa 60 Prozent seiner Kunden den Flat White bestellen – eine australische Kreation.

Ein Australier erobert die Welt – der Flat White

Wenn ein doppelter Espresso mit nur leicht geschäumter Milch aufgegossen wird, dann entsteht daraus der australische Wachmacher namens Flat White. Je nach Region kann das Heißgetränk variieren: Manchmal wird auch nur ein einfacher Espresso zur Zubereitung verwendet. Was den Flat White wirklich auszeichnet, ist eine dünne Schicht feinporiger Milchschaum. Durch ihn schmeckt der Flat White zugleich kräftig und cremig – eine Kombination, die nicht nur Down Under gut ankommt: Mittlerweile kann man den Australier sogar in ausgewählten Cafés in Europas Großstädten finden. Original ist das Heißgetränk aber natürlich nur, wenn die Milchschaum-Haube ein ansehnliches Muster ziert. 

Mit einfachen Verzierungen in braun-weiß gibt man sich in Australien allerdings nicht immer zufrieden: Im Piggy Back Café in Brisbane zaubert Emily Coumbis bunte Muster auf den Kaffee der Kunden. „Es war ein ruhiger Tag im Café und wir haben Lebensmittelfarbe im Laden nebenan gefunden“, erzählt sie von der Entstehung ihrer farbenfrohen Kaffee-Kunst.

Emily Coumbis' bunte Latte Art Emily Coumbis' bunte Latte Art | © Lisa Carbonaro Mit der Farbe färbt Coumbis aufgeschäumte Milch ein und gießt dann regenbogenfarbene Muster und Formen auf den Kaffee. So entstehen zum Beispiel Schwäne, Tulpen oder das typische Rosetta-Muster in der Tasse. „Als meine Chefin gesehen hat, was dabei herauskommt, sagte sie sofort: Verkauft das!“ Mittlerweile kann sich Emily Coumbis vor Kundschaft kaum retten: Selbst kurz vor Ladenschluss ist sie noch vielbeschäftigt. „Ich glaube, das Ganze entwickelt sich gerade zu einer Karriere“, sagt die Barista. Dafür sprechen nicht nur ihre vielen Follower auf Instagram – selbst auf deutschen Facebook-Seiten werden inzwischen Videos von Emily Coumbis in Aktion geteilt.

Deutschland: Mehr Kaffee weniger Lifestyle

So bunt sieht es in der deutschen Kaffeelandschaft noch nicht aus. Zwar trinken die Deutschen im Durchschnitt jährlich etwa 30 Liter mehr Kaffee pro Person, die Kaffee-Kultur wird aber nicht derartig gelebt wie in Australien. Für die Australier ist Kaffee weit mehr als nur ein Heißgetränk – der Muntermacher ist in all seinen Variationen mittlerweile an einen gewissen Lifestyle gekoppelt. Besonders in australischen Großstädten würdigt man das Privileg, vielerorts guten Kaffee in entspannter Atmosphäre genießen zu können – er bedeutet ein Stück Entschleunigung im sonst vielbeschäftigten Großstadtdschungel. Während Barista Down Under eine adäquate Berufsbezeichnung ist, übernehmen deren Arbeit in Deutschland meistens immer noch Kaffeevollautomaten auf Knopfdruck – allerdings geht auch dort der Trend weg vom Fertig-Gebräu aus dem Automaten hin zum frisch gebrühten Qualitätskaffee.

Auf dem fünften Kontinent wird sich schon längst nicht mehr mit Instant-Pulver begnügt – die Ansprüche an Kaffee sind mittlerweile sehr hoch. Ob Milchkaffee, Cappuccino oder der australische Liebling Flat White – aromatisch muss er sein. Und wenn die Milchschaumhaube dann auch noch ein gelungenes Muster ziert, ist der australische Kaffee-Genießer rundum zufrieden.