Leonie Krippendorff Eine innere Einsamkeit füllen

Die deutsche Drehbuchautorin und Regisseurin Leonie Krippendorff in Sydney
Die deutsche Drehbuchautorin und Regisseurin Leonie Krippendorff in Sydney | © Sabine Scholz-Hinton

Leonie Krippendorff steht noch am Anfang ihrer Film-Kariere. Die 1985 geborene Berliner Drehbuchautorin und Regisseurin stellt nun mit Looping (2016) ihren ersten Spielfilm vor. Ein einfaches Thema hat sie sich dafür nicht ausgesucht. Es geht um die Einsamkeit des Individuums und menschlichen Zusammenhalt in unerwarteten Situationen. Im Interview erzählt sie, wie sie zu ihren Protagonistinnen steht und was sie dem Zuschauer mit Looping sagen möchte.
 

Kannst du mir etwas über die Beweggründe für die dargestellten Themen in deinem ersten Spielfilm ‚Looping‘ erzählen?

Looping ist mein Diplom-Film von der Filmuniversität [Babelsberg Konrad Wolf]. Eigentlich ein ganz intuitives Projekt. Ich habe, was immer mich bewegt hat, zu Hause an die Wand gehängt. Songtexte, Fotografien, Passagen aus Romanen oder Gedichten- alles Mögliche. Auch Szenen die ich schon geschrieben hatte, die ich irgendwie interessant fand, aber nicht wirklich wusste weshalb. Dann habe ich immer wieder auf die Wand gestarrt, und mich gefragt was das Grundthema dieser kleinen Stücke in meiner Sammlung ist. Dabei habe ich gemerkt, dass es meistens um eine innere Einsamkeit geht. Von diesem Ausgangspunkt habe ich dann die Figuren entwickelt.

Einen Platz in der Welt finden

Wer von deinen drei Protagonistinnen ist dir zuerst in den Sinn gekommen?

Leila (Jella Haase) hatte ich zuerst. Ich hatte mich schon länger mit Leilas Figur beschäftigt, habe auch vorher schon einen Kurzfilm gemacht über eine sehr ähnliche Figur. Das war mein erster szenischer Kurzfilm an der Filmuniversität. Es ging um ein junges Mädchen, das eine innere Sehnsucht verspürt. Sie versucht ihren Platz in der Welt zu finden und möchte sich gleichzeitig selbst spüren. Dieses sich-selbst-spüren wollen, beruht immer wieder auf Grenzerfahrungen, die eine unheimliche Energie ausstrahlen können, dann aber oft in etwas Selbstzerstörerisches kippen, wenn man keinen automatisierten inneren Schutz hat, der sich einschaltet wenn es gefährlich wird. Da ist immer dieser schmale Grat: wo hört eine große, brodelnde Energie auf und wo fängt etwas Selbstzerstörerisches an.
Leila war also ziemlich schnell da. Aber sie hatte etwas Weicheres, etwas Verletzlicheres, als die Figur, mit der ich mich vorher [in meinem Kurzfilm] beschäftigt hatte.

Looping (2016) © Looping (2016) Kennst du deine Charaktere in und auswendig? Zum Beispiel: weißt du, was mit Ann passiert ist und wie es mit ihr weiter gegangen wäre?

Ann (Marie-Lou Sellem) ist da ein Sonderfall. Normalerweise weiß ich sehr viel über meine Figuren. Aber Ann ist für mich eher eine philosophisch funktionierende, als eine psychologisch funktionierende Figur. Deswegen würde ich bei Ann sagen, dass ich nicht alles weiß. Ich habe aber ein ganz großes Gefühl zu ihr. In der letzten und aktuellen Fassung von Looping kriegt man zumindest eine Idee, was mit ihr passiert sein könnte: dass es eine schmerzhafte Erfahrung gab, dass es in ihrem Elternhaus war, dass es was mit ihrem Vater zu tun hat, mit einem Kind was vielleicht sie war und vielleicht nicht. Es gibt verschiedene Interpretationen und das wollte ich auch ganz bewusst so. Aber ursprünglich wollte ich über Ann gar nichts Psychologisches erzählen. Für mich verspürt Ann eine Todessehnsucht, was nochmal etwas Anderes ist, als wenn es um jemanden geht, der Suizid gefährdet ist. [Todessehnsucht] resultiert nicht aus einem permanenten großem Leid oder Schmerz heraus, sondern aus einer Sehnsucht nach einem anderen Zustand. Das war der Ansatz von der Figur Ann. Diese Welt hier ist einfach nicht das Richtige für sie. Das hat sicherlich auch mit schmerzhaften Erfahrungen zu tun, die sie machen musste. Aber eben nicht nur. Ich wollte für Anns Todessehnsucht keine klare psychologische Begründung finden, das kam mir unehrlich vor.

Starke Bilder, wenige Worte

Etwas anderes was mir aufgefallen ist und sicherlich oft zur Sprache kommt, ist die Signifikanz der Bilder. Ich hatte das Gefühl, dass der Film sehr visuell und poetisch erzählt wird, vor allem in den Anfangsszenen auf dem Rummel, aber auch in den Nahaufnahmen der Charaktere, die Emotionales erlebt haben und ständig versuchen ihre Gefühle zu verarbeiten. Der Film kommt zudem mit vergleichsweise wenig Dialog aus. Ich wurde erinnert an japanisches Geschichtenerzählen, wie beispielsweise bei Takeshi Kitano. War dies eine Inspiration für dich?

Die Kamerafrau Jieun Yi und die Cutterin Jihyeon Park sind beide Koreanerinnen und ich arbeite schon lange mit ihnen zusammen. Mit Jieun habe ich schon mein erstes Projekt an der Uni gedreht. Damals konnte sie noch nicht so gut Deutsch wie heute. Wir haben immer andere Mittel gefunden, um uns über Szenen auszutauschen. Das war eine tolle Sache für mich, weil ich mich anfangs immer verhaspelt habe, wenn ich erklären wollte was ich vorhabe, was ich mit einer Szene sagen will. Gerade am Anfang kam mir immer alles nur aus dem Bauch heraus. Da war teilweise wirklich nur ein Interesse für eine Situation oder einen Zustand, einen Charakter da, ohne wirklich zu wissen weshalb. Mit Jieun habe ich zu der Zeit meine perfekte Partnerin gefunden, weil sie es gewohnt war, nicht immer jedes Detail zu verstehen, sondern hinter allem das große Ganze zu finden. Wir haben oft sehr improvisiert kommuniziert. Ich habe ihr teilweise, wenn ich eine Szene geschrieben habe, ein Foto gezeigt, was gar nicht direkt mit der Szene zu tun hatte, aber für mich eine ähnliche Aura hatte, eine ähnliche Grundemotion darstellte. Oder ich habe ihr einen Song vorgespielt, den ich gehört habe, als mir die Szene in den Kopf gewandert ist.

Diese Art von kreativem Verständnis zwischen uns war schön und es hat mich in meiner künstlerischen Entwicklung unterstützt. Worte waren da bisher eher zweitrangig.

Lana Cooper (Frenja), Marie-Lou Sellem (Ann) und Jella Haase (Leila) in Looping (2016). Lana Cooper (Frenja), Marie-Lou Sellem (Ann) und Jella Haase (Leila) in Looping (2016). | © Salzgeber & Co. Medien GmbH Zum Thema Regisseurinnen in Deutschland: Siehst du dort Chancengleichheit oder ist die Filmindustrie immer noch eine Männerdomäne?

Ich werde das oft gefragt. Ich habe immer das Gefühl, als müsste ich davon sprechen wie schwer man es als Frau hat. Ich habe aber eigentlich das Gefühl, dass ich jetzt eine der ersten bin, die eine tolle Lobbyarbeit genießen kann. Ich habe keine Nachteile gespürt, nur weil ich eine Frau bin – weder während meiner Zeit an der Universität, noch in den Schritten zur Finanzierung meines Films. Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass wenn man einen Film dreht und ein relativ großes Set hat, dann hat man ungefähr 20 Techniker und das sind meistens Männer. Da ist es manchmal schwer sich als Frau durchzusetzen, vor allem wenn man noch jung ist und es der erste Film ist. Man wird halt noch nicht so als Autoritätsperson wahrgenommen. Es gibt aber natürlich auch sehr viele sensible Männer, die Filme machen und die auch noch am Anfang stehen - die haben genau die gleichen Probleme.

Zum Abschluss – was ist die Hauptaussage deines Films? Manchmal weiß man dies nicht gleich wenn man anfängt sein Drehbuch zu schreiben, sondern findet es erst ganz am Ende heraus. Hattest du einen solchen Moment oder wusstest du von Anfang an, was du mit ‚Looping‘ sagen wolltest?

Es gibt ein Gedicht von Blumfeld. Da lautet eine Zeile „Kinder der Nacht an Orten des Lichts stehen im Freien und geben Dir Zeichen“. Das finde ich schön ausgedrückt für diese innere Einsamkeit, die ich angesprochen habe. Auch um zu realisieren, dass man eben doch nicht alleine ist und es unheimlich viele Menschen gibt, die sich aus unterschiedlichen Gründen und in unterschiedlichen Lebensphasen genauso fühlen. Wenn man sich zusammen tut, kann daraus eine Stärke erwachsen und die Lücke füllen.

Vielen Dank für das Gespräch Leonie.