Interview mit Björn Luley „Revolutionen werden woanders gemacht“

Goethe-Institut Damaskus im Exil
Goethe-Institut Damaskus im Exil | Goethe-Institut e.V.

Das Goethe-Institut Damaskus war eines der ersten Auslandsinstitute. Aufgrund der Sicherheitslage wurde es 2012 geschlossen. Viele Menschen mussten das Land verlassen und befinden sich nun in Europa im Exil. Um ein Zeichen zu setzen, wird es mit dem Titel „Goethe-Institut Damaskus | Im Exil“ als symbolischer Ort der kulturellen Begegnung weitergeführt. Die Institutsleiterin des Goethe-Instituts Australien, Sonja Griegoschewski, hat den ehemaligen Leiter des Instituts in Damaskus, Björn Luley, interviewt. Ein Gespräch über die Wirkung von Kulturarbeit, das Leben in Damaskus und die aktuelle Situation syrischer Kulturschaffender im Exil.
 

Das Goethe-Institut Damaskus eröffnete als eines der ersten Auslandsinstitute im Jahr 1955. Welche Bedeutung hatte Syrien zu dieser Zeit für den deutschen Kulturaustausch? Warum gerade Damaskus?

Die junge Bundesrepublik Deutschland suchte nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung unseres Landes neue Freunde in der Welt und galt in den nach diesem Krieg unabhängig gewordenen ehemaligen Kolonien wie Indien, Syrien und Indonesien als „antikolonialistisch", da es gegen die ehemaligen Kolonialländer England und Frankreich gekämpft und in den Kolonien entsprechendes Ansehen hatte. Syrien war damals gerade mal sieben Jahre unabhängig von französischer Bevormundung und ein sich modernisierendes säkulares Land. Das Goethe-Institut in Damaskus ging aus einer Dozentur des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universität hervor und war ein vielbesuchter Ort für junge Leute.

Wichtige Orte für kulturellen Austausch

Mit Beginn des „Arab Spring“ gab es sehr viele neue Kultur- und Bildungsprojekte in der Region, viele Sondermittel. Damit einher gingen große Hoffnungen. Wie realistisch ist es aus Ihrer heutigen Perspektive, in einer solchen Phase als Goethe-Institut Einfluss nehmen zu können? Was war besonders wichtig, wo waren wir blauäugig oder auf dem Irrweg?

Politische Veränderungen finden bei Revolutionen auf den Straßen und Plätzen statt und nicht in den Räumlichkeiten ausländischer Kulturinstitute. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass zum Beispiel die Einrichtung einer Tahrir-Lounge im Goethe-Institut Kairo irgendeine Wirkung auf den Verlauf der ägyptischen Revolution hatte. Ausländische Kulturinstitute sind sicher wichtige Orte, in denen junge, offene und säkular eingestellte Menschen mit einem gewissen Bildungshintergrund sich gern aufhalten und diskutieren und sich inspirieren lassen. Revolutionen werden aber woanders gemacht. Wir haben beispielsweise kurz vor Ausbruch des syrischen Aufstandes am Tag der Beerdigung des ganz wichtigen Dokumentarfilmers Omar Amiralay dessen regimekritischsten Film A Flood in Baath Country im Goethe-Institut Damaskus abends ohne staatliche Genehmigung vor übervollem Haus gezeigt. Dies hat mir eine strenge Verwarnung und Androhung des Landesverweises eingebracht (auf die ich sehr stolz war!), und dem Goethe-Institut sehr große Anerkennung bei Künstlern und der kritischen Jugend. Mehr aber auch nicht!

Sonja Griegoschewski und Björn Luley Sonja Griegoschewski und Björn Luley | © Jochen Gutsch Als Leiter des Goethe-Instituts in Damaskus eröffneten Sie im November 2010 die Zweigstelle in Aleppo. Die deutsche Presse schrieb damals begeistert über die vier-Millionenstadt mit einer aufblühenden Kunst- und Kulturszene. Nur wenige Monate danach, war alles anders. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit in Syrien?

Die Bemühungen um die Eröffnung eines Goethe-Instituts in Aleppo, wo es schon in den frühen Sechzigerjahren eine sogenannte Dozentur des Goethe-Instituts gegeben hatte, begannen schon während meines ersten Syrienaufenthaltes in Zusammenarbeit mit dem dortigen Lektor des DAAD. Das Interesse der Behörden war vorhanden, aber man wollte den Zugang zu einem Goethe-Institut total kontrollieren, was für uns natürlich inakzeptabel war. Daher haben wir, nachdem die Bemühungen dann gleich zu Beginn meines zweiten Syrienaufenthaltes wieder aufgenommen wurden, nicht die angebotenen Räumlichkeiten in der Universität gewählt, sondern die mit der Stadtverwaltung mühsam ausgehandelten Räume in der Altstadt in einer durch die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) renovierten alten Schule, in der auch die Aga Khan Stiftung und ein Altstadtsanierungsbüro der GIZ untergebracht war, und wo - das war uns ganz wichtig - jedermann freien und unkontrollierten Zugang hatte und wir gleichzeitig zur Wiederbelebung der historischen Altstadt von Aleppo beitragen konnten. Hilfreich bei den mühsamen Verhandlungen war, dass im Herbst 2010 ein alter Bekannter von mir, der Theaterregisseur und Schriftsteller Riad Ismat, neuer syrischer Kulturminister geworden war, dessen zugesicherter Besuch zur Eröffnung des neuen Goethe-Instituts Anfang Dezember dann vieles erleichtert hat.

Das Goethe-Institut Damaskus und die Zweigstelle Aleppo wurden 2012 aufgrund der unsicheren Situation geschlossen. Was ist geblieben? Gibt es weiterhin Kontakte zwischen den beiden Kulturszenen? Wo leben und arbeiten die ehemaligen syrischen Kollegen heute?

Sehr viele der Künstler und Intellektuellen, mit denen wir in Syrien zusammengearbeitet haben, sind ins Exil gegangen, viele davon auch nach Deutschland. Als wir im Dezember 2016 den leider verstorbenen syrischen Philosophen Sadik al-Azm in Berlin zu Grabe getragen haben, traf ich sehr viele Leute wieder, die ich noch aus Damaskus kannte. Einige wenige sind bewusst in Syrien geblieben, zu denen ich natürlich auch noch Kontakt habe. 

„Die meisten wollen in die Heimat zurück“

Sie waren an dem ursprünglichen Projekt „Goethe-Institut Damaskus im Exil“ in Berlin beteiligt. Dort leben inzwischen sehr viele syrische Künstler, Musiker und Filmemacher im Exil. Ihnen eine Plattform, einen „Lebensraum“ zu geben, war ein Ziel des Projekts. Gleichzeitig verfolgen uns schreckliche Bilder von den Kämpfen in Syrien. Was war die wichtigste Botschaft oder Aussage, die Sie von den beteiligten Syrern in Berlin mitgenommen haben?
 
Wie alle Exilanten verfolgen sie die Geschehnisse in ihrer Heimat und stehen in permanentem Kontakt zu dort zurückgebliebenen Familienangehörigen und Freunden. Die allermeisten wollen - sobald es die Situation zulässt - wieder in ihre Heimat zurückkehren und am Neuaufbau mitwirken, allerdings nur, wenn das verbrecherische Assad-Regime der Vergangenheit angehört.

Nach vielen Jahren beim Goethe-Institut war Syrien Ihr vorletzter Dienstort. Als entsandter Goethe-Mitarbeiter zieht man mit Familie jeweils für etwa fünf Jahre an einen fremden Ort. Man hat viele interessante berufliche Kontakte, schließt aber auch private Freundschaften. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem sogenannte „schwierige Dienstorte“ oft besonders ans Herz wachsen. Wie sehr fühlen Sie sich Syrien noch verbunden? Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Ich habe nicht nur zu vielen Künstlern aus Syrien noch Kontakt, sondern vor allem auch zu meinen ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denn die sind das Rückgrat jeder Institutsarbeit. Und das bezieht sich nicht nur auf Dienstorte, die als "schwierig" gelten, sondern auf alle meine Dienstorte (Kalkutta, Tokyo, Kyoto, Damaskus und Aleppo und Nikosia), denn wenn man seine Arbeit ernst nimmt, ist jeder Dienstort in irgendeiner Weise „schwierig", es sei denn, die Arbeit ist einem egal, aber das war nie meine Sache!

Vielen Dank für das Gespräch.