Krimiautorin Ingrid Davis „Ich will wissen, wie es weitergeht!“

Autorin Ingrid Davis
Autorin Ingrid Davis | © Renate Schütt / Stadtbild Aachen

Die deutsche Kriminalautorin Ingrid Davis hat ihren ersten Roman im Eigenverlag herausgegeben. Dieser kam bei den Lesern gut an und der nächste Band erscheint nun im KBV-Verlag. Ein Gespräch über die Buchbranche, ihre Protagonistin Britta Sander und wie es mit ihren Aaachen-Krimis weitergeht.

Die humorvolle Privatdetektivin Britta Sander

Der heitere Grundton in „Vergeben und Vergessen“ trägt dazu bei, dass man sich als Leser gut unterhalten fühlt. Andere Krimiautoren, wie beispielsweise Håkan Nesser, setzen eher auf moralisierende Untertöne. Haben Sie sich bewusst für diesen Erzählton entschieden?

Ja, es war tatsächlich eine bewusste Entscheidung, eine Krimikomödie zu schreiben. Ich lese selbst sehr viele Krimis, darunter ‚ernste‘ Werke wie von Ian Rankin, Jo Nesbø oder Lin Anderson, aber auch sehr gerne lustige Krimis, wie die Kluftinger-Romane aus dem Allgäu – und die spaßigen Tatorte aus Münster gehören zu meinen absoluten Favoriten.

Ich finde die Idee spannend, die Leser sowohl mit einem interessanten Kriminalfall zu unterhalten, sie aber gleichzeitig auch zum Lachen zu bringen – zum einen durch die ironische Sichtweise der Erzählerin, zum zweiten aber auch durch die skurrilen Gestalten in den Geschichten und den allgemeinen Absurditäten des Lebens. Und ein bisschen Eigennützigkeit ist auch dabei – ich lache beim Schreiben häufig selber über manche der Szenen; und wenn man nebenberuflich schreibt, ist es sehr viel leichter, sich abends und am Wochenende an den Schreibtisch zu setzen, wenn es etwas zum Lachen gibt.

Die Protagonistin, Britta Sander, scheint von den Morden persönlich nicht tangiert zu sein, sie feiert mit Freunden als wäre nichts geschehen. Aber das Ermitteln in einer Serie von Mordfällen ist ja für sie als Privatdetektivin nicht alltäglich. Wieso ist sie so wenig davon betroffen?

Britta hat, denke ich, eine sehr gesunde Einstellung zu ihrer Arbeit. Sie arbeitet gerne und viel in ihrem Beruf (abends, am Wochenende), aber sie kann auch Beruf und Privatleben trennen und lässt sich – zumindest im ersten Band – nicht von einer laufenden Ermittlung „auffressen“.
Aus vielen Krimis ist man es gewöhnt, dass der Held oder die Heldin vollständig in einer Ermittlung aufgeht und das Privatleben komplett auf der Strecke bleibt. Meines Erachtens muss das nicht in jedem Krimi so sein, und eine Krimikomödie sollte sich auch nicht ausschließlich auf die Ermittlungen konzentrieren, sondern auch den Figuren und ihrem Leben Raum geben.

Die Ansicht, dass Britta von ihren Ermittlungen nicht betroffen ist, teile ich ehrlich gesagt nicht. So riskiert sie zum Beispiel am Ende ihr eigenes Leben, um den Täter/die Täterin zu stoppen. Es mag aber sein, dass der Eindruck entsteht, denn eine wichtige Voraussetzung für Humor und Ironie ist Distanz – zu sich selbst und zu den Ereignissen, die man kommentiert, deshalb braucht Britta, durch deren Augen wir ja die Geschichte und die anderen Figuren sehen, etwas Distanz. Sie kommentiert ja nicht nur die Ereignisse und andere Figuren ironisch, sondern sie hat auch keine Probleme damit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Achten Sie mal drauf – Menschen ohne Selbstdistanz sind in der Regel spaßbefreit und überhaupt nicht witzig, also das genaue Gegenteil von Britta Sander.

Selbstverlag versus konventioneller Verlag

Self-Publishing-Ausgabe mit Pseudonym Self-Publishing-Ausgabe mit Pseudonym | © Ingrid Davis „Vergeben und Vergessen“ ist zunächst im Eigenverlag erschienen. Was trug zu dieser Entscheidung bei und würden Sie es wieder so machen?

Ich bin sehr froh, dass ich mit dem Krimi-Verlag KBV jetzt einen renommierten Verleger für meine Bücher gewinnen konnte, und dass KBV nicht nur Band 2 herausbringt, sondern auch Band 1 in einer etwas überarbeiteten Form unter einem neuen Titel herausgeben wird. Gleichzeitig bin ich aber sehr froh, dass ich zunächst als Selfpublisherin losgelegt habe, denn durch dieses eine Jahr habe ich sehr viel gelernt, habe ganz viele tolle Leute kennen gelernt und verstehe jetzt auch wesentlich mehr von den Strukturen im Buchhandel, in der Verlagswelt und von den Herausforderungen, denen man im Bereich Marketing und Pressearbeit steht, wenn man keinen Verlag im Rücken hat.

Der Grund, warum ich mich ursprünglich dazu entschlossen hatte, „Vergeben und Vergessen“ selbst herauszubringen, war meine Ungeduld. Ich hatte das Buch fertig geschrieben und habe mich an verschiedene Literaturagenten gewandt, weil es überall hieß „Schicken Sie keine Manuskripte direkt an Verlage, ohne Literaturagenten brauchen Sie sich dort gar nicht blicken zu lassen“. Dass das gar nicht stimmte, habe ich erst später erfahren.

Von den vier oder fünf Agenten, an die ich mich gewandt habe, hat niemand geantwortet, und dann habe ich irgendwann gedacht: Du kennst eine tolle Grafikagentur; du kennst dich im Druckereiwesen ein bisschen aus; eine ISBN kann heutzutage jeder kaufen und mit Marketing kennst du dich auch aus. Das kannst du auch alleine – und wenn du Glück hast und das Buch einigermaßen erfolgreich ist, ist es bestimmt leichter, einen Verlag für die Folgebände zu finden.
Und so kam es dann auch. Marcel Emonds, ein sehr, sehr engagierter Buchhändler in Aachen hat mein Buch gelesen und dann sehr bald den Kontakt zum KBV-Verlag hergestellt, und dort war man tatsächlich so angetan von Band 1 und 2, dass sie gleich ins Verlagsprogramm aufgenommen wurden. So richtig glauben kann ich es ehrlich gesagt immer noch nicht.

Wie sah das Lektorat aus: Haben Sie einen professionellen Lektor engagiert oder eher auf die Leseeindrücke des Freundeskreises gesetzt?

Für die Selfpublisherausgabe habe ich schweren Herzens auf ein Lektorat verzichten müssen, denn ich habe alle anderen Kosten selbst getragen – für die Grafik, den Druck und so weiter. Und ein freier Lektor, der seinen Job versteht, muss auch leben, und entsprechend sind die Honorare.

Da ich überhaupt keine Ahnung hatte, ob das Buch ankommen würde oder nicht, habe ich mich auf eine Reihe von Testlesern gestützt, die auch viele Hinweise gegeben haben. Es gibt natürlich immer Dinge, die man verbessern kann, aber der Erfolg des Buches zeigt, dass die Leser über ein paar Tippfehler gnädig hinwegsehen, wenn die Geschichte witzig und spannend genug ist.

Was kommt als nächstes?

Sind nach dem zweiten „Britta Sander“-Fall weitere Bände mit ihr als Protagonistin geplant oder gibt es Ideen für ganz andere Romane?

Ich wusste von Anfang an, dass es nicht bei einem Britta-Sander-Roman bleiben würde. So sind in Band 1 auch schon Figuren und Themen angelegt, die in späteren Bänden aufgegriffen werden. Band 2 ist ja bereits fertig und gerade im Lektorat bei KBV (erscheint im April), und die erste Version von Band 3 ist auch bereits fertig. Hier gibt es aber noch viel Arbeit – ich hoffe, dass ich meinen Aufenthalt in Australien nutzen kann, um damit ein gutes Stück weiterzukommen.

Ich habe beim Schreiben des zweiten Bandes gemerkt, dass es wirklich Spaß macht, Figuren in mehr als einem Buch zu begleiten, denn man lernt sie im Prozess des Schreibens sozusagen besser kennen. Man bekommt ein immer besseres Gefühl dafür, wie eine Figur in einer bestimmten Situation reagieren würde und – was in meinen Büchern eine wichtige Rolle spielt – wie sie Dinge, die ihnen passieren oder Menschen, denen sie begegnen, kommentieren und damit umgehen. Auch das Zusammenspiel der Figuren wird immer leichter zu schreiben.

Und das fällt einem natürlich umso leichter, je mehr Leser sagen „Jetzt mach mal voran mit dem Schreiben – ich will wissen, wie es weitergeht!“

Ich hatte es gehofft, habe aber fast nicht zu träumen gewagt, dass Britta, Tahar, Eric und Kommissar Körber so gut ankommen, dass sehr, sehr viele Leser sich an mich wenden und mir sagen, dass sie sich schon auf das nächste Abenteuer freuen, vor allem auch, weil sie wissen möchten, wie es den Hauptfiguren weiter ergeht. Bei mir als Leserin ist das auch so – mich interessieren in Krimi-Reihen vorwiegend die Hauptfiguren. Wenn ich mit denen nicht warm werde, kann der Kriminalfall so spannend sein, wie er will, dann tue ich mich schwer und lese meist nicht weiter. Wenn aber so tolle Figuren wie Ian Rankins John Rebus, Nesbøs Harry Hole oder Andersons Rhona McLeod die Geschichten bevölkern, kann ich nicht aufhören, wenn ich einmal mit einer Reihe angefangen habe.

So sind auch meine Bücher sehr stark von den Figuren getrieben – nicht zuletzt, weil ich die Figuren auch selbst sehr gerne mag, sie sind mir, auf ihre unterschiedlichen Arten, einfach sehr sympathisch.