Ex-Embassy Ausstellung Überreste einer gescheiterten (diplomatischen) Beziehung

Die EX-EMBASSY Kuratorinnen Sonja Hornung und Rachel O’Reilly.
Die EX-EMBASSY Kuratorinnen Sonja Hornung und Rachel O’Reilly. | © Adrian Knuppertz

Die Ausstellung und Schriftenreihe EX-EMBASSY beschäftigt sich mit Australiens Beziehungen zu Ostdeutschland – aber nicht nur.

Das modernistische Fertiggebäude könnte einen neuen Anstrich vertragen. Stranguliert von einem wild überwucherten Garten und mit Graffiti beschmiert, würde man nie vermuten, dass dies einst die australische Botschaft in der Deutschen Demokratischen Republik war. Das 1975 fertiggestellte Gebäude war das größte der von der ostdeutschen Regierung errichteten architektonischen Serienmodelle, die die diplomatischen Vertretungen des noch jungen Landes beherbergen sollten. Die von Horst Bauer gestaltete extravagante Struktur weist auch einige recht exzentrische Trennwand-Elemente der renommierten Keramikerin Hedwig Bollhagen auf. Das schwache ,Plock‘ von Tennisbällen verrät die Existenz eines privaten Sand-Tennisplatzes auf der Rückseite des Botschaftsgebäudes.

Das Gebäude beherbergt nun ein Künstlerkollektiv, das sich Australische Botschaft Ost nennt. Das Gebäude beherbergt nun ein Künstlerkollektiv, das sich Australische Botschaft Ost nennt. | © Sonja Hornung Dieser faszinierende Bau wird momentan von 35 bildenden Künstlerinnen und Künstlern belegt, darunter auch der in Melbourne geborenen Sonja Hornung, deren künstlerisches Interesse an extraterritorialen Räumen und Arbeit an und mit Gentrifizierungsproblemen sie zu einem genaueren Blick auf die denkmalgeschützte ehemalige Botschaft veranlasste. Seit 2017 hat sie Unmengen an historischem Material über das Gelände gesammelt, darunter auch frühere Projekte anderer bildender Künstler. Hornung wurde schon bald klar, dass das wachsende Archiv sowie die geopolitische Ära, die es beschreibt, wesentlich zu viel Tiefe und Potential hatten, als dass eine einzelne Person sie ganz alleine hätte aufdröseln können. „Für mich als Künstlerin machte es viel mehr Sinn, einen Schritt zurückzutreten und andere dazu einzuladen, sich die Finger an dem Material schmutzig zu machen und das Gelände dann als Plattform für ihre eigenen unabhängigen Arbeiten zu nutzen“, erklärt sie.

Über den tellerrand schauen

Eine der ersten, die Hornung ansprach, war die in Queensland geborene Autorin, Künstlerin und Kuratorin Rachel O’Reilly. Jenes erste Treffen entwickelte sich zur jetzigen EX-EMBASSY-Ausstellung und -Schriftenreihe. Der ursprüngliche Rahmen von EX-EMBASSY wurde dabei ausgeweitet, um über die Westphälische Beziehung der beiden Staaten hinaus übergreifende Fragen von Ort und Identität, Gerechtigkeit und materiellem Gedächtnis zu erfassen. Für die erste Phase des Projekts (eine zweite ist in Planung, hängt aber von der Finanzierung ab) werden je fünf Künstler und Autoren, darunter auch Aborigine-Künstler der Kamilaroi-, Quandamooka- und Wiradjuri-Völker, eine Reihe von Performances, Installationen, bewegten Bildern und speziell in Auftrag gegebenen Texten produzieren.

Mosaikelemente im Foyer. Mosaikelemente im Foyer. | © Sonja Hornung Das Projekt möchte den Kalten Krieg neu reflektieren, dabei jedoch über den Graben zwischen Ost und West hinausgehen, um die Widersprüche und Erzählstränge zu untersuchen, die sonst unter den Tisch fallen. So war Australien, obwohl fest im kapitalistischen Lager verankert, 1972 beispielsweise der zweite westliche Staat, der die DDR anerkannte – lange vor Großbritannien oder den USA. Hornung und O’Reilly zufolge „stellte die Agenda der Whitlam-Regierung ihre ererbte Position innerhalb der kolonialen Moderne sowie der ‚Ost‘- und ‚West‘-Konstellationen des Kalten Krieges infrage, während der damaligen Außenpolitik in der Regel weniger Aufmerksamkeit gezollt wird.“ Die DDR verbrachte zudem aufgrund ihrer Weigerung, sich als sowjetischen ‚Marionettenstaat‘ abstempeln zu lassen, sowie um dringend benötigte Handelspartnerschaften zu entwickeln, Jahrzehnte damit, um die Gunst Australiens, Englands und anderer westlicher Länder zu werben. Gleichzeitig kritisierte die DDR jedoch offen die Verübung kolonialistischen Unrechts durch den australischen Staat sowie seine territorialen Ambitionen in der Region Südostasien.

Über den Fall der Berliner Mauer hinaus

Während der Kalte Krieg zeitlich die Geschichte der Botschaft dominiert, reicht die Untersuchung von EX-EMBASSY über den Fall der Berliner Mauer hinaus bis ins Hier und Heute. Das ehemalige Botschaftsgebäude ist eine der zahlreichen in öffentlicher Hand befindlichen Stätten in Ostdeutschland, die nach der Wiedervereinigung zügig privatisiert wurden. Heute steht es – wie so viele andere historische Gebäude in Berlin – kurz davor, in einen Luxus-Wohnkomplex umgewandelt zu werden. Als solches bietet das Projekt auch eine glänzende Gelegenheit, das gierige Greifen nach Vermögenswerten in den 1990er Jahren und die anhaltende Immobilienspekulation in Berlin sowie die damit verbundene Auslöschung historischer Stätten und das ‚öffentliche Vergessen‘ als Teil von Gentrifizierungsprozessen zu untersuchen. Die Künstlerinnen und Künstler, die derzeit Räumlichkeiten auf dem Gelände mieten, arbeiten intensiv daran, es nicht zu einem weiteren typischen Fall werden zu lassen, bei dem Künstler und andere kreative Köpfe Gebäuden und Räumen Mehrwert hinzufügen und sie damit attraktiv für Bauunternehmer machen, die diese dann in lukrativere Gewerbeflächen umwandeln. Die Zeit wird zeigen, ob dieser grandiose Betonmonolith dem Hunger der Stadt nach hohen Investitionserträgen zum Opfer fallen wird oder weiterhin als Ort für Dialog und Experimentierung dienen kann.

In der ehemaligen australischen Botschaft. In der ehemaligen australischen Botschaft. | © Sonja Hornung Die Ausstellung EX-EMBASSY wird am 4. August 2018 in Berlin-Pankow eröffnet. Beteiligt sind unter anderem die Künstlerinnen und Künstler Megan Cope (Quandamooka); Archie Moore (Kamilaroi); Sonya Schönberger (DE); Sumugan Sivanesan (AU) & Carl Gerber (DE); und Khadija von Zinnenburg Carroll (AU/UK); sowie die Autorinnen und Autoren Ben Gook (AU); Sarah Keenan (AU/UK); Peter Monteath (AU); Rachel O’Reilly (AU); und Nathan Sentance (Wiradjuri). Eine Ausstellungs-Website soll die Kunstwerke und Texte Interessierten in Australien und der ganzen Welt zugänglich machen.