Bicultural Urbanite Luke Warteschlangen im Gelobten Land

Anstehen nach Brot in Deutschland.
Anstehen nach Brot in Deutschland. | © Bundesarchiv, Bild 183-R00012 / CC-BY-SA 3.0

Warteschlangen fürs Freizeitvergnügen, Warteschlangen für die ernsten Dinge des Lebens – Warteschlangen für Warteschlangen, und Warteschlangen, um herauszufinden, in welcher Warteschlange man sich eigentlich überhaupt anstellten sollte. Berlin mag heute das Land sein, in dem Milch und Honig fließen, aber man sollte lieber geistig darauf vorbereitet sein, sich für seinen Anteil am Kuchen ordentlich anzustellen und zu warten.

Es ließe sich endlos darüber diskutieren, wann genau es anfing, wie lange es anhielt und ob es überhaupt schon vorbei ist, aber die meisten würden wohl zumindest zustimmen, dass es einen Zeitpunkt gab, zu dem Berlin zu einer Art Gelobtem Land wurde. Das Modewort im globalen Reiseverkehr, die internationale Drehscheibe für junge Künstler und kreative Köpfe, das It Girl unter den Hauptstädten – jeder möchte ein Stück vom Kuchen abhaben.

Eine Facette des Gelobten Landes allerdings, die wesentlich weniger laut herumtrompetet wird, sind die Warteschlangen. Warteschlangen, Warteschlangen und Warteschlangen. Warteschlangen fürs Freizeitvergnügen, Warteschlangen für die ernsten Dinge des Lebens – Warteschlangen für Warteschlangen, und Warteschlangen, um herauszufinden, in welcher Warteschlange man sich eigentlich überhaupt anstellten sollte (für alle, die eine so passionierte Anstellkultur nicht gewöhnt sind, mag das übertrieben klingen, aber glauben Sie mir, es stimmt – ich habe es mit eigenen Augen gesehen). Berlin mag heute das Land sein, in dem Milch und Honig fließen, aber man sollte lieber geistig darauf vorbereitet sein, sich für seinen Anteil am Kuchen ordentlich anzustellen und zu warten.
 
Ob es drei Minuten am Geldautomaten sind, wenn man Bargeld braucht, oder drei Stunden, um auf dem Bürgeramt seine Adresse anzumelden: In Ihrer Nähe findet sich garantiert eine Warteschlange, die auf Ihre Geduld nur gewartet hat. Und wenn Sie glauben, drei Stunden Wartezeit seien unverschämt lang, dann bedenken Sie, dass Berliner gewillt sind, noch um einiges länger zu warten, um ins Berghain zu kommen – und das häufig nur, um dann festzustellen, dass sie die ganze Zeit nur da gestanden haben, um sich ein gestrenges Kopfschütteln und einen abschätzigen Wink mit dem Handgelenk abzuholen. Es ist kein Wunder, dass Schlange, die abgekürzte Version des deutschen Wortes Warteschlange, normalerweise eines der ersten deutschen Worte im Vokabular eines Expats ist.

Und es gibt alle möglichen Warteschlangen, in denen man sich anstellen kann. Da sind die zahlreichen buchstäblichen Schlangen, etwa wenn man zur falschen Tageszeit zum Lidl geht und sich unter fünfzig andere missmutige Kunden einreiht, die darauf warten, von nur zwei Kassierern bedient zu werden; und dann gibt es die metaphorischen, wie etwa das Warten darauf, endlich als Berliner ernstgenommen statt nur als weiterer nerviger Tourist abgetan zu werden, der die Stadt verstopft. Mit anderen Worten, man muss zunächst im übertragenen Sinne warten, bis man das Privileg erhält, dann auch wortwörtlich warten zu dürfen.

Schlange vor Lebensmittelladen Schlange vor Lebensmittelladen | © Bundesarchiv, Bild 183-2005-0731-527 / CC-BY-SA 3.0 Nicht zu vergessen die Warteschlangen, bei denen man ganz offiziell ein Kärtchen ziehen muss, indem man auf einen kleinen Knopf an einer Maschine drückt, die dann ein Stück Papier mit einer Nummer ausspuckt. Diese Variante findet man typischerweise in staatlichen Dienstleistungssituationen wie etwa der Ausländerbehörde, wo man nervös auf den Ausgang seines Visumsschicksals wartet, oder im Kundenzentrum der BVG, wo man sich einfindet, um ein S-Bahn-Bußgeld anzufechten. Der bei weitem skurrilste Einsatz dieser Methode, der mir je untergekommen ist, findet sich bei einer beliebten Berliner Friseursalon-Kette: Man betritt den Laden, drückt auf einen kleinen Knopf und wird zu nichts als einer weiteren Nummer im tyrannischen Modesystem – also wenn das keine verschärfte Liebe zu Warteschlangen ist, dann weiß ich auch nicht.
 
Nun könnte man natürlich mutmaßen, dass all dies nur die logische Konsequenz einer Stadt ist, die permanent von Neuankömmlingen überschwemmt wird. In der Tat könnte man sogar durchaus argumentieren, dass ich und all die anderen wie ich der eigentliche Grund für die ganze lästige Anstellerei sind. Aber auch von diesem offensichtlichen Faktor abgesehen scheint die deutsche Kultur so etwas wie eine Schwäche für die erhabene Ordnung der Warteschlange zu haben. Ganz im Ernst scheinen manche Leute hier nichts schöner zu finden, als für eine gediegene Stehrunde in einer langen, sich langsam vorwärts bewegenden Schlange aus dem Haus zu gehen.

Gerade erst neulich abends huschte ich aus der Wohnung, um ein Päckchen auf meiner örtlichen Postfiliale abzuholen, nur um eine riesige, fiese Schlange vorzufinden, die sich aus dem Laden bis hinaus auf die Straße wand. Selbstverständlich drehte ich auf dem Absatz um, eilte zurück in meine gemütliche Wohnung und beschloss, es zu einem günstigeren, weniger überlaufenen Zeitpunkt noch einmal zu versuchen. Und die Wartenden? Soweit ich weiß, standen sie weiterhin im Dunkeln an der eiskalten Straße, warteten brav darauf, bis sie an der Reihe waren, und genossen die Warteschlangenatmosphäre. Es war, als wären sie einfach an dem Ort angekommen, an dem sie sich zu diesem Zeitpunkt ihres Abends naturgemäß aufhalten sollten. Es geht das Gerücht, dass einige von ihnen jetzt immer noch dort stehen und warten.