Bicultural Urbanite Brianna Hoch die Tassen!

Ausführung des hochwichtigen Anstoß-Rituals. Prost!
Ausführung des hochwichtigen Anstoß-Rituals. Prost! | © Brianna Summers

International gesehen, genehmigen sich sowohl Deutsche wie Australier gerne mal einen. Alkohol durchdringt das soziale Leben beider Länder und ist von gesellschaftlichen Ereignissen, von Geburtstagen und Taufen bis hin zu Hochzeiten und Firmenfeiern, nicht wegzudenken. Dennoch gibt es zwischen Deutschland und Australien sowohl kulturelle als auch gesetzliche Unterschiede im Umgang mit Alkohol.

Meine ersten Erfahrungen mit Alkohol machte ich im Teenageralter, als ich als Austauschschülerin im Ruhrgebiet war. Meine Austauschpartnerin und ich waren beide 16 – in Deutschland das Alter, ab dem man legal trinken darf –, und so pflegten wir uns am Wochenende mit ihren Freunden in der Lokalkneipe zu treffen, herumzusitzen, zu reden und ein oder zwei Bier zu trinken. Das Ganze fühlte sich sehr zivilisiert und erwachsen an. Im Unterschied dazu fanden meine jugendlichen Trinkerfahrungen in Melbourne unweigerlich in Parks oder ohne elterliche Aufsicht bei Freunden zu Hause statt und die Leute tranken, was immer sie in die Finger kriegen konnten. In der Regel bedeutete dies Großpackungen mit Dosenbier oder billigen Fusel. Eine meiner Freundinnen bevorzugte Wodka. Nicht, weil sie den Geschmack mochte, sondern weil er "billig und effizient" war. Eine andere wiederum hatte eine Sammlung von Straßenschildern in ihrem Zimmer, die sie klaute, wenn sie nach diversen Park-Besäufnissen in den Straßen herumstreifte. Alkohol war verboten und aufregend und die Devise lautete Quantität, nicht Qualität.

VERFÜGBARKEIT UND KONSUM

Wenn man der australischen Organisation DrinkWise glauben darf, gehen Australier verantwortungsvoller mit Alkohol um als noch vor zehn Jahren. Aber einige vertreten immer noch eine 'Ganz oder gar nicht'-Einstellung zum Alkohol, und alkoholbedingte Gewalt verursacht Polizei und Entscheidungsträgern nach wie vor große Kopfschmerzen. Das Australische Institut für Kriminalistik berichtete 2017, dass es "in Australien eine fest etablierte Trinkkultur des 'Trinkens, um sich zu betrinken' gibt". Haben wir von unserem Mutterland ein gestörtes Verhältnis zum Alkohol geerbt? Handelt es sich um ein Überbleibsel des berüchtigten Sechs-Uhr-Besäufnisses der 1960er Jahre, als Bars bereits um 18 Uhr schließen mussten? Oder liegt es vielleicht daran, dass wir das Weinfass erfunden haben? Natürlich hat auch Deutschland seine betrunkenen Rowdys und seine Probleme mit Alkoholsucht, aber beim Ausgehen in Berlin ist es trotzdem weniger wahrscheinlich, auf unprovozierte Aggressionen zu stoßen oder jemanden in einen städtischen Mülleimer kotzen zu sehen.

Eine der zahlreichen Kreuzberger Bars. Eine der zahlreichen Kreuzberger Bars. | © Brianna Summers Deutschland blickt auf eine lange und stolze Brau-Tradition zurück und Bier wird vergleichsweise gering besteuert, sodass es in etwa so viel kostet wie Wasser. Alkohol findet sich in Berlin überall, aber exzessives Trinken mit dem Ziel, sternhagelvoll zu werden, scheint sich hauptsächlich an Touristen-Brennpunkten (oder hinter verschlossenen Türen?) zu manifestieren. Bietet die Allgegenwärtigkeit und Erschwinglichkeit von Alkohol womöglich weniger Anreiz zum Horten und Komasaufen? Bier, Wein und Spirituosen kann man in jedem Späti (auch nachts geöffneten Convenience Stores) kaufen und Identitätsprüfungen sind dünn gesät. Sogar Geschäfte wie Rossmann, das deutsche Äquivalent von Priceline, verfügen über eine respektable Weinauswahl. Tag und Nacht sieht man Leute auf der Straße herumlaufen, von deren Hand locker eine Halbliterflasche Bier schwingt.

Ein Aussteigen aus der allgemeinen Bierseligkeit kann in beiden Ländern Stirnrunzeln auslösen. Bei sozialen Anlässen nichts zu trinken, kann in Australien Fragen oder etwas 'nett gemeintes' Sticheln auf sich ziehen. Nichtalkoholische Optionen sind häufig auf Cola, Sprite, Fanta & Co. beschränkt, während es in Deutschland für Wenig- oder Nichttrinker eine breitere Auswahl akzeptabler Alternativen gibt. So sind die Berliner verrückt nach Club Mate, einer mit Mate-Teeextrakt versetzten Limonade, dazu kommt eine ganze Reihe Bio-Softdrinks mit natürlicheren Aromen. Radler (Bier mit Limo gemischt) ist eine weitere praktische Option für alle, die noch fahren müssen – und anders als der englische Begriff Shandy ist das Wort Radler auch nicht mit negativen Konnotationen besetzt.

TRINKTRADITIONEN

Zu einer feuchtfröhlichen Partynacht in Melbourne gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Altersüberprüfung durch den Türsteher und das Ausgeben mehrerer Runden Alkohol – eine verbreitete Tradition, die zur Teilnahme am gemeinschaftlichen Besäufnis anspornt. Die deutschen Trinkkonventionen variieren je nach Region, aber das Anstoßen vor dem Trinken ist ein universell praktizierter Brauch. Wie bei jeder kulturellen Tradition gibt es auch hier verschiedene Möglichkeiten, etwas falsch zu machen. Die Arme der Trinker dürfen sich nicht überkreuzen (wenn mehrere Personen beteiligt sind) und Blickkontakt ist unabdingbar, wenn sich die Gläser treffen. Ich habe schon erlebt, dass Deutsche ihr Bier tatsächlich von meinem herannahenden Getränk wegziehen, wenn ich sie nicht direkt anschaue. Häufig wird diese Geste auf übertriebene, theatralische Weise mit hochgezogenen Augenbrauen und großen, weit aufgerissenen Augen ausgeführt. Wenn sich die beiden Gläser treffen, kann man aus einer Reihe guter Wünsche wählen, darunter Prost und Zum Wohl, aber auch den Verkleinerungen Stößchen und Prösterchen, die häufig eher ironisch verwendet werden. Sie sind in etwa äquivalent zu Äußerungen wie Clinky Winky oder Cheersy Weersy. Ich habe in diesem Kontext sogar schon das nicht ganz korrekt verwendete englische Wort Cheerio! gehört, was sich dann wie eine etwas verfrühte Verabschiedung anhört, bevor sich der Aussprecher dieser guten Wünsche unter den Tisch trinkt.

Alkoholgeschwängerte Dinnerparty. Alkoholgeschwängerte Dinnerparty. | © Brianna Summers Auch wenn Deutschland und Australien eine Kultur des Vieltrinkens gemeinsam haben, drückt sich ihre Liebe zum Alkohol auf unterschiedliche Art (und mit unterschiedlichen Konsequenzen) aus. Wer in Australien lebt, könnte meinen, dass zwischen Alkohol und Gewalt ein inhärenter Zusammenhang besteht. Auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen und Beobachtungen in Berlin und Melbourne bezweifle ich jedoch, dass das der Fall ist. Wie der in Berlin lebende Journalist Tim Gregg im Sydney Morning Herald schrieb: "Australien hat kein Alkoholproblem. Australien hat ein Gewaltproblem." Trotz seiner eigenen komplizierten Beziehung zur Flasche zeigt uns Deutschland, dass ein hoher Grad an Alkoholkonsum sich nicht automatisch in einen hohen Grad an alkoholbedingter Gewalt übersetzen lässt. Und darauf wollen wir doch mal anstoßen.