Bicultural Urbanite Luke Aufpolierte sowjetische Dekadenz: Im Funkhaus

Das pompöse Foyer des Funkhauses.
Das pompöse Foyer des Funkhauses. | © Nino V. Valpian, Funkhaus Berlin

Bis vor kurzem gehörte das Funkhaus zu Berlins bestgehüteten Geheimnissen. Ich war oft erstaunt, dass dieser pompöse Komplex speziell erbauter Tonstudios, immerhin eine wahre Goldmine für Instagram-Ruhm, nicht permanent von gut gekleideten Millennials überrannt wurde – mit gezückten Smartphones und allzeit bereit, opulente Bilder zu schießen.

Versteckt in einem unwirtlichen Gewerbegebiet in Treptow-Köpenick, liegt die ehemalige Heimat des Symphonieorchesters der DDR – und die seinerzeit größte Radio-Sendeanstalt der Welt – weit genug von Berlins Gentrifizierungszonen entfernt, dass sich die Aufmerksamkeit im Großen und Ganzen in Grenzen hält. Als mein Bandkollege und ich anfingen, dort aufzunehmen, pflegten wir das baufälligen Gelände des riesigen, sich über drei Blocks erstreckenden Areals zwischen spätnächtlichen Sitzungen in vollständiger Isolation zu durchstreifen. Und während die Fetischisierung von Berliner Schauplätzen wegen ihrer düsteren Atmosphäre und historischen Bedeutung gang und gäbe geworden ist (auch ich bin hier zugegebenermaßen nicht ganz unschuldig), war ich von der gespenstischen Melancholie, die die scheinbar endlosen Korridore des Funkhauses durchzog, stets besonders gefesselt. Das Gebäude fühlte sich an, als lebten hier die Geister früherer Zeiten.

Die Gänge von Block A. Die Gänge von Block A. | © Isabelle Beyer

Moderne Institution für musikalische Magie

Aber seit ein privater Unternehmer 2015 das Ruder übernahm, hat sich in der Nalepastraße einiges verändert – langsam aber sicher nahm das Geisterhaus-Flair ab und eine Atmosphäre der Wiederbelebung zog ein. Weit davon entfernt, dieses versteckte Juwel zu ruinieren, scheint der deutsche Unternehmer es erfreulicherweise vielmehr sorgfältig zu einer modernen Institution für musikalische Magie aufzupolieren und so diesen einzigartigen Komplex nach einer langanhaltenden Periode strukturellen Niedergangs seit der letzten Sendung der DDR im Jahr 1991 zu retten.
 
Architektonisch gesprochen bietet das Funkhaus definitiv einiges. Die Anlage wurde von Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich mit bahnbrechendem Schwung erträumt und dann in den 1950er Jahren durch die großzügige Finanzierung des sowjetisch regierten Ostberlin zum Leben erweckt, das darauf erpicht war, den Westen an ostentativem Wohlstand noch zu übertreffen. Aber was das Funkhaus zu etwas so Besonderem macht, ist nicht nur seine unbestreitbare Opulenz; musikalisch gesehen besticht es durch die Tatsache, dass Ehrlich eng mit einem Team von Akustikexperten zusammenarbeitete, um im Hinblick auf akustische Präzision für absolute Perfektion zu sorgen – genau 2,4 Sekunden Echo im größten Orchestersaal, Saal 1, was bis heute in seiner deutschen Genauigkeit Weltklasse ist.

Der majästetische Saal 1 des Funkhauses in seiner ganzen Pracht. Der majästetische Saal 1 des Funkhauses in seiner ganzen Pracht. | © Nino V. Valpian, Funkhaus Berlin

Der unverwechselbare Sound von kreativer Energie

Es überrascht daher nicht, dass das Funkhaus seit seiner Wiederbelebung alle möglichen internationalen Buchungen angelockt hat, wobei es wirklich jeden, von Bon Iver bis Mariah Carey, in den Fingern juckt, seinen Live-Sound mit der überirdischen Resonanz dieser imposanten Hallen aufzupeppen. Aber für den derzeitigen Hype und die Betriebsamkeit um das Funkhaus sind diese namhaften Auftritte nicht allein verantwortlich; ich spürte während meiner Besuche dort in letzter Zeit auch eine andere Art von Aufregung in der Luft – den unverwechselbaren Sound von kreativer Energie. Block A beherbergt schon seit langem ein Nest aus kleineren Privatstudios und Schulen für Musikproduktion, und die Wiedereröffnung der Hauptsäle in Block B als kommerzielle Veranstaltungsorte hat zu neuem Interesse an ihrem ursprünglichen Zweck geführt – nämlich als Tonstudios.
 
Ein Ableger von all dem ist das unternehmerische Vorhaben dreier junger Tontechniker, die im Funkhaus arbeiten. Jonny Zoum, Michelle Moreno und Zak Davies entschlossen sich vor kurzem, den wunderschönen Saal 4 zum ersten Mal seit Jahren als voll funktionsfähiges Studio wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem sie die Idee vor ein paar Monaten in einer Art ausgelassenem Rausch erfolgreich an den Unternehmer herangetragen hatten, öffnete das Trio am 30. Mai 2018 stolz Saal 4 für Buchungen als kommerzielles, professionelles Studio und rettete dabei nicht nur die Sende-Ansprüchen genügende Verkabelung der ursprünglichen Konstruktion, sondern stattete die Räumlichkeiten auch mit einer Auswahl an Nischen-Studiogeräten aus, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.
 
Dieses jüngste Projekt ist ein weiterer entscheidender Schritt in der Wiederbelebung einer der zweifellos eindrucksvollsten und historisch interessantesten Örtlichkeiten für die Produktion und Aufführung von Musik weltweit. Und auch wenn das Funkhaus nicht länger ein privater Spielplatz für eingeweihte Branchen-Insider ist, dient die Art von Energie, die derzeit durch diese antike Schönheit brandet, als Erinnerung daran, dass der Begriff ‚Gentrifizierung‘ nicht ausschließlich in giftigem Ton gegrummelt werden muss – Veränderung und Erneuerung finden sich in allen möglichen Formen und Größen.