Berlinale-Blogger 2017 „Ich wollte mich durch die Kamera meiner Mutter annähern“

Interview mit Hui-chen Huang
Interview mit Hui-chen Huang | © Hui-chen Huang

Regisseurin Hui-chen Huang, Produzentin Diana Chiawen Lee und Redakteurin Jessica Wan Yu Lin präsentierten ihren zarten und sehr direkten Dokumentarfilm „Small Talk“ in der Berlinale-Sektion Panorama Dokumente. Im Mittelpunkt steht Huangs homosexuelle Mutter, die in jungen Jahren unglücklich verheiratet wurde.

Durch den Prozess des Filmens lernte Huang die innere Welt ihrer Mutter kennen, um sie und sich selbst mit der eigenen Vergangenheit zu versöhnen. Das ganze Team von Small Talk ist bezaubernd und das Gespräch mit Hui-Chen Huang war eine große Freude, nicht zuletzt wegen ihrer wunderbar weichen Stimme.

Wie kamen Sie zu der Idee, einen Film über Ihre Mutter zu drehen?

Erstmals dachte ich im Jahr 1998 daran. Da war ich 20 Jahre alt und arbeitete als Trauerfrau auf Beerdigungen. Damals bat ein Dokumentarfilmer darum, meine Schwester und mich bei der Arbeit filmen zu dürfen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Kamera sah, wie sie für Fernsehaufnahmen verwendet wird, außerdem kam ich erstmals mit Dokumentarfilm in Kontakt. Danach dachte ich immer wieder darüber nach, einen Film über unsere Familie zu machen. Zuerst sparte ich etwas Geld, um eine Kamera zu kaufen und belegte dann einen Kurs an einer lokalen Hochschule, um die grundlegenden Techniken zu lernen. Die kleinformatigen Bilder, die man immer wieder im Film sieht, stammen aus dieser Zeit, also etwa aus dem Jahr 1998. Seitdem filme ich meine Mutter, und sie hat sich an die Kamera in ihrem Alltag gewöhnt. Trotzdem war es schwierig, sie zu einem Interview zu bewegen, denn es fällt ihr nicht leicht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Sie wollte nie über diese Geschichten aus ihrer Vergangenheit reden.

Alle denken immer, dass die Kamera eine Distanz zwischen Menschen erzeugt, doch ich wollte mich durch die Kamera meiner Mutter annähern, denn ohne Kamera gäbe es überhaupt keine Gelegenheit, an meine Mutter heranzukommen.

Wie hat Ihre fünfjährige Tochter auf das Projekt reagiert?

Meine Tochter war beim gesamten Dreh dabei. Ein Filmprojekt über unsere Familie, das war für sie natürlich super spannend. Sie liebt es jetzt auch, selbst Fotos zu machen. Wie man am Ende des Films sieht, nahm sie manchmal ihre kleine Spielzeugkamera und machte mich nach. Am Anfang filmte sie mich und stellte mir Interviewfragen, dann ging sie zu meiner Mutter und fragte sie: „Liebst du mich?“ Das Ende ist genau das, was wir mit diesem Film zum Ausdruck bringen wollten: Die Suche und das Streben nach Liebe ist tief in uns allen verankert.

Das Gespräch am Esstisch zwischen Ihrer Mutter und Ihnen ist sehr berührend. Es wirkt wie eine Liebeserklärung, aber gleichzeitig verraten Sie sowohl Ihrer Mutter als auch dem Publikum ein Geheimnis über Ihre Vergangenheit. Ich kann mir vorstellen, dass es emotional sehr schwer gewesen sein muss, dieses Gespräch als Tochter und als Filmemacherin zugleich zu führen. Können Sie uns sagen, wie sich Ihre Gefühle während des Drehs entwickelten und wie Sie das Set gestaltet und die Szene gefilmt haben?

Dies ist in der Tat eine Szene, in der ich meiner Mutter meine Gefühle offenbart habe. Ich war sehr besorgt, dass wir uns unwohl fühlen könnten, also bauten wir drei Kameras auf, eine auf meine Mutter gerichtet, eine auf mich und eine auf die gesamte Szene. Nach dem Aufbauen der Kameras verließ der Kameramann den Raum. Das gesamte Gespräch dauerte drei Stunden und wir mussten eine Menge herausschneiden. Während dieser drei Stunden gab es lange Momente der Stille, da wir beide sehr ungeschickt darin sind, unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Selbst gegenüber der Person, die uns am nächsten ist, können wir keinen zusammenhängenden Satz hervorbringen. Ich wurde einmal gefragt, wie wir diese Szene beendeten. Tatsächlich brach ich am Ende des Gesprächs emotional zusammen und sagte meiner Mutter, es wäre mir lieber, wenn sie zuerst den Raum verlassen würde. Ansonsten hätten wir dort noch endlos gesessen und stille Tränen vergossen. Nachdem sie gegangen war, legte ich meine Arme und meinen Kopf auf den Tisch und weinte solange, bis der Kameramann hereinkam, um die Kamera auszuschalten.

Der Vorteil, wenn man etwas aufnimmt und filmt, ist, dass wir noch einmal einen objektiveren Blick darauf werfen können. Das war in meinem Fall wichtig, denn in der Situation des Gesprächs war ich vielleicht gar nicht imstande, alles korrekt zu verstehen und zu bewerten.

Hat sich nach der Fertigstellung des Films etwas verändert?

Ich habe diesen Film mit dem klaren Ziel gemacht, etwas in der Beziehung mit meiner Mutter zu verändern, und tatsächlich sehe ich nun, dass sich unsere Beziehung in eine sehr gute Richtung entwickelt. Nachdem ich aus unserem Leben einen Dokumentarfilm gemacht hatte und ihn mit meiner Mutter auf dem Golden Horse Festival erstmals im Kino sah, konnte sie plötzlich aus einer gewissen Distanz auf unser Mutter-Tochter-Verhältnis schauen. Sie begann zu verstehen, was zwischen uns passiert war und warum wir uns so und nicht anders verhielten. Normalerweise hat meine Mutter große Stimmungsschwankungen, aber nachdem sie diesen Film gesehen hatte, stabilisierte sich ihre Gefühlslage mit einem Mal und sie war für einen ganzen Monat lang bester Laune. Es freute mich sehr, dass genau die Nachricht bei ihr angekommen war, die ich hatte senden wollen.

Die Interviews mit den Ex-Freundinnen Ihrer Mutter waren sehr unterhaltsam. Sie sprechen darin sehr offen. War es schwer, sie zu finden und die Interviews mit ihnen zu führen?

Die meisten ihrer Ex-Freundinnen leben nicht weit entfernt, deshalb konnte ich sie problemlos finden. Sie willigten aus verschiedenen Gründen ein. Die derzeitige Freundin meiner Mutter redet sehr gern und ihre ehemaligen Freundinnen wollten gern interviewt werden. Vor den Interviews war es jedes Mal etwas peinlich, wenn man sich in der Nachbarschaft begegnete, manchmal beschwerten sie sich auch über meine Mutter. Es ist so, dass sich diese Mütter, die eher in den unteren sozialen Schichten der Gesellschaft leben, nicht so schnell in ihrem Status verletzt fühlen, wie das bei Frauen aus der Mittelschicht der Fall sein mag, denn sie verstehen, dass das Leben nun mal nicht immer leicht ist, es aber unabhängig davon verdient, mit anderen geteilt zu werden.

Wie haben Sie Ihr filmisches Dream-Team zusammengestellt?

Die Produzentin Diana Chai-wen Lee war gerade aus den USA zurück nach Taiwan gekommen und wollte taiwanische Filmschaffende unterstützen. Ich nahm damals an einem ihrer Workshops teil. Den Komponisten Lim Giong traf ich vor 20 Jahren, als er ein sehr beliebter Sänger war. Als ich noch als Trauerfrau arbeitete, kam er einmal, um einem verstorbenen Bekannten seinen Respekt zu erweisen. Als wir uns dann viel später auf der Taiwan-Kinonacht des Busan Filmfests in Korea trafen, erzählte ich ihm von unserer ersten Begegnung, und er fragte mich nach meinem Film. Er sagte dann, dass er gern die Musik dafür komponieren würde, und dass wir uns über die Bezahlung keine Sorgen machen sollten. Hou Hsiao-hsien lernte ich schon vor meiner Zeit als Filmemacherin kennen, als ich in einem sozialen Aktionsnetzwerk arbeitete. Es war sehr mutig von ihm, einen Film von jemandem wie mir zu produzieren, wo ich doch über keinerlei professionelle Filmausbildung verfügte. Als NHK (die japanische Rundfunkgesellschaft, Anm. d. ÜS) in den Film investierte, unterzeichneten wir den Vertrag mit dem Namen von Hou Hsiao-hsiens Produktionsfirma, was die Sicherung finanzieller Unterstützung erleichterte. Es waren wirklich viele großartige Menschen an diesem Film beteiligt.

Herzlichen Glückwunsch für die Auszeichnung mit dem Teddy Award für den besten Dokumentationsfilm. Der Teddy ist der offizielle Preis der Berlinale für Filme mit Bezug zu LGBT-Themen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Dieser Preis bedeutet mir sehr viel. Das ist eine große Anerkennung für alle, die an dem Film mitgewirkt haben. Einen Film kann man nicht allein machen, deshalb bin ich all denen sehr dankbar, die mich dabei unterstützt haben und diesen Film möglich gemacht haben. Der Preis ist das beste Geschenk, das ich mit zurück nach Taiwan nehmen kann – für meine Mutter und für all diejenigen, die sich mit großem Engagement für die gleichwertige Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Taiwan einsetzen.