Berlinale-Blogger 2017 Reflektionen der Wirklichkeit in „Casting JonBenet“

Casting JonBenet
Casting JonBenet | © Netflix / Michael Latham

Jeder kennt zumindest eine: Eine Person, die – egal, in welcher Situation sie sich befindet, welche Geschichte ihr erzählt wird oder welches Drama in den Schlagzeilen der Nachrichten für Aufruhr sorgt, die Einzelheiten nur verarbeiten kann, wenn sie darüber nachdenkt, auf welche Weise es sie persönlich betrifft. Sie sind nicht in der Lage, in die gleichen Fußstapfen zu treten und möchten das vielleicht auch nicht. Aber sie haben immer noch eine Geschichte, eine Parallele oder eine Verbindung mit dem Szenario, Verbrechen, Skandal, Dilemma oder Tratsch auf Lager mit dem sie konfrontiert sind.

Tatsächlich, wie es Casting JonBenet in der Stadt Boulder in Colorado zeigt, kennt jeder mehr als eine Person, die diesen Anforderungen entspricht. Mehr noch: Jeder Einzelne von uns verhält sich auf diese Weise, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Wenn eine Tragödie eintritt und wir reagieren, auch, wenn wir nicht ganz eng oder noch nicht einmal indirekt mit ihr verknüpft sind, so sind unsere Reaktionen doch von unseren eigenen Erfahrungen geprägt. „Ich wollte das auch machen“, könnten wir sagen. „Mir ging es genauso“, könnten wir denken. „Ich verstehe, was sie gedacht haben muss“, verkünden wir. „Das könnte ich gewesen sein“, möchten wir nicht unbedingt aussprechen.
 
Es sind solche Zugeständnisse, die das Herzstück der zweiten abendfüllenden Dokumentation der australischen Regisseurin Kitty Green bilden. Casting JonBenet liegt ein anderer Ansatz zu Grunde als dem in ihrem bejubelten ersten Film Ukraine Is Not a Brothel. Er basiert mehr auf einer Herangehensweise, mit der sie zum ersten Mal in ihrem Kurzfilm The Face of Ukraine: Casting Oksana Baiul gespielt hat. Green reist nach Boulder, um den Mord an der sechsjährigen Schönheitskönigin JonBenet Ramsey mit den dortigen Anwohnern zu erörtern und montiert dann einen Großteil des Films aus deren Kommentaren. Sie unterhalten sich, erinnern sich und teilen ihre Gedanken und Gefühle, die - seit dem besagten Ereignis im Jahr 1996 - verständlicherweise gewachsen sind. Sie tun dies allerdings nicht, um ihr Herz auszuschütten - obwohl genau dieser Drang schnell, glaubhaft deutlich wird - sondern als Teil eines Castings für einen Film, der von diesem viel beachteten Fall handeln soll.

Casting JonBenet Casting JonBenet | © Netflix / Michael Latham Hier vermischt sich tatsächlich Erlebtes mit den ersten Schritten hin zur Fiktionalisierung, und so entsteht etwas neues Kontroverses, kraftvoller als ein Film über JonBenet Ramsey, der in einer der beiden Weisen gemacht wurde. Green befasst sich nicht damit, Fakten herunterzuleiern oder dramatisierte Darstellungen zu vervollkommnen. Es sind Meinungen, Gefühle, Erkenntnisse und Theorien, nicht ihre Genauigkeit oder Wahrhaftigkeit, die im Mittelpunkt der Dokumentation stehen. In der Tat liegt ihr Fokus auf dem Akt der Interpretation von etwas von großer Bedeutung für die Möchtegern-Schauspieler, die sie castet, und das dank der großen medialen Aufmerksamkeit, die mehr als zwei Jahrzehnte umfasst.
 
Zu sagen, dass das Ergebnis beide Sachverhalte aufgreift, die Casting JonBenet inspiriert haben und die Art wie wir solche Ereignisse verarbeiten, ist eine Untertreibung. Allerdings ist es  die Weise in der Green beides schichtet, ebenso wie die Kommentierung des Spielprozesses und die uralte Tendenz, reale Traumata in Unterhaltung und Schauspiel umzuwandeln, die ins Schwarze trifft. Während sich viele Bildschirmfiguren darauf vorbereiten, John Ramsey (JonBenets Vater), Patsy (ihre Mutter), Burke (ihren älteren Bruder), das Mädchen selbst, Gesetzeshüter und andere zu spielen – oder sich bemühen, Green von ihrem schauspielerischen Talent zu überzeugen – motiviert der wohlbekannte Vorfall einige, ihre eigenen vergangenen Schmerzen mit zunehmender Offenheit darzulegen. In ihren Geschichten, genauso wie in ihren Erzählungen über JonBenets Geschichte, könnten die Bindungen, die wir schnüren zwischen dem, was wir sehen und lesen, wie wir reagieren und wie wir mit dem Leben im Allgemeinen zurechtkommen, nicht offensichtlicher oder faszinierender und komplexer sein.

Größtenteils schlicht, aber durchweg intim und elegant gefilmt, indem sie die Frames nicht mit ästhetischen Schnörkeln, sondern mit ernsthaften Geschichten füllt, bietet Green Einblicke in das Vorsprechen für den fiktiven Spielfilm im Film. Diese Szenen sind genauso aufschlussreich wie das Hauptspektakel der Spekulationen, die jeder Schauspieler mit im Gepäck hat, obwohl sie nur ein Vorspiel für das Finale von Casting JonBenet bleiben. In einer Kamerafahrt, die über ein Set fährt, das die Wohnung der Ramseys nachbildet, spielt jeder seine Rolle. Auf einmal werden Schnipsel verschiedener Momente und Einstellungen der zentralen Nacht, als JonBenets Leben endete, gezeigt. Tatsache, Fiktion: Es ist egal. Denn was in der gesamten Dokumentation einmal mehr nachhallt, ist der Einfluss des Lebens in einer solchen aufwühlenden und berührenden Interpretation.