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Berlinale-Blogger 2019
Horror, Honka, Hamburg

Der goldene Handschuh
Foto (Ausschnitt): © Gordon Timpen / 2018 bombero int./Warner Bros. Ent.

Weder Horrorfilm noch Sozialdrama: So wenig, wie sich Fatih Akins neuer Film „Der goldene Handschuh“ entscheiden kann, was er eigentlich ist, so wenig ist sich auch Berlinale-Bloggerin Jutta Brendemühl sicher, was sie von dem deutschen Wettbewerbsbeitrag halten soll.

Von Jutta Brendemühl

Als ich aus dem Kino kam, wusste ich nicht ganz, was ich von Der goldene Handschuh halten sollte. Erst nach einem Tag habe ich mir über den Berlinale-Wettbewerbsbeitrag des mit einem Goldenen Bären ausgezeichneten Regisseurs Fatih Akin eine Meinung gebildet. Am nächsten Tag sah ich nämlich im Berlinale-Palast ein Foto der Filmbesetzung, und auf einmal wurde mir klar: Wenn ein Film über einen (realen) Frauenserienmörder in eine Parodie abdriftet, dann ist auch ein so leidenschaftlicher, wohlmeinender, talentierter Filmemacher wie Fatih Akin vom Weg abgekommen. Einige Dinge sind eben einfach nicht lustig.

Der goldene Handschuh 2 Foto der Filmbesetzung: Margarethe Tiesler, Jonas Dassler, Fatih Akin | Foto (Ausschnitt): © Jutta Brendemühl
Akin porträtiert Fritz Honka, einen kleinen, entstellten, dysfunktionalen und verwahrlosten Versagertypen, der auf der verzweifelten Suche nach Liebe und Normalität in den frühen 70er-Jahren vier Frauen tötete und zerstückelte und so als Jack The Ripper von Hamburg bekannt wurde. Die Hauptrolle spielt hier ein kaum wiederzuerkennender Jonas Dassler, der mit Werk ohne Autor gerade auf der Oscar-Bewerberliste steht. Zugegeben, Make-Up und Kostüme sind großartig, dennoch bietet das starre Korsett des Psychopathen dem Schauspieler kaum Gelegenheit, der Rolle Entwicklungsmöglichkeiten und Facetten zu verleihen. Trotzdem liefert Dassler in diesem eingeschränkten Rahmen eine gute Leistung ab.

Soziales Universum aus Missbrauch und Lethargie

Die Liste der männlichen Nebendarsteller liest sich wie eine Brecht-Revue aus dem 20. Jahrhundert um subproletarische Außenseiter: SS-Norbert, Tampon-Günther, Doornkaat-Max. Schade, dass wir von diesen Charakteren im Goldenen Handschuh nicht mehr erfahren, denn genau diese bilden ja das soziale Universum aus Missbrauch und Lethargie, in dem sich auch Honka befindet. Gemeinsam und doch einsam sind diese Menschen Stammgäste in der realen und noch existierenden Hamburger Rotlichtspelunke Zum Goldenen Handschuh, in der man Bier und Schnaps trinkt, um dem tristen Leben am untersten Rand der Gesellschaft zu entkommen.

Die Opfer sind allesamt Frauen, obdachlos und/oder Prostituierte ohne Hoffnung auf ein besseres Leben und lassen sich auf der Suche nach Alkohol und einem Dach über dem Kopf erniedrigen. Sie folgen Honka in sein Apartment, das sich als Horrorhaus ohne Notausgang entpuppt: Der Geruch von in den Wänden verstecktem verwesendem Fleisch wird hier durch Lufterfrischer mit Tannenduft übertüncht. Honka schreibt den beißenden Gestank der Küche seinen griechischen Nachbarn zu.

Weder Horror-Schocker noch Sozialdrama

Unterm Strich ist Der goldene Handschuh nicht genretypisch genug, um als Horror-Schocker durchzugehen – vom spannungsgeladenen Trailer sollte man sich also nicht in die Irre führen lassen. Es ist keine Geschichte mit moralischer Botschaft oder gar ein Sozialdrama, es werden wenige Begründungen aufgezeigt, und es wird weder relativiert und gerechtfertigt.

Die vier weiblichen Opfer mittleren Alters, allesamt von Missbrauch und Verzweiflung gezeichnete gescheiterte Existenzen, die sich gelegentlich prostituieren müssen, um zu überleben, werden durch die Schauspielerinnen jeweils großartig verkörpert: Jede von ihnen wird so charaktergenau und würdevoll dargestellt, wie es die kurze Zeit, die ihnen auf der Leinwand vergönnt ist, zulässt. Darunter ist auch die beeindruckende Margarethe Tiesel, die man vielleicht noch als Sex-Touristin aus Ulrich Seidls Paradies: Liebe kennt.

Gewaltszenen als „visuelle Schocktherapie“?

Die Frauen stehen ganz bewusst nicht im Zentrum des Films. Fatih Akin gab bei der Pressekonferenz wiederholt zu verstehen, dass er einem Serienmörder Würde verleihen wollte: „Ich wünschte, wir würden in einer Welt ohne Serienmörder leben“, erklärte Akin. „Ich habe versucht, Honkas menschliche Züge einzufangen, wie es auch Heinz Strunk in seinem Roman tut”. Ein künstlerischer Ansatz, der durchaus legitim ist. Aber eben auch nicht sehr bedeutsam.

Akin war sich der #metoo-Debatte natürlich bewusst: „Ich fand, dass man nicht nur über das Thema reden sollte. Die meisten Männer haben keine Ahnung, was Gewalt gegen Frauen eigentlich bedeutet. Sie brauchen eine Art visuelle Schocktherapie. Darum habe ich die Gewalt auch so explizit gezeigt, auch wenn es noch so deprimierend ist.“ Meiner Meinung nach geht diese Formel jedoch nicht auf. Schließlich erfahren wir etwas zum Hintergrund einer der Frauen, die als Kind von Nonnen in einem Heim missbraucht wurde. Über eine andere wird gesagt, dass sie als Zwangsprostituierte in einem Konzentrationslager der Nazis war und auch Honka erzählt, dass sein Vater, ein Kommunist, in einem solchen Lager war. Mehr wird nicht verraten. Fatih Akin wollte sich vor allem auf Honka konzentrieren; den Mann, das Monster. Aber zu welchem Zweck?

Folglich weiß ich nicht so recht, was ich antworten soll, wenn mich Freunde um eine Empfehlung bitten. Eine der Frauen stellt Honka im Angesicht des Todes die über allem schwebende Frage: „Warum?“ Honka schreit zurück: „Was weiß denn ich?“ Das Publikum weiß es auch nicht.
 

Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Originalartikels von Jutta Brendemühl auf GermanFilm@Canada.

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