Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Berlinale-Blogger 2019
Mit Krücken auf der Berlinale

Die Berlinale 2019 navigierte unsere Bloggerin Sarah Ward auf Krücken.
Die Berlinale 2019 navigierte unsere Bloggerin Sarah Ward auf Krücken. | © Sarah Ward

Auf der diesjährigen Berlinale ist sich Sarah Ward jeder ihrer Bewegungen bewusst. Grund dafür: ein gebrochener Knöchel. Wie ist das Festival also für sie gelaufen?

Von Sarah Ward

Wenn Agnes Varda dein Leben beschreibt, hörst du zu.

In ihrem neuen autobiografischen Dokumentarfilm Varda by Agnes thematisiert die legendäre französische Filmemacherin eine Szene aus ihrem bahnbrechenden Spielfilm Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7 (1962). Die besagte Szene, in der die Protagonistin des Films zehn Treppenstufen hinunter läuft, wurde weder geschnitten noch gekürzt. Die Filmemacherin wollte hiermit ein authentisches Gefühl der Situation vermitteln und wie lange es tatsächlich dauert [die Stufen hinunterzugehen]. Das Thema wird zwar nur kurz angeschnitten, trotzdem ist die Szene bedeutungsträchtig. Ohne jegliche Schnitte dauert das Hinuntergehen einer Treppe hier genauso lange wie es tatsächlich dauert.

Schritte zählen

Auf der diesjährigen Berlinale zähle auch ich Schritte. Meine Versuche zu laufen und Treppen rauf und runter zu steigen, dauert auch so lange wie es eben dauert. Das mag offensichtlich erscheinen: Aber es bedeutet auch, dass man eben nicht mal schnell irgendwo hineilen, Abkürzungen nehmen, oder wie auf Autopilot von einem Veranstaltungsort zum nächsten hetzen kann. Mit einem gebrochenen Knöchel, einem verstauchten Fuß, meinen Krücken und manchmal sogar einem Rollstuhl bin ich mir jeder Bewegung bewusst, die ich machen muss, um jeden Film zu sehen. Dazu gehört jeder einzelne Schritt, jede vorsichtige Anstrengung auf der Treppe, wenn es keinen Aufzug gibt, und jeder hilfsbereite Passant.
Die Berlinale auf Krücken.© Sarah Ward
Ich würde zwar niemandem empfehlen, mit einer Verletzung, die die eigene Mobilität stark beeinträchtigt, um die Welt zu reisen und dann auf eines der größten Filmfestivals der Welt zu gehen, aber hier bin ich - und zum Glück ist es eine realisierbare Aufgabe bei einer ziemlich barrierefreien Veranstaltung. Alles braucht nur mehr Zeit und erfordert mehr Organisation. Seit meiner Verletzung scherze ich allerdings darüber, dass ich in der besten Branche arbeite, in der man mit solch einer Verletzung sein kann. Wenn ich auf der Berlinale sitze, Filme anschaue und über sie schreibe, erweist sich diese Annahme als weitestgehend zutreffend.

Freundliche Fremde

Bevor Agnes Varda meine Situation so eloquent zusammenfasste, hat ein anderer Berlinale-Beitrag das auch getan. Lange vor meinem gebrochenen Knöchel angekündigt, könnte die Premiere von The Kindness of Strangers für mich keinen passenderen Titel haben. In Lone Scherfigs wehmütigem Drama verkörpert der Begriff eine bunte Gruppe von unterdrückten Seelen, die sich um ein New Yorker Restaurant versammeln. Für mich, obwohl ich keine Hilfe von Fremden brauche, gilt der Satz für jeden, der eine Tür oder einen Aufzug aufhält, nicht vorbeifährt oder mir den Weg abschneidet, sich nicht sichtbar oder hörbar über mein langsameres Tempo aufregt und versteht, dass meine Zwangslage mich selbst wohl am meisten frustriert.
Die Berlinale auf Krücken.© Sarah Ward
Ein anderer Film, der in meiner Situation einen Nerv getroffen hat und sich mit etwas beschäftigt, das mir derzeit nicht leicht fällt: Gehen. Casey Afflecks Light of my Life serviert eine Mischung aus Leave No Trace, Children of Men und The Handmaid's Tale, ist aber in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Elternsein. Es geht in ihm um die Schritte, die ein Vater unternimmt, um seine jugendliche Tochter, die die einzige überlebende Frau in einer dystopischen Welt ist, darin zu unterstützen ihre eigene Identität zu finden. Die beiden Charaktere sind ständig in Bewegung, immer auf der Suche nach Sicherheit, und finden so immer mehr zusammen. Laufen und sich unterhalten und eigentlich auch alles andere - ist nicht einfach auf Krücken, aber gleichzeitig hat meine Verletzung auch meine Bindung zur Berlinale gefestigt. Wenn ich dieses Festival also in einem kaum mobilen Zustand begehen kann, dann ist es mir auch nicht möglich, ihm zukünftig fernzubleiben.

Top