100. Jahrestag Gallipoli

Martin Bayer - Publizist © Sabrina Wittmann Der 25. April als Jahrestag der Schlacht ist als ANZAC Day der inoffizielle Nationalfeiertag; der sogenannte „ANZAC Spirit“ basiert auf dem tapferen Kampf der australischen und neuseeländischen Freiwilligen; und auch das Selbstverständnis der seit 1901 recht unabhängigen Nation leitet sich daraus ab. ANZAC Kekse und die ikonographische Kopfbedeckung, der slouch hat, sind allgemein bekannte Symbole, die aus jener Zeit stammen. Doch oft reicht das Wissen nicht über diese Schlagworte hinaus. Warum kam es überhaupt zu jener Schlacht, wer war daran beteiligt, und warum scheiterte die alliierte Invasion?

Zu Beginn des Jahres 1915 sah alles danach aus, dass es ein langer, blutiger Konflikt werden würde. Der Weltkrieg war nicht, wie allseits vermutet, Weihnachten 1914 siegreich beendet worden; vielmehr hatten sich die Gegner eingegraben, die Westfront war verhärtet. Auf die anfänglichen Erfolge der russischen Armee folgten katastrophale Niederlagen. Die vergleichsweise kleine britische Armee war in den ersten Kriegsmonaten ausgeblutet worden; die moderne Kriegsführung mit schnellfeuernder, präziser Artillerie und Maschinengewehren forderte ihren Tribut. Auch wenn sich viele Freiwillige auf Seiten der britischen Krone gemeldet hatten, so mussten diese erst ausgebildet werden, da man ohne Wehrpflicht nicht auf Reservisten zurückgreifen konnte, wie beispielsweise in Deutschland oder Frankreich.

Der britische Marineminister Winston Churchill hielt einen Angriff in den „weichen Unterbauch des Osmanischen Reichs“ für erfolgversprechend. Dieses war Ende Oktober 1914 als Teil der Mittelmächte in den Krieg eingetreten, auch in der Hoffnung auf Geländegewinne im Kaukasus und in Ägypten. Der Angriff der Entente sah einen Vorstoß mit einer Schlachtflotte vom Mittelmeer durch die Meerenge der Dardanellen bis Konstantinopel – das heutige Istanbul – vor; die reine Präsenz der Marineverbände sollte das Osmanische Reich zur Kapitulation bringen. Nach diesem Erfolg, so hoffte man, würden die noch unentschlossenen Staaten Bulgarien, Rumänien und Griechenland auf Seiten der Entente in den Krieg ziehen. Zudem ließe sich eine direkte Versorgungsroute zum Russischen Reich etablieren. All dies war darauf ausgerichtet, die Ost- und Südostfront der Mittelmächte entscheidend zu schwächen, um damit einen schnellen Sieg zu erlangen. Die rückblickend risikoreiche Entscheidung, die Operation ausschließlich mit Marineeinheiten durchzuführen, hatte einen triftigen Grund: Der britische Kriegsminister Lord Kitchener wollte unter allen Umständen eine Truppenreduzierung an der Westfront vermeiden. Churchill war einverstanden und argumentierte, die Aktion könne problemlos abgebrochen werden, sollte sie nicht erfolgreich sein.

Die ersten Angriffe begannen am 19. Februar 1915. Nach einer Woche hatte die schwere Schiffsartillerie die osmanischen Geschütze in der Einfahrt zu den Dardanellen zerstört. Die Weiterfahrt in die Meerenge gestaltete sich jedoch aufgrund von Minenfeldern schwierig, und die Minenräumung wurde von Zivilisten auf Fischerbooten übernommen, die von den osmanischen Steilfeuergeschützen immer wieder vertrieben wurden. Aufgrund der flachen Geschossbahn konnte die Marineartillerie jene gut geschützten Verteidigungsstellungen nicht erreichen. Nach einigen weiteren Wochen drängte Churchill auf ein energischeres Vorgehen: Am 18. März lief die gesamte britisch-französische Dardanellen-Flotte aus – darunter 16 Schlachtschiffe – und beschoss konzertiert die osmanischen Forts und Stellungen. Doch wenige Tage zuvor hatte der osmanische Minenleger Nusret ein neues, unentdecktes Minenfeld gelegt, und das Feuer der Küstenbatterien war gut gezielt: Drei Linienschiffe wurden versenkt, die französische Bouvet ebenso wie die HMS Irresistible und die HMS Ocean; drei Schiffe wurden irreparabel beschädigt, vier weitere schwer. Der 18. März ist auch heute noch als „Tag der Gefallenen“ (Şehitler günü) ein Gedenktag in der Türkei, um an die erfolgreiche Verteidigung zu erinnern.

Statt eines siegreichen Durchbruchs führte die alliierte Marineoperation zu einem verlustreichen Desaster: Allein auf der Bouvet waren um die 650 Matrosen umgekommen. Doch statt die Aktion an dieser Stelle abzubrechen, wurde argumentiert, das britische Empire könne eine solche Blamage nicht einfach hinnehmen. Nun sollten in einer Landungsoperation die osmanischen Stellungen niedergerungen werden, um den alliierten Flottenverbänden eine gefahrlose Durchfahrt zu ermöglichen. Die Option, dem eigenen Ansehen hiermit noch mehr zu schaden (und weitaus höhere Verluste an Menschenleben zu erleiden), war nicht bedacht worden.

Am 25. April 1915 begann die Invasion, nachdem sie wegen schlechten Wetters um zwei Tage verschoben werden musste. Lord Kitchener hatte ursprünglich 150.000 Soldaten für einen Erfolg beziffert; doch unter der erneut vorgebrachten Prämisse, die Westfront nicht allzu sehr zu schwächen, bestand die Landungstruppe aus lediglich 70.000 Mann, darunter 30.000 ANZACs – so bezeichnete man das „Australian and New Zealand Army Corps“. Der Hauptangriff erfolgte durch die 29. britische Infanteriedivision gegen Kap Helles, das südliche Ende der Halbinsel Gallipoli. Die ANZAC-Verbände sollten nördlich davon, bei Gaba Tepe, anlanden und die Halbinsel durchqueren, während zwei Scheinangriffe durch die britische Marinedivision bei Bulair und durch das französische Corps expéditionnaire d'Orient bei Kum Kale durchgeführt werden sollten.

Doch schon der erste Tag geriet fast zur Katastrophe: Durch die vorigen Marineangriffe waren die osmanischen Verteidiger alles andere als überrascht, unter ihnen der Befehlshaber der auf Gallipoli angetretenen 5. Armee, der deutsche General Otto Liman von Sanders. Er war am 8. Dezember 1913 als Chef der deutschen Militärmission nach Konstantinopel entsandt und ursprünglich mit der Reorganisation der osmanischen Streitkräfte beauftragt worden. Das Terrain der Halbinsel war geradezu ideal zur Verteidigung: Die Briten stießen auf starken Widerstand und hatten hohe Verluste zu verzeichnen, ohne ihre Ziele erreichen zu können. Zudem waren die ANZAC-Truppen an einer falschen Stelle abgesetzt worden; entsprechend nutzlos waren die zuvor verteilten Karten. Die Soldaten erwartete vielmehr eine Steilküste, von der herab sie von den Verteidigern fast wieder zurück ins Meer getrieben wurden. Ein osmanischer Oberstleutnant zeichnete sich als besonders geschickter Kommandeur aus: Mustafa Kemal, der Präsident der Türkei nach ihrer Gründung 1923 und seit 1934 unter seinem Beinamen „Atatürk“ – Vater der Türken – bekannt.

In den kommenden Monaten führten beide Seiten diverse Angriffe durch, die außer hohen Verlusten nicht zu einer Entscheidung führten – sei es die osmanische Offensive vom 19. Mai, sei es die zweite alliierte Landung, diesmal in der Suvla Bucht ab 6. August. Das deutsche U-Boot U-21 versenkte zudem die britischen Schlachtschiffe HMS Triumph und HMS Majestic, worauf die Briten ihre Marineeinheiten (und damit die schwere Artillerieunterstützung) weitgehend aus dem Kampfgebiet abzogen. Ferner war unterschätzt worden, was eine Invasion auf das Heimatland für seine Verteidiger bedeutet; umso verbissener wurde gekämpft. Doch fast mehr noch als die gegnerischen Kräfte setzten den alliierten Soldaten die klimatischen Bedingungen und die Versorgungssituation zu: Fliegen- und Mückenschwärme, unsägliche Hitze, schlechtes Essen, zu wenig und selten sauberes Wasser, katastrophale sanitäre Verhältnisse und der Gestank der verwesenden Leichen waren enorme Belastungen. Zahllose Soldaten erkrankten und starben an Krankheiten wie der Ruhr.

Am 14. Oktober ersetzte General Charles Monro den bisherigen Befehlshaber der Entente, den glücklosen General Ian Hamilton. Monro beurteilte die Situation und sprach sich für einen Abbruch der Operation aus. Die am 19. November beschlossene Evakuierung begann am 18. Dezember unter widrigsten Wetterbedingungen. Bis zuletzt sollten heftige Kämpfe die Operation begleiten. Am 9. Januar 1916 verließen die letzten alliierten Einheiten Gallipoli. Die Entente hatte fast 188.000 Opfer zu beklagen; unter den Gefallenen waren 34.072 Briten, 9.798 Franzosen, 8.709 Australier und 2.721 Neuseeländer. Die osmanischen Verluste werden teils ähnlich, teils doppelt so hoch veranschlagt.

Letztendlich war keines der Invasionsziele erreicht worden, trotz dieser hohen Verluste. Der Krieg war um keinen Tag verkürzt worden; alliierte Kräfte waren an einer neuen Front verschwendet worden, ohne dass der Hauptgegner dadurch geschwächt werden konnte. Zudem trat Bulgarien nun auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg ein. Churchill musste als Marineminister zurücktreten, und letztendlich hatte das Debakel auch Anteil am Sturz der Regierung von Premierminister Asquith.

Eine entscheidende Frage war jedoch nie gestellt worden: Warum sollte das Osmanische Reich kapitulieren und die drakonischen Bedingungen akzeptieren, auf die sich die Entente bereits geeinigt hatte – nur, weil einige feindliche Kriegsschiffe vor der Hauptstadt erschienen? Ein solches Denken verweist auf eine vergangene Zeit, in der ein Flottenverband ohne die Unterstützung von Bodentruppen als Druckmittel der „Kanonenbootdiplomatie“ ausreichend war. Das Ausscheiden des Osmanischen Reiches aus dem Krieg hätte kaum die erhofften negativen Folgen auf die Kriegführung der Mittelmächte gehabt, und ein schneller alliierter Vorstoß durch den Balkan oder an der Ostfront wäre ein weiterer verlustreicher Trugschluss gewesen.

Somit bleibt die Schlacht von Gallipoli exemplarisch für eine Vielzahl von militärischen Fehlentscheidungen und taktischen wie strategischen Fehleinschätzungen. Als Resultat mussten hunderttausende Soldaten furchtbarste Bedingungen ertragen; mehr als 200.000 wurden verwundet, mehr als 100.000 Soldaten fielen – und doch bewiesen beide Seiten individuellen Heldenmut. Mustafa Kemal fand als Präsident der noch jungen Türkei erstaunliche Worte für den ehemaligen Kriegsgegner: „Ihr, die Mütter, die Ihr Eure Söhne aus weit entlegenen Ländern schicktet, wischt eure Tränen weg. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und ruhen in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“ Es ist wohl dieser Mischung aus gemeinsam erlebtem Verlust, aus Kameradschaft und Stolz zu verdanken, dass das Gedenken an die „Feuertaufe“ der ANZAC-Truppen während des Ersten Weltkrieges trotz weitaus höherer Verluste an der Westfront in den kommenden Kriegsjahren bis heute seinen herausragenden Status in den australischen und neuseeländischen Erinnerungskulturen einnimmt.

Und trotzdem sollte es 100 Jahre nach Ausbruch der Schlacht bei Gallipoli nicht allein bei Erinnerung und Gedenken bleiben: Der Abstand der Geschichte lässt Raum für Reflektion, für die Möglichkeit, eingefahrene Mythen zu hinterfragen, historische Hintergründe zu beleuchten und international zu verbindenden Erinnerungsnarrativen zu finden.