Theaterzeit als Ereignis
Tröpfelnde Sekunden und fliegende Stunden

„John Gabriel Borkman“, Regie: Vegard Vinge, Volksbühne Berlin
„John Gabriel Borkman“, Regie: Vegard Vinge, Volksbühne Berlin | Foto: William Minke

Unser Empfinden von Zeitabläufen ist dehnbar. Langweilt man sich im Theater, werden Minuten zu Stunden. Nur wann langweilt Theater? Aktionsreichtum ist kein Garant für Unterhaltung. Schnelles Theater kann ermüdend sein. Lang angelegte Inszenierungen dagegen können zum Ereignis werden.

Es gibt diese Theaterabende, die ein ganz anderes Zeitgefühl vermitteln. Sie spielen mit der Zeit, dehnen sich und entwickeln einen eigenen Sog. Auf der Bühne wird etwas erzählt und man bildet über Stunden hinweg mit anderen Zuschauern eine eingeschworene Gemeinde. Alleine das kann ein Ereignis sein, als vertiefe sich ein Lesezirkel in einen spannenden Roman. Eine erste Wegmarke dieses Theaters, das episch gedehnt und ohne Rücksicht auf vergehende Lebenszeit erzählt, war ein 1980 von Peter Stein realisiertes Antikenprojekt.

Stein hat als Intendant der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer zusammen mit seinen Schauspielern mehr als ein Jahr lang recherchiert und die Inszenierung aller drei Teile von Aischylos’ Orestie vorbereitet. Man saß neun Stunden und lauschte Steins Prosaübersetzung der Atriden-Trilogie: Agamemnon, Die Choephoren und Die Eumeniden. Es gab zwei längere Pausen, eine Suppentafel und im Theaterraum wurde die Zeit selbst zum Gegenstand des Interesses.

Sekunden tröpfelten

Gleich zu Beginn etwa saß der Wächter auf dem Dach des Königspalastes von Mykene und wartete auf die Meldung, das griechische Heer habe Troja besiegt. Die Inszenierung ließ den Zuschauer das Warten des Wächters spüren. Sekunden tröpfelten. Es war, als habe die Wahrnehmung in einen Slow-Motion-Modus umgeschaltet. Betrachtet man heute, welche Theaterabende in den folgenden dreißig Jahren als Seh- und Hörmarathon angelegt wurden, fällt auf: Es waren immer die großen literarischen Stoffe, die auf die Streckbank des Zeitempfindens gelegt wurden.

Zwölf Jahre nach Peter Steins Orestie konnte man anhand zweier ästhetisch grundverschiedener Inszenierungen eines Klassikers nachvollziehen, wie ganz unterschiedlich Regisseure mit der Theatertexten innewohnenden Erzählzeit umgehen. 1992 gönnte der Intendant der Kammerspiele München, Dieter Dorn, sich beinahe sechs Stunden für seine Inszenierung des König Lear, Frank Castorf, damals frisch gekürter Intendant der Berliner Volksbühne, absolvierte Shakespeares Drama über den König ohne Land in der Hälfte der Zeit. Trotzdem, so der Theaterkritiker Benjamin Henrichs in der Wochenzeitung Die Zeit, habe man die Münchner Kammerspiele „auf leichten Füßen“ verlassen, der Lear an der Volksbühne dagegen sei erdrückend wie eine „bleierne Nacht“ gewesen.

Der Zeit enthoben

Frank Castorf ist es mit einer relativ kurzen Lear-Inszenierung offensichtlich nicht gelungen, den Zuschauer die Zeit vergessen zu lassen. Einige Jahre später gelang ihm das mit Adaptionen großer Romane der Weltliteratur umso besser. 1999 inszenierte Castorf für die Wiener Festwochen eine fünfstündige Bühnenversion von Dostojewskis Dämonen, 2001 nahm er für das Züricher Schauspielhaus Döblins Berlin Alexanderplatz auseinander und setzte das Epos in mehr als fünf Stunden neu zusammen.

Suchen Castorfs dramatisierte Romanfiguren kathartische Momente im epischen Zeitnebel, fühlt man sich als Zuschauer ausgeliefert, der Zeit enthoben. Der Regisseur selbst wurde zum Stammvater eines Theaters, das auf der Bühne eine Entsprechung für das zeitaufwendige Erzählen der Romanliteratur sucht. So gesehen ist es kein Zufall, dass Ende 2011 an der Berliner Volksbühne die bislang radikalste Variante eines mit der Zeit spielenden Theaters zu sehen war. Premiere hatte Ibsens Bankiersdrama John Gabriel Borkman in der Regie des norwegischen Schauspielers und Regisseurs Vegard Vinge. Der sorgte dafür, dass die Bühnenzeit völlig aus den Fugen geriet. Die Zuschauer wussten vor den Vorstellungen nie, wie lange sie im Theater sitzen würden: eine, sieben, neun oder zwölf Stunden.

Zuschauer auf Zeitreise

Vinge gehört zu den Ereignis-Regisseuren, die mit Erwartungshaltungen und Theaterkonventionen spielen. Luk Perceval dagegen geht es noch um traditionelle Bühnenerzählungen, er nimmt die Zuschauer mit auf Zeitreisen durch lange Geschichten. 1999 hatte die deutschsprachige Version von Schlachten in einer Koproduktion der Salzburger Festspiele und des Deutschen Schauspielhauses Hamburg Premiere. Percevals zusammen mit dem Autor Tom Lanoye erarbeitete Panoramasicht auf die englischen Rosenkriege war „lediglich“ ein Konzentrat der Königsdramen Shakespeares. Das Ganze dauerte aber zwölf Stunden und steht in einer Reihe mit Theaterabenden wie Stefan Bachmanns mehr als fünfstündiger Inszenierung von Genesis. Die Bibel, Teil 1, der ein ähnlich umfassender Stoff zugrunde liegt. Die zwischen einem Italo-Western und Beckettschem Endspiel changierende Vergegenwärtigung des Alten Testaments war 2012 am Theater Basel zu sehen. Luk Perceval und Stefan Bachmann gingen nicht den Schritt, den Vegard Vinge 2011 an der Berliner Volksbühne und Nicolas Stemann 2009 mit Elfriede Jelineks Finanzkrisen-Mahlstrom Die Kontrakte des Kaufmanns gegangen waren. Beide Regisseure überließen es den Zuschauern, ob sie während der Vorstellung den Raum verlassen, um sich einen Snack zu holen.

Im Fall der Jelinek-Uraufführung nahm eine vierstündige Leseperformance ihren Lauf, während das Publikum fast schon zur Laufkundschaft wurde. Eines zumindest gewährleistete diese Wendung in der noch nicht so langen Geschichte des gedehnten Theaterabends: Die Zuschauer hatten die Wahl, ob sie sich über Stunden hinweg ununterbrochen einer ganz anderen Zeitrechnung hingeben, oder nicht doch draußen im Foyer für kurze Zeit ins reale Leben eintauchen.

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