Siegfried Mauser im Interview „Klangbilder lernten durch Wagner das Laufen“

Siegfried Mauser: „Wagner schafft aus Klangflächen Bildräume“;
Siegfried Mauser: „Wagner schafft aus Klangflächen Bildräume“; | Foto (Ausschnitt): © Thorsten Mischke

Nicht nur die Bayreuther Festspiele zehren vom Genie Richard Wagners. Auch das Kino zieht eine ganz besondere Wirkung aus seinen Kompositionen. Der Pianist und Präsident der Hochschule für Musik und Theater München, Siegfried Mauser, hat sich eingehend mit diesem Zusammenhang beschäftigt.

Herr Mauser, das meistverwendete Wagner-Stück im Film ist wohl der „Walkürenritt“. Man denkt besonders an „Apocalypse Now“ von Francis Ford Coppola, wobei Coppola nicht der Erste war, der dieses Stück im Film verwendete …

Stimmt. Ich habe zum Beispiel einen Wochenschau-Film entdeckt, der zeigt, wie Kreta von der deutschen Wehrmacht 1941 erobert wird. In dem Moment, wenn die Kampfflieger starten, beginnt der Walkürenritt. Schon davor, in dem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, gibt es eine Stelle, in der Proust sich mit einem Freund eine Fliegerstaffel am Himmel ansieht und sie mit den Walküren vergleicht. Coppola muss Proust oder diesen Wochenschau-Film gekannt haben.

Worin liegt der besondere Reiz des „Walkürenritts“?

In der akustischen Repräsentanz, die ins Geräuschhafte geht. Diese schnellen Tremoli und Glissandi am Anfang, die hören sich an wie Rotoren. Es gibt auch einen wunderbaren Einsatz in Federico Fellinis Achteineinhalb: Der alte Mastroianni muss eine Kur nehmen. Bei ihm, dem Frauenhelden, knackt es überall. Er geht in den Kurpark, mit dem Walkürenritt im Rücken, begegnet den Kurschatten. Nachdem die junge Claudia Cardinale erscheint, kippt das Ganze in den Erzfeind Wagners um, in Rossini.

Entmaterialisierter Klang

Humorvoll-böse ist auch der Einsatz von Wagner-Musik in „Der Große Diktator“ von Charlie Chaplin. Chaplin als Hitler-Verschnitt, der mit der Weltkugel tanzt, während das Vorspiel von „Lohengrin“ erklingt.

Diese Hybris, dieses größenwahnsinnige Abheben ist im Lohengrin-Vorspiel angelegt. Am Anfang ist alles durch das Flageolett der Streicher ins Irreale überhöht, ins Schwebende. Es ist ein entmaterialisierter Klang, eine andere Welt. Lohengrin kommt aus einer anderen Welt und rettet die Königstochter Elsa. Das ist der Kontext.

Gerade in diesem Klang liegt etwas Dunkles …

Ja. Ein tolles Beispiel ist auch Nosferatu von Werner Herzog. Wie der Gast am Gewässer entlanggeht, dann von einer Kutsche zu Klaus Kinski ins Schloss hochgefahren wird. Dazu erklingt das Rheingold-Vorspiel. Es ist ein langsames Ankommen. Sobald die Tür aufgeht, versinkt die Musik. Kinski begrüßt seinen Gast: „Ich habe Sie schon erwartet …“. Das hat eine unglaubliche Wirkung, weil auch das Zeitempfinden durch dieses Rheingold-Vorspiel in eine andere Dimension gelenkt wird.

Neben Filmen, die Musik von Wagner verwenden, gibt es auch viele Filmkomponisten, deren Musik man auf Wagner zurückführen kann. Wie konnte Wagner zu so einem großen Einfluss werden?

Das Scharnier war Erich-Wolfgang Korngold, ein genialisches Wunderkind, Sohn des berühmten Wiener Musikkritikers Julius Korngold, der ein Wagnerianer war. Weil er österreichischer Jude war, wanderte der junge Korngold in den späten 1930er-Jahren nach Amerika aus und ist dort ins Filmgeschäft hineingerutscht. Er war sehr erfolgreich und hatte großen Einfluss auf Max Steiner und andere Hollywoodkomponisten.

Die überhöhte Seite der Musik

Korngold führte also Wagners Leitmotivtechnik in die Filmmusik ein, bei der bestimmte musikalische Motive mit Figuren, Gegenständen, Situationen verbunden werden?

Ja, und die Klangbildtechnik. Dass man über Klangflächenkompositionen Räume schafft, die auch Bildräume werden können. Die Leitmotive sind dabei kleine Klangbilder, die aneinandergereiht werden. Ich sage immer, die Klangbilder haben durch Wagner das Laufen gelernt.

Wenn man die Linie von Korngold weiterzieht, kommt man bei Hollywoodkomponisten wie John Williams an. Seine Musik für „Krieg der Sterne“ ist „Wagner reloaded“, oder?

Schon, aber weniger raffiniert. Bei Wagner gibt es doch eine gewisse Ambivalenz. Beim Speer-Motiv zum Beispiel, das für den Speer Wotans steht, aber auch das Vertragsmotiv ist. Die Verträge können nicht mehr erfüllt werden. Wie drückt sich das aus? Dass das Motiv nie in einer gleichbleibenden Gestalt auftaucht. Darin ist Wagner groß, dass seine Musik diese gestische Seite hat, aber auch eine semantische, eine überhöhte.

Kosmische Symbole

Große Filmregisseure wie Ingmar Bergman waren im Gespräch, den „Ring“ in Bayreuth zu inszenieren. Zuletzt sagte Lars von Trier ab. Warum wohl?

Weil ihm vielleicht, ähnlich wie Bergman, die Musik zu nah war. Er hatte sogar schon ein Konzept für Rheingold und Die Walküre, war sich aber nicht sicher. Wolfgang Wagner hat mir erzählt, dass von Trier sich deshalb ein Wochenende lang im Festspielhaus einschließen ließ. Als er rauskam, meinte von Trier: Ich kann nicht.

Wobei er das Vorspiel von „Tristan und Isolde“ als Leitmotiv in seinem apokalyptischen Film „Melancholia“ einsetzt. Inwiefern fügt sich das Stück in diese Untergangsvision?

Die Grundidee ist, dass diese beiden Gestirne in Melancholia die kosmischen Symbole für Tristan und Isolde sind. Dass der engere Kontakt zur Zerstörung der beiden führt. Wenn sie sich berühren, dann ist der Tod gekommen. Den Einsatz einer Komposition von Wagner habe ich noch nie so erlebt wie in Melancholia. Der Film beginnt mit einer Art szenografischer Choreografie des Tristan-Vorspiels.

Wenn Sie ins Kino gehen, können Sie sich auf etwas anderes als die Musik konzentrieren?

Nachdem ich mich so sehr mit Wagner und der Filmmusik beschäftigt habe, hat sich eingeschliffen, dass ich auf die Musik höre. Dabei möchte ich mich gerne wieder auf den Film konzentrieren.

Sie sollten sich Michael-Haneke-Filme anschauen.

Stimmt. Da gibt es gar keine Musik. Keine schlechte Idee.
 
Professor Dr. Siegfried Mauser gilt als bedeutender Interpret von Klavierwerken des 20. Jahrhunderts. 2002 wurde er als Professor für Musikwissenschaft an die Hochschule für Musik und Theater München berufen, der er seit 2003 als Rektor vorsteht. Seinen Vortrag „Vom akustischen Sehen und visuellen Hören: Richard Wagner und die Filmmusik“ hat er in München sowie unter anderem in Kopenhagen, Mexiko City und Riga gehalten. Als Nächstes wird Mauser in Ljubljana über das Wirken und den Einfluss Wagners sprechen, den er zu Recht den „Urvater der Filmmusik“ nennt.