Gedächtnisorganisationen Herausforderungen bei der Sicherung des digitalen Erbes

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Bibliotheken, Archive und Museen müssen eine wachsende Anzahl und eine große Bandbreite digitaler Objekte auf Dauer erhalten. Das stellt die Gedächtnisorganisationen vor große Herausforderungen.

Im Gegensatz zur klassischen Bestandserhaltung, die ein physisches Objekt bewahrt, ist das Ziel digitaler Langzeitarchivierung nicht der Erhalt eines Datenträgers, sondern der Erhalt digitaler Information und digitaler Interpretierbarkeit. Die besondere Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass digitale Information immer nur mit passender Hard- und Software zugänglich ist. Diese unterliegen jedoch einem stetigen und schnellen Wandel.

Technische Herausforderungen

Digitale Langzeitarchivierung bedeutet für die Gedächtnisorganisationen – Bibliotheken, Archive und Museen – daher, in der Lage zu sein, immer von Neuem die Bedingungen zu schaffen, die zur Nutzung ihrer digitalen Bestände notwendig sind. Die Fähigkeit, digitale Informationen aus Nullen und Einsen, den Bitstrom, unverändert erhalten zu können, ist dabei nur die Grundlage. Darüber hinaus muss die Interpretierbarkeit der Daten erhalten bleiben. Dabei können zwei Strategien unterschieden werden: Zum einen können die digitalen Objekte der aktuellen technischen Umgebung angepasst werden. Die Daten werden dafür in neue Formate überspielt. Zum anderen werden auf aktuellen Systemen alte technische Bedingungen nachgeahmt, die den unveränderten Daten die Umgebung bieten, die für deren Nutzung benötigt wird. Beide Vorgehensweisen sind aufwendig und können Fehlerquellen sein.

Das Problem der Auswahl

Idealerweise sollen Gedächtnisinstitutionen jene digitalen Informationen erhalten, die jetzt oder in Zukunft benötigt werden. Wie aber kann heute abgeschätzt werden, was morgen von Interesse ist? Zwar ist dies ein altes Problem, doch stellt es sich in der digitalen Welt in neuer Schärfe. Im Gegensatz zur physischen Welt können Versäumnisse später viel schwerer korrigiert werden. Informationen, die nicht zeitnah nach ihrer Entstehung gesichert werden, sind oft unwiederbringlich verloren, wenn man später feststellt, dass ihr Erhalt sinnvoll gewesen wäre. Eine digitale Entsprechung zum zufälligen Dachbodenfund wird es nicht geben.

Wie bei ihrer Arbeit im analogen Bereich, treffen Gedächtnisinstitutionen auch im Digitalen eine Auswahl im Rahmen ihrer spezifischen Aufträge und ihrer Möglichkeiten. Doch was macht unser digitales kulturelles, wissenschaftliches und administratives Erbe eigentlich aus und wie kann es bewahrt werden? Angesichts des schnellen Wandels der Formen und der enorm steigenden Menge digitaler Informationen und ihrer Flüchtigkeit ist eine übergreifende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage wichtig. Die Mandate der klassischen Gedächtnisinstitutionen decken hier bislang nur einen Teilbereich ab.

Kosten, Finanzierung und Qualifizierung

Eine der zentralen Herausforderungen ist es, eine breite und solide Finanzierungsgrundlage zu schaffen. Viele Einrichtungen sind bei der digitalen Langzeitarchivierung paradoxerweise bislang vor allem auf temporäre Projektfinanzierung angewiesen. Eng verknüpft mit dem Thema einer dauerhaften Finanzierung ist die Frage, inwiefern für die neuen Aufgaben geeignetes Personal zur Verfügung steht, das auch über Projektzeiträume hinaus langfristig beschäftigt werden kann.

Akteure und Strukturen

Bisher stoßen zahlreiche Gedächtnisinstitutionen schon damit an ihre Grenzen, ihre bereits bestehenden Aufgaben im digitalen Raum fortzuführen. Vor allem kleinere Organisationen sind damit überfordert. Angesichts der langsamen Entwicklung staatlicher Institutionen ist die Rolle privater Initiativen, wie etwa dem Internet Archive, nicht hoch genug einzuschätzen. Wichtig ist auch, dass digitale Langzeitarchivierung nur wirtschaftlich durchgeführt werden kann, wenn es gelingt, die Schöpfer digitaler Informationen in die Bemühungen um deren Erhalt einzubeziehen.

Da viele Institutionen mit den gleichen Problemen konfrontiert sind, ist es entscheidend, zusammen an umfassenden Lösungen zu arbeiten. In Deutschland wird die Kooperation vor allem über Nestor, das deutsche Kompetenznetzwerk für digitale Langzeitarchivierung, organisiert. Fachbezogene Veröffentlichungen und Veranstaltungen bieten den Rahmen für kollegialen Austausch, auf dessen Basis Mitarbeiter qualifiziert sowie Standards gesetzt und kontrolliert werden können.

Ungeeigneter rechtlicher Rahmen

Besonders eingeschränkt wird der Handlungsspielraum für Gedächtnisinstitutionen durch das geltende Urheberrecht. So sind oft Vervielfältigungen und Bearbeitungen notwendig, um eine Information zu erhalten. Diese Maßnahmen sind urheberrechtlich relevant und müssen vom Rechteinhaber genehmigt werden. Eine gesetzliche Schrankenregelung würde hier Erleichterung verschaffen. Doch sie wird von den Gedächtnisorganisationen seit vielen Jahren vergeblich gefordert. Damit zwingt der derzeitige gesetzliche Rahmen die Gedächtnisinstitutionen zu einer digitalen Amnesie beziehungsweise dazu, bei der digitalen Langzeitarchivierung Rechtsverletzungen in Kauf zu nehmen.

Breite Debatte über das kulturelle Erbe

Ein Großteil der deutschen Gedächtnisorganisationen hat sich zum Ziel gesetzt, die gesellschaftliche Aufgabe der Sicherung von kulturellem, wissenschaftlichem und administrativem Erbe auch in der digitalen Welt wahrzunehmen. Dabei wird dies von Seiten der Geldgeber immer noch nicht als gleichberechtigte Kernaufgabe der Gedächtnisorganisationen gesehen. Überdies fehlt eine abgestimmte nationale Strategie zur digitalen Langzeitarchivierung. Auch der derzeitige rechtliche Rahmen erschwert die Fortführung der Aufgaben der Gedächtnisorganisationen im Digitalen.

Die Gedächtnisorganisationen können es nicht alleine leisten, neue Rahmenbedingungen für den Erhalt des digitalen kulturellen Erbes zu schaffen. Es bedarf vielmehr einer breiten Debatte in der Gesellschaft.
 

Der Beitrag ist eine redaktionell bearbeitete Version von: Tobias Beinert/Armin Straube: Aktuelle Herausforderungen der digitalen Langzeitarchivierung. In: Paul Klimpel und Jürgen Keiper (Hrsg.): Was bleibt? Nachhaltigkeit der Kultur in der digitalen Welt. Berlin 2013