Künstler zu Gast Pepa Hristova über ihre Fotoserie „Sworn Virgins“

Pepa Hristova „Sworn Virgins“
Pepa Hristova „Sworn Virgins“ | © Pepa Hristova

Im Rahmen des Brüsseler Summer of Photography stellte die in Hamburg lebende Fotografin Pepa Hristova ihre Serie „Sworn Virgins“ über die letzten Mann-Frauen Europas aus.

Im Norden Albaniens gilt bis heute eine mündlich überlieferte Gesetzessammlung aus dem Mittelalter. Diese sieht vor, dass Familien, die ihr männliches Oberhaupt verloren haben, eine Frau als Stellvertreterin bestimmen können. Diese muss jedoch ein unwiderrufliches Gelübde ablegen: Sie muss schwören, ihre Jungfräulichkeit für immer zu bewahren und ein Leben als Mann zu führen. Im Laufe der Zeit werden die in der Landessprache „Burrneshas“ genannten Frauen außerhalb der Familie gar nicht mehr als Frauen erkannt. Pepa Hristova setzt sich in ihren Arbeiten stets mit Fragen der Identität und des Identitätsverlustes auseinander. Im Interview erzählt sie, wie sie die Mann-Frauen erlebt hat und worauf sie sich beim Summer of Photography besonders freut.

Frau Hristova, die sogenannten „Sworn Virgins“ oder „Burrneshas“ in der Landessprache sind die letzten Schwurjungfrauen Europas. Es gibt nur noch sehr wenige, alle leben in Albanien. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Ich habe durch eine Freundin in Bulgarien, die Kulturanthropologin ist, von den „Burrneshas“ erfahren. Sie hat mir 2006 von dieser Tradition erzählt und ich war sofort elektrisiert. Ich wusste das ist mein Thema und bin in die Region gefahren. In Albanien soll es noch um die 100 „Burneshas“ geben und nach meinem letzten Besuch hatte ich den Eindruck, die Berge wimmeln noch von Mann-Frauen. Durch die Armut und durch die Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt und den Großstädten kehren viele junge Leute zurück in ihre Heimatdörfer oder die Heimatdörfer ihrer Eltern. Und dort sind diese Traditionen noch erhalten und verbreitet.

Institutioneller Geschlechterrollenwechsel

Wie haben Sie ihre Rolle in der Gesellschaft empfunden? Sind sie in der Gesellschaft anerkannt?

Das ist ein institutioneller Geschlechterrollenwechsel. Alle wissen von dem Rollenwechsel der Frauen. Sie sind gesellschaftlich anerkannt und werden von allen als Mann akzeptiert.

Sie haben mal gesagt, Ihre Bilder gehen immer von Ihren subjektiven Eindrücken aus. Wie haben Sie die „Burrneshas“ in ihren Rollen erlebt?

Sie sind wahnsinnig authentisch in ihrer Männlichkeit und in ihrer Beständigkeit. Man trifft sie und man ist sich sicher, einem Mann zu begegnen. Die Stimme ist tief, die Gesichtszüge sind hart. Wenn man aber ganz intim mit ihnen bleibt, beim Fotografieren in einem separaten Raum mit ihnen alleine ist und wenn sie sich entspannen und vielleicht hinlegen, dann kommt das Weibliche mehr zum Vorschein. Erst dann merkt man, das ist doch kein Mann.

Gibt es einen Unterschied zwischen ihrem Verhalten in der Gesellschaft und wie sie sich Ihnen präsentiert für deine Bilder haben?

Was sie nach außen tragen, das ist auch so. Jeder Mensch verändert sich aber, wenn er in intimere Situationen kommt und in diesen Situationen konnte ich mehr das Weibliche in ihnen herausholen. Ich habe bei dieser Serie sehr streng dokumentarisch gearbeitet, habe aber durch Portraitwiederholungen gleichzeitig versucht mal die Frau, mal den Mann herauszuholen. Das ist aber meine subjektive Empfindung. Es ist ja immer auch der Fotograf, der sich in den Bildern mit seinen Empfindungen und seinem Selbst widerspiegelt.

Künstlerischer Austausch

In Brüssel werden Ihre Bilder u. a. innerhalb der Ausstellung „Power und Play“ zu sehen sein. Inwiefern zeigen die Bilder die Machtverhältnisse der Gesellschaft in denen die Schwurjungfrauen leben?

Diese Tradition der Schwurjungfrauen ist aus einer sehr streng patriarchischen Gesellschaft heraus entstanden. Es existiert eine ganz klare Grenze zwischen Mann und Frau; nur ein Mann kann die Stelle des Familienoberhauptes annehmen. Diese Familien sind ohne Mann, ohne Familienoberhaupt, entehrt. So ist diese Tradition entstanden, dass eine Frau die Stelle annimmt und zum Mann wird. Das spiegelt ganz klar die Machtrolle des Mannes dort. Man muss sich aber auch immer bewusst sein, dass dieser Geschlechtertausch wirklich nur in diesem kleinen Teil des Nordens des Landes existiert.

Beim Summer of Photography werden Ihre Fotografien zusammen mit denen anderer Künstler aus Osteuropa gezeigt. Worin liegt für Sie der Reiz dieses gemeinsamen Ausstellens?

Ich finde es unglaublich interessant, andere Künstler kennen zu lernen, denn ich kenne sehr wenige osteuropäische Künstler. Bis jetzt stelle ich meistens nur in westlichen Kontexten aus, da die Themen, die ich bearbeite, eher unverständlich oder uninteressant für die Gesellschaft dort sind. Ich bin gespannt, was mir da begegnet und was für Gespräche entstehen. Die meisten Künstler die dort ausstellen, leben ja auch, anders als ich, in ihren Herkunftsländern und diesen Austausch finde ich sehr spannend. Ich werde schon in der Woche vor Ausstellungsbeginn in Brüssel sein und freu mich darauf, mir die anderen Ausstellungen anzuschauen.
 

Biografie

Pepa Hristova, geboren 1977 in Sevlievo, Bulgarien, studierte Kommunikationsdesign und Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg. Sie ist Mitglied der Fotografenagentur OSTKREUZ und erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen und Förderungen. 2006 subventionierte die Alfred Toepfer Stiftung ihr Projekt "Was ist wichtig? Eine Fotografische Studie über die Europäischen Werte". 2007 wurde sie für die Joop Swart Masterclass von World Press Foto nominiert und erhielt den jährlichen Fotografieförderpreis von VG Bild-Kunst, der ihr 2012 erneut verliehen wurde. 2008 wurde Hristova Stipendiatin der Akademie der Künste Berlin im Bereich Film- und Medienkunst. Es folgten das Gabriel-Grüner Stipendium für Photografie, der C/O Berlin Talents Award, der Lead Award für Reportage, der Otto-Steinert-Award für subjektive Photografie und das Border Crossers Fellowship der Robert Bosch Stiftung. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin.